„Sie hat mich Os­tern ein­fach zu sich in die Fa­mi­lie ein­ge­la­den“

Gu­te Nach­barn, gu­te Ta­ten: Pe­tra Ewe­leit ist gern für Men­schen un­ter­wegs und fühlt sich auf die­se Wei­se rich­tig reich

Thüringische Landeszeitung (Weimar) - - THÜRINGEN - VON ES­T­HER GOLD­BERG

Dr. Has­nain Bok­ha­ri lä­chelt, als er sich an die­se Epi­so­de er­in­nert: „Sie hat mich Os­tern ein­fach zu sich in die Fa­mi­lie ein­ge­la­den.“So viel Ver­trau­en. Er hat wohl an­de­res über Deut­sche und de­ren Rück­zug in die ei­ge­ne Fa­mi­lie ge­hört. Was er er­lebt, lässt ihn stau­nen. Er fühlt sich in Er­furt an­ge­kom­men und mit­ten in die­ser Fa­mi­lie von ihr an­ge­nom­men. Auch von den er­wach­se­nen Kin­dern Pe­tra Ewe­leits.

14 Jah­re ist es nun her, dass Pe­tra Ewe­leit erst­mals dem eins­ti­gen Stu­den­ten der Wil­lyBrandt-School in Er­furt be­geg­net ist. Sie, die 15 Jah­re lang Lei­te­rin des Pro­jek­tes „Frem­de wer­den Freun­de“war, kennt zwar da­mals schon vie­le Men­schen aus an­de­ren Län­dern. Und sucht für die­se Frem­den auch gern deut­sche Pa­ten. Das klappt recht gut. Sie schätzt, sie hat bis da­hin um die 250 Pa­ten­schaf­ten ge­stif­tet, heu­te sind es 1500 ...

Sie staunt, als ihr die deut­schen Pa­ten er­zäh­len, wie gut es ih­nen mit die­ser Pa­ten­schaft geht, die zu­meist zwei Jah­re dau­ert. Dann ge­hen die Stu­den­ten zu­meist wie­der zu­rück in ih­re Län­der. Mal be­su­chen die Pa­ten sie dort. Mal gibt es ein be­son­de­res Es­sen. Und im­mer gibt es viel neu­es Wis­sen über die eins­ti­gen Frem­den und ih­re fer­nen Län­der. „Ich woll­te so et­was auch end­lich er­le­ben und ha­be mir da­mals eben­falls ei­nen Stu­den­ten ge­sucht.“Dass es mit dem 23-Jäh­ri­gen so gut klappt, hat sie ge­hofft. Wis­sen konn­te es nie­mand. Heu­te ist der Kon­takt zwi­schen Pe­tra Ewe­leit und Has­nain Bok­ha­ri die äl­tes­te Pa­ten­schaft, die es in Er­furt gibt. Aus dem eins­ti­gen Stu­den­ten ist ein Dok­tor der Phi­lo­so­phie ge­wor­den. Pe­tra Ewe­leit ist stolz dar­auf. Der hat’s drauf. Und sie darf das mit er­le­ben.

Auf dem Tisch im Wohn­zim­mer ste­hen Coo­kies. „Die isst Has­nain so gern“, sagt Pe­tra Ewe­leit. Und er greift auch so­fort zu, lä­chelt dabei. Da sind zwei, die wirk­lich ver­traut sind. „Wenn ich Er­furt mal ver­las­sen soll­te, ver­las­se ich auch Fa­mi­lie“, lä­chelt er sei­ne Pa­tin Pe­tra an. Sie nimmt die­ses Kom­pli­ment gern. Sie weiß doch, wie es sich an­fühlt, für an­de­re da zu sein. Das macht sie seit Jah­ren. Nicht nur bei den aus­län­di­schen Stu­den­ten. Da­von er­zählt sie nicht, aber Has­nain Bok­ha­ri tut es. „Sie hat ei­nen Stu­den­ten aus Sy­ri­en mit zu den Wirt­schafts­ju­nio­ren ge­nom­men und den Leu­ten er­klärt, dass hier ei­ner sei, der gern ar­bei­tet“, be­schreibt Bok­ha­ri sei­ne Pa­tin. Und tat­säch­lich hat die­ser Ein­satz ge­hol­fen. Der Mann hat in­zwi­schen ei­ne fes­te Stel­le. Un­weit ih­rer Woh­nung lebt ei­ne Flücht­lings­fa­mi­lie, der sie so lan­ge ge­hol­fen hat, bis die wirk­lich ein Stück an­ge­kom­men ist. Ei­ner Fa­mi­lie aus Ma­lay­sia hat sie ge­mein­sam mit an­de­ren ei­ne VierRaum-Woh­nung or­ga­ni­siert ... „Sie brau­chen doch Un­ter­stüt­zung“sagt Pe­tra Ewe­leit. Und: „Ich sor­ge gern für an­de­re“. Die ei­ge­nen Kin­der und En­kel ver­ste­hen das. Ob­wohl sie es gut fän­den, Mut­ter trä­te lang­sam mal ein biss­chen kür­zer. Das zu sa­gen, macht je­doch kei­nen Sinn. Sie will es nicht an­ders.

Des­halb geht die eins­ti­ge Leh­re­rin Pe­tra Ewe­leit und Has­nain Bok­ha­ri ver­bin­det mitt­ler­wei­le die äl­tes­te Pa­ten­schaft im Pro­jekt „Frem­de wer­den Freun­de“in Er­furt. Seit  Jah­ren ken­nen sie sich mitt­ler­wei­le. Fo­to: Es­t­her Gold­berg auch je­de Wo­che in die Volks­hoch­schu­le – sie gibt Eng­lisch. Im Nach­bar­raum bie­tet Has­nain Bok­ha­ri eng­li­sche Kon­ver­sa­ti­on an. Zu­sätz­lich zu sei­ner Ar­beit an der Uni Er­furt, an der er bis En­de ver­gan­ge­nen Jah­res das Kon­zept „Kor­an­schu­len in Pa­kis­tan“und den Aus­tausch zwi­schen Uni­ver­si­tät und pa­kis­ta­ni­schen Kor­an­schu­len auf den Weg ge­bracht hat. Und zu­sätz­lich zu sei­ner Ar­beit in dem Pro­jekt „Frem­de wer­den Freun­de“. In der Volks­hoch­schu­le lä­cheln sie sich an. Kol­le­gen un­ter sich.

Wenn die bei­den mal zwei Wo­chen nichts von­ein­an­der hö­ren, gibt es ei­nen An­ruf. Al­les gut? Ja. Fa­mi­liä­re Nest­wär­me ist an kein Al­ter ge­bun­den, sagt sie. So ent­stand ei­ne Ver­traut­heit, die mitt­ler­wei­le groß ge­nug ist, dass Pe­tra Ewe­leit von Has­nain zur Oma eh­ren­hal­ber er­nannt wur­de, als vor zwei Jah­ren sei­ne klei­ne Ei­leen zur Welt kam.

So rich­tig klar ist den­noch nicht, war­um Pe­tra Ewe­leit sich nicht lang­sam zu­rück­lehnt und ein­fach sagt, sie ha­be ge­nug ge­tan. Das hat sie zwei­fel­los. „Die­ses Mit­ein­an­der ist doch kei­ne Ein­bahn­stra­ße. Ich be­kom­me viel zu­rück, auch wenn ich das nicht er­war­te.“Sie sagt, ihr Le­ben ist auf die­se Wei­se rei­cher.

Den­noch trifft sie auch mal ei­nen Fett­napf. Wie kürz­lich, als sie Has­nain er­zählt, dass sie kurz ent­schlos­sen am Wo­che­n­en­de in Ober­hof ge­we­sen sei. „Na, dan­ke“, re­agiert der ver­gnatzt. O je. Sie ver­steht plötz­lich gar nicht mehr, war­um sie ihn nicht ge­fragt hat. Sie wa­ren doch schon ei­ni­ge Ma­le zu­sam­men auf Ski­ern. Es ge­fällt ihm, sie weiß es. „Das nächs­te Mal“, sagt sie. Und Has­nain Bok­ha­ri lä­chelt. Schon gut.

Auch Müt­ter den­ken nicht im­mer an al­le und al­les. Seit er das ers­te Mal in die­se Fa­mi­lie ein­ge­la­den wur­de, fühlt er sich als drit­tes Kind dort. Er­wach­sen wie die bei­den an­de­ren. Und ge­nau­so selbst­ver­ständ­lich will­kom­men.

• Mit der Ak­ti­on „Gu­te Nach­barn - gu­te Ta­ten“wol­len wir mit Ih­rer Hil­fe Thü­rin­gern Dank sa­gen, die sich für ei­ne gu­te Ge­mein­schaft stark ma­chen. Lan­des­wel­le Thü­rin­gen, Pa­ri­tä­ti­scher Wohl­fahrts­ver­band und TLZ wol­len zei­gen: Thü­rin­gen ist das Land der gu­ten Nach­barn und der gu­ten Ta­ten. Wenn Sie ei­nen ganz be­son­de­ren Men­schen ken­nen, schrei­ben Sie uns. Wir über­ra­schen ihn ger­ne und be­rich­ten über ihn. Wei­te­re In­for­ma­tio­nen: www.tlz.de/gu­te­n­ach­barn­gut enach­barn@tlz.de

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