1300 Po­li­zis­ten – 14 Fest­nah­men

Groß­raz­zia ge­gen Clan­kri­mi­na­li­tät in Nord­rhein-west­fa­len. Der Staat will Stär­ke de­mons­trie­ren. Aber reicht das?

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - POLITIK - VON AN­NI­KA FI­SCHER, MAT­THI­AS KORFMANN UND CHRISTIAN UNGER

Der Druck auf kri­mi­nel­le Clans wächst: An die­sem Wochenende star­te­ten die bis­her größ­ten Raz­zi­en ge­gen so­ge­nann­te Clan­kri­mi­na­li­tät in Nord­rhein-west­fa­len. In Dort­mund, Es­sen, Duis­burg, Reck­ling­hau­sen, Bochum und Gel­sen­kir­chen kon­trol­lier­ten 1300 Po­li­zis­ten 100 Shis­habars, Wett­bü­ros, Ca­fés und Tee­stu­ben. Mit da­bei: 300 Be­am­te von Zoll, Fi­nanz­be­hör­de und Ord­nungs­amt. In ei­ni­gen Städ­ten lie­fen die Durch­su­chun­gen bis in den Mor­gen. Es sind Or­te, in de­nen Be­hör­den im­mer wie­der Straf­ta­ten und Ord­nungs­wid­rig­kei­ten re­gis­trier­ten oder zu­min­dest Ver­dacht schöpf­ten: Geld­wä­sche, Schwarz­ar­beit, Steu­er­hin­ter­zie­hung, Ver­stö­ße ge­gen den Ju­gend­schutz. Die Raz­zi­en kos­ten Per­so­nal, sind auf­wen­dig ko­or­di­niert. Der Staat will so auch Macht de­mons­trie­ren. „Wir set­zen ein Zei­chen in Rich­tung Kri­mi­nel­le. Aber auch in Rich­tung An­woh­ner, die se­hen sol­len, das wir nicht ta­ten­los zu­schau­en“, sagt ein Be­am­ter un­se­rer Re­dak­ti­on, der schon an Dut­zen­den Ein­sät­zen be­tei­ligt war. Po­li­ti­ker sa­gen of­fen, dass die­se Ein­sät­ze An­woh­nern auch „ein Ge­fühl von Si­cher­heit“zu­rück­ge­ben sol­len. Dies­mal war auch Nord­rhein­west­fa­lens In­nen­mi­nis­ter Her­bert Reul (CDU) wie­der vor Ort. Der Kampf ge­gen Clans ge­hört zum Mar­ken­kern von Schwarz­gelb in NRW, und Reul ge­fällt sich als „Law-and-or­der­mann“. Ter­mi­ne wie die­ser sol­len das Image un­ter­mau­ern.

In Ab­spra­che mit dem Mi­nis­te­ri­um hat­te die Po­li­zei Jour­na­lis­ten vor­ab über die Maß­nah­me in­for­miert. Ka­me­ra­teams dreh­ten die Ein­sät­ze, Re­por­ter no­tier­ten Reuls Sät­ze wie die­se: „Die Raz­zia liegt voll auf un­se­rer Null­to­le­ranz-li­nie. Die kri­mi­nel­len Clan­mit­glie­der sol­len mer­ken, wir las­sen sie nicht in Ru­he – zu kei­ner Zeit und an kei­nem Ort.“

Am Nach­mit­tag ver­kün­de­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um die Bi­lanz der Groß­raz­zia: Dem­nach nahm die Po­li­zei 14 Men­schen fest, stell­te 100 Straf­an­zei­gen. Of­fen bleibt, wie vie­le An­zei­gen am En­de tat­säch­lich zu ei­nem Pro­zess oder ei­ner Ver­ur­tei­lung füh­ren. Die Be­am­ten stell­ten zu­dem mehr als 500 Ord­nungs­wid­rig­kei­ten fest, be­schlag­nahm­ten ver­ein­zelt Mes­ser und Te­le­skop­stä­be und kon­fis­zier­ten nach ei­ge­nen An­ga­ben meh­re­re Hun­dert Ki­lo­gramm un­ver­steu­er­ten Ta­bak. Zwei Dut­zend Be­trei­ber muss­ten ih­re Lä­den so­fort dicht­ma­chen. Grund: Ver­stö­ße ge­gen Bau­recht oder Hy­gie­ne­män­gel. Un­klar ist, wie vie­le der De­lik­te die Po­li­zei bei Gäs­ten fest­stell­te – und wie vie­le bei den Be­trei­bern. Her­bert Reul, NRWIn­nen­mi­nis­ter

Auf gro­ße Netz­wer­ke von Geld­wä­schern oder Dro­gen­händ­lern stieß die Po­li­zei nicht. Es ist eher die Viel­zahl mit­tel­schwe­rer De­lik­te, die auf­fällt.

Auch in Ber­lin gab es am Wochenende Po­li­zei­ein­sät­ze in Bars und Shi­sha-ca­fés. In Neu­kölln be­schlag­nahm­ten Er­mitt­ler am Frei­tag bei ei­ner Raz­zia sie­ben Geld­spiel­ge­rä­te und un­ver­steu­er­ten Shi­sha-ta­bak.

Ei­ne Bran­che boomt. Ob Ber­lin, Es­sen oder Ham­burg – in deut­schen Me­tro­po­len er­öff­nen et­li­che Shi­sha-bars neu. Ju­gend­li­che und Stu­den­ten rau­chen we­ni­ger Zi­ga­ret­ten, aber öf­ter Shi­sha. Jah­re in­ter­es­sier­te der Staat sich kaum da­für, igno­rier­te die Pro­ble­me. Be­trei­ber agier­ten oh­ne kla­re Vor­schrif­ten. Lan­ge gal­ten für Shi­sha-ca­fés nicht die glei­chen Ge­set­ze wie für Rau­cher­knei­pen oder Gast­stät­ten. Erst nach und nach sol­len Vor­schrif­ten für Ju­gend­schutz und Bau­recht nun grei­fen.

Doch ein­zel­ne Bars und Ca­fés fal­len Er­mitt­lern nicht nur da­mit auf, dass sie Vor­ga­ben nicht ein­hal­ten – son­dern als Treff­punkt oder Rück­zugs­raum für Kri­mi­nel­le: Schutz­geld­er­pres­sung, Dro­gen­han­del, schwe­re Ge­walt­ta­ten. Im Fo­kus ste­hen im­mer wie­der Mit­glie­der so­ge­nann­ter Clans. Ge­kom­men sind die ers­ten Fa­mi­li­en in den 1980er-jah­ren, die meis­ten flo­hen vor dem Krieg im Li­ba­non. Deutsch­land tat sich schwer mit den oft Staa­ten­lo­sen mit pa­läs­ti­nen­si­schem oder kur­di­schem Hin­ter­grund. „Li­ba­ne­sen“hat man sie der Ein­fach­heit hal­ber ge­nannt, auch sy­ri­sche Groß­fa­mi­li­en sind auf­ge­fal­len. „Das wa­ren Ge­dul­de­te“, sag­te Mi­nis­ter Reul ver­gan­ge­nes Jahr, „die kei­ne Ar­beit krieg­ten, nicht zur Schu­le ge­hen konn­ten. Die ha­ben sich ih­re ei­ge­ne Welt auf­ge­baut. Das war ein fa­ta­ler Feh­ler der Po­li­tik.“

Vie­le ver­die­nen ihr Geld le­gal. Ein­zel­ne Ver­bre­chen aber mach­ten Schlag­zei­len: et­wa der Über­fall auf das Po­ker­tur­nier im Ber­li­ner Hyatt-ho­tel 2010 oder der Ein­bruch ins Bo­de-mu­se­um 2017 – Beu­te: ei­ne 100 Ki­lo­gramm schwe­re Gold­mün­ze.

Fast im­mer sind die Tat­ver­däch­ti­gen Män­ner, meist sind sie un­ter 30. Der Be­zirk Neu­kölln plant jetzt ein Aus­stei­ger­pro­gramm für Clan­mit­glie­der aus der Kri­mi­na­li­tät, ähn­lich wie es dies schon für Rechts­ex­tre­mis­ten und Dschi­ha­dis­ten gibt. In Es­sen steigt En­de des Mo­nats ei­ne gro­ße Kon­fe­renz mit Hun­der­ten Ex­per­ten zu die­sem Kri­mi­na­li­täts­feld.

„Clans“sind je­doch nur ei­ne Grup­pe, die den Er­mitt­lern Sor­ge be­rei­tet. Im De­zem­ber hat­ten Er­mitt­ler bei Raz­zi­en ge­gen die ita­lie­ni­sche Ma­fia-or­ga­ni­sa­ti­on ’Ndran­ghe­ta in Deutsch­land und an­de­ren Staa­ten fast 90 Ver­däch­ti­ge fest­ge­nom­men. Die­se agie­ren un­auf­fäl­li­ger als die Män­ner ara­bi­scher Clans, die nicht sel­ten Macht­an­sprü­che in ih­rem Vier­tel nach au­ßen tra­gen. Wä­ren ih­re An­hän­ger vor­sich­ti­ger und stil­ler, gä­be es wohl auch we­ni­ger Druck der Po­li­tik, mit gro­ßen Raz­zi­en wie an die­sem Wochenende Stär­ke zu de­mons­trie­ren.

FOTO: B. THIS­SEN/DPA

Will Stär­ke de­mons­trie­ren: Nrw-in­nen­mi­nis­ter Her­bert Reul zeig­te sich bei der Raz­zia.

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