Hei­li­ge, zer­ris­se­ne Stadt

Die USA ver­le­gen ih­re Bot­schaft in Is­ra­el nach Je­ru­sa­lem – dort wer­den die Grä­ben zwi­schen den Be­völ­ke­rungs­grup­pen noch tie­fer

Thüringische Landeszeitung (Weimar) - - POLITIK - VON THO­RE SCHRÖ­DER

Die Bü­ro­kra­tie hät­te den Tri­umph bei­na­he noch ver­hin­dert. Ei­ne drei Me­ter ho­he Mau­er woll­ten die Ame­ri­ka­ner um ih­re di­plo­ma­ti­sche Ver­tre­tung im Je­ru­sa­le­mer Stadt­teil Ar­no­na bau­en, au­ßer­dem ei­ne neue Stra­ße als Flucht­weg. Doch weil das ge­gen die Bau­vor­schrif­ten ver­stieß, muss­te Fi­nanz­mi­nis­ter Mo­sche Kahlon in die­ser Wo­che erst noch ei­ne Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung un­ter­schrei­ben. Jetzt kön­nen die Ar­bei­ten los­ge­hen.

Am 14. Mai, dem 70. Jah­res­tag der is­rae­li­schen Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung, wird US-Bot­schaf­ter Da­vid Fried­man sein Bü­ro von Tel Aviv nach Je­ru­sa­lem ver­le­gen. Im De­zem­ber 2017 hat der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Do­nald Trump Je­ru­sa­lem of­fi­zi­ell als is­rae­li­sche Haupt­stadt an­er­kannt. Für Re­gie­rungs­chef Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu ist das ein po­li­ti­scher Sieg. Wie vie­le Is­rae­lis sieht er in Je­ru­sa­lem die „ewi­ge, un­teil­ba­re Haupt­stadt“sei­nes Lan­des. So steht es auch in ei­nem Ge­setz von 1980, das den West- und den 1967 im Sechs-Ta­ge-Krieg er­ober­ten Ost­teil der Stadt für ver­ei­nigt er­klär­te. Die meis­ten Staa­ten ha­ben die­sen Schritt aber nicht an­er­kannt, weil der völ­ker­recht­li­che Sta­tus der Stadt noch nicht de­fi­ni­tiv ge­klärt ist.

Doch an den Rea­li­tä­ten wird auch die po­li­ti­sche Ges­te der Ame­ri­ka­ner nichts än­dern. „Je­ru­sa­lem bleibt fak­tisch ei­ne ge­teil­te Stadt“, sagt Ra­mi Nas­ral­lah. Er lei­tet das In­ter­na­tio­nal Pe­ace and Co­ope­ra­ti­on Cen­ter, das sich für die Be­lan­ge der pa­läs­ti­nen­si­schen Be­woh­ner der Stadt ein­setzt. Das In­sti­tut liegt auf an­nek­tier­tem ara­bi­schen Ge­biet, auf dem die Is­rae­lis nach 1967 den jü­di­schen Stadt­teil French Hill ge­baut ha­ben. Es ist ei­nes in ei­ner gan­zen Rei­he neu­er Vier­tel mit jü­di­schen Wohn­ge­bie­ten, die den ara­bi­schen Teil der Me­tro­po­le zer­schnei­den.

Ziel war auch die Si­che­rung ei­ner jü­di­schen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit. „Un­ser al­tes Ge­biet ist frak­tio­niert, Vo­r­or­te wur­den von der Stadt ab­ge­trennt“, er­klärt Nas­ral­lah. Das gilt um­so mehr für die Ge­gen­den hin­ter der Sperr­mau­er. Mit de­ren Bau ha­ben die Is­rae­lis 2002 wäh­rend der zwei­ten In­ti­fa­da be­gon­nen. Trotz die­ser Maß­nah­men sind rund 40 Pro­zent der 865 000 Ein­woh­ner Je­ru­sa­lems Ara­ber. 1967 lag ihr An­teil noch bei 25 Pro­zent.

Die Zahl der Ul­tra­Or­tho­do­xen wächst

Die ara­bi­schen Be­woh­ner Os­tJe­ru­sa­lems ha­ben zwar kei­nen is­rae­li­schen Pass, ihr blau­es Aus­weis­do­ku­ment be­rech­tigt sie aber, be­stimm­te Di­enst­leis­tun­gen der Stadt­ver­wal­tung – vor al­lem ärzt­li­che Ver­sor­gung und Bil­dung – in An­spruch zu neh­men. Und sie könn­ten an den Lo­kal­wah­len En­de des Jah­res teil­neh­men.

Ost-Je­ru­sa­lem soll­te Haupt­stadt ei­nes un­ab­hän­gi­gen pa­läs­ti­nen­si­schen Staa­tes wer­den. Das war das Ziel. Doch weil die­se Hoff­nung schwin­det, könn­ten sich die 280 000 wahl­be­rech­tig­ten Ara­ber nun um­ori­en­tie­ren. „Sie könn­ten die po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se auf den Kopf stel­len“, sagt Is­ra­el Kimhi, der am Je­ru­sa­lem In­sti­tu­te for Po­li­cy Re­se­arch den For­schungs­be­reich für Je­ru­sa­lem-Stu­di­en lei­tet. 76 Pro­zent der Pa­läs­ti­nen­ser in Ost-Je­ru­sa­lem le­ben un­ter der Ar­muts­gren­ze. Ara­bi­sche Ab­ge­ord­ne­te könn­ten das än­dern.

Um ih­ren Weg zur Macht zu blo­ckie­ren, wol­len Mit­glie­der von Ne­tan­ja­hus rech­ter Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on die ara­bi­schen Stadt­tei­le hin­ter der Sperr­mau­er aus dem Je­ru­sa­le­mer Ver­wal­tungs­ge­biet her­aus­t­ren­nen und in ei­ne neu zu grün­den­de Ver­wal­tung über­tra­gen. Hier hat der is­rae­li­sche Staat ge­gen­wär­tig oh­ne­hin nur be­grenz­ten Ein­fluss, und auch die pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de ist nicht zu­stän­dig. Als Fol­ge wach­sen Häu­ser oh­ne Ge­neh­mi­gung in den Him­mel, sta­pelt sich der Müll auf den Stra­ßen, wird Ab­was­ser un­ge­klärt in Flüs­se ge­lei­tet. Die­se Tei­le los­zu­wer­den, se­hen die rech­ten Po­li­ti­ker als Er­leich­te­rung an, auch wenn es der Li­nie der un­teil­ba­ren Haupt­stadt wi­der­spricht. „Aber funk­tio­nie­ren kann das nicht“, sagt Kimhi. Die Men­schen dort wür­den nach Je­ru­sa­lem hin­ein­drän­gen, um ih­ren Auf­ent­halts­sta­tus und ih­re An­sprü­che zu si­chern.

Die Ver­sor­gung und die In­te­gra­ti­on der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung sind nicht die ein­zi­gen de­mo­gra­fi­schen Pro­ble­me der Stadt. Die zwei­te schnell wach­sen­de ar­me Grup­pe sind die Ul­tra-Or­tho­do­xen. Sie ma­chen mitt­ler­wei­le 35 Pro­zent des jü­di­schen Be­völ­ke­rungs­an­teils aus und ha­ben in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ehe­mals sä­ku­la­re jü­di­sche Stadt­vier­tel schlei­chend über­nom­men. Im­mer wie­der ver­su­chen die From­men, den Be­trieb nicht re­li­giö­ser Ge­schäf­te am für sie hei­li­gen Sonn­abend zu stö­ren. Zei­tun­gen be­schrei­ben die Zu­sam­men­stö­ße als „Schab­bat-Schlach­ten“.

Bei all die­sen Pro­ble­men wird ei­ne Be­völ­ke­rungs­grup­pe fast ver­ges­sen: die Chris­ten. Vor der Staats­grün­dung 1948 glaub­te noch je­der fünf­te Je­ru­sa­le­mer an Je­sus, heu­te sind es 1,5 Pro­zent. Vie­le ara­bi­sche Chris­ten iden­ti­fi­zie­ren sich als Pa­läs­ti­nen­ser, auch sie lei­den un­ter den Auf­ent­halts­be­schrän­kun­gen und der po­li­ti­schen La­ge. Doch die Zei­ten än­der­ten sich ge­ra­de, be­tont Ge­org Rö­we­kamp, der das Je­ru­sa­lem-Bü­ro des Deut­schen Ver­eins vom Hei­li­gen Lan­de lei­tet: „Vie­le jun­ge ara­bi­sche Chris­ten fra­gen sich, ob nicht die ra­di­ka­len Is­la­mis­ten die grö­ße­re Be­dro­hung als die Be­sat­zung sind, ob Is­ra­el nicht auch ei­ne Schutz­macht sein könn­te.“Das ist ei­ne Rol­le, die die Re­gie­rung von Ne­tan­ja­hu im­mer wie­der für sich in An­spruch nimmt. Auf die Be­find­lich­kei­ten der Chris­ten nimmt man Rück­sicht. Als die Gr­a­bes­kir­che im Fe­bru­ar aus Pro­test ge­gen Steu­er­for­de­run­gen ih­re Tü­ren schloss, ga­ben die Po­li­ti­ker schnell nach.

Fo­to: Get­ty

In der Alt­stadt von Je­ru­sa­lem be­ten Ju­den an der Kla­ge­mau­er und Mus­li­me auf dem Pla­teau dar­über, wo auch der Fel­sen­dom steht.

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