Oh­ne Ei­tel­keit und Zei­ge­fin­ger

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - POLITIK - FRANK QUILITZSCH FREUT SICH ÜBER KLEI­NE MEISTERSTÜCKE DES JOURNALISMUS

In Zei­ten von Fa­ke News und dem Ge­schwin­dig­keits­wahn ge­schul­de­ter Ober­fläch­lich­keit wiegt je­de ge­lun­ge­ne jour­na­lis­ti­sche Ver­öf­fent­li­chung dop­pelt. Ich freue mich über gut re­cher­chier­te und äs­the­tisch ge­lun­ge­ne Bei­trä­ge, die oh­ne Ei­tel­keit und ge­ho­be­nen Zei­ge­fin­ger aus­kom­men.

Zwei Bei­spie­le: Im jüngs­ten Heft des Thü­rin­ger Li­te­ra­tur­jour­nals „Palm­baum“, das zu gro­ßen Tei­len der Bau­haus-avant­gar­de ge­wid­met ist, spricht der Her­aus­ge­ber Jens-fiet­je Dwars mit dem Au­tor und Thea­ter­lei­ter Stef­fen Men­sching über des­sen in ei­nem so­wje­ti­schen Gu­lag an­ge­sie­del­tes Ro­ma­no­pus „Scher­manns Au­gen“. Ein Interview, oder sa­gen wir bes­ser: ein geis­ti­ger Aus­tausch auf Au­gen­hö­he – fach­lich fun­diert, sprach­lich ver­siert, lehr­reich, an­re­gend und an­spruchs­voll zugleich.

Da for­dern sich zwei in der Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts Be­wan­der­te wech­sel­sei­tig zum Dia­log her­aus. Der Fra­ge­stel­ler hat sei­ner­seits ei­ne um­fäng­li­che Jo­han­nes-r.-be­cher-bio­gra­fie und ein Buch über den kom­mu­nis­ti­schen Künst­ler Pe­ter Weiss ver­fasst; ge­mein­sam mit Stef­fen Men­sching bringt er Licht in die dun­kels­ten Ka­pi­tel des Sta­li­nis­mus.

Der In­ter­view­er ver­weist am En­de auf das vom Ver­lag bei­ge­leg­te Le­se­zei­chen mit der Bot­schaft des 800 Sei­ten star­ken Ro­mans: „Auf Gna­de und Lie­be ist das Wel­tall ge­baut.“Mö­gen vie­le Le­ser ent­de­cken, wünscht sich Dwars, wie Gna­de und Lie­be „noch in den ver­lo­rens­ten Win­keln, bei mi­nus 30 Grad, am Wer­ke sind“.

Zwei­tes Bei­spiel: In ih­rem fas­zi­nie­ren­den Do­ku­men­tar­film „Weit“sind Patrick All­gai­er und Gwen­do­lin Weis­ser auf ih­rer An­hal­ter-rei­se um die Welt ei­nem Pa­kis­ta­ni be­geg­net, der sich als Las­ten­trä­ger ver­dingt. Sie zei­gen den Mann, wie er aus sei­nem Elends­quar­tier ins Son­nen­licht tritt, sei­ne Mor­gen­ziga­ret­te raucht und ge­dul­dig war­tet, bis er ei­nen Auf­trag be­kommt: Er soll für ei­nen Käu­fer den Kühl­schrank durch die be­leb­ten Stra­ßen der Stadt bis in die Woh­nung schlep­pen.

Die schein­bar la­pi­da­re Epi­so­de kommt oh­ne Wor­te aus. Schritt für Schritt folgt die Ka­me­ra dem Mann. Mal ist sie vor, manch­mal hin­ter, meis­tens aber dicht ne­ben ihm. Man spürt qua­si, wie der Mann ächzt und schwitzt und oh­ne zu flu­chen sein Schick­sal trägt. Ein­mal setzt er die Last kurz ab, um sei­nem Kör­per ei­ne Pau­se zu gön­nen. Dann legt er sich das Treck­band wie­der um die Stirn und bu­ckelt wei­ter.

Kein Kom­men­tar. Das Ka­me­ra­au­ge be­ob­ach­tet akri­bisch, de­nun­ziert je­doch nicht. Für sei­nen kärg­li­chen Lohn leis­tet sich der Las­ten­trä­ger ein gu­tes Mit­tag­es­sen. Er war­tet. Doch weil es wei­ter kei­ne Auf­trä­ge für ihn gibt, zieht er sich in sein Wohn­loch zu­rück. Die Tür fällt zu, wir wer­den ihn nie wie­der­se­hen. Die­se Bil­der und die Er­kennt­nis, dass es vie­len so geht wie ihm, blei­ben im Kopf.

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