Kei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Si­tua­ti­on

Na­tio­nal­thea­ter Wei­mar spielt im E­Werk ei­nen Ab­ge­sang auf den Kom­mu­nis­mus – Der Abend „Ciao, bel­la, ciao!“ver­liert sich im Dis­kurs

Thüringische Landeszeitung (Weimar) - - KULTUR & FREIZEIT - VON MICHA­EL HEL­BING

Was links ist, be­zie­hungs­wei­se wo, ist ja An­sichts­sa­che. Ei­ne Fra­ge der Per­spek­ti­ve: Im Thea­ter ist’s im­mer je­ne des Zu­schau­ers, wes­halb links auf der Büh­ne rechts be­deu­tet – was stets Ver­wir­rung stif­te­te.

Im Par­la­ment ver­hält sich’s um­ge­kehrt. Weil so­zi­al Pro­gres­si­ve vom Prä­si­di­um aus links sa­ßen, wur­den sie die Lin­ken. Heu­te sit­zen Lin­ke im­mer noch links und hal­ten sich schon des­halb für so­zi­al pro­gres­siv – oder sie wan­dern eben nach rechts.

Im Wei­ma­rer E-Werk schlep­pen sie jetzt an ei­ner Stel­le ein Schild auf ih­re von viel Sperr­holz ge­rahm­te Kas­per­kon­zert­büh­ne (Aus­stat­tung: Ma­rou­scha Le­vy). „Für ein links ver­siff­tes Thea­ter“steht dar­auf zu le­sen. Das ist ei­ne klei­ne Pro­vo­ka­ti­on – und ei­ne Ant­wort auf den Rechts­ruck.

Links ver­sifft ist die­ses Thea­ter auf sei­ne Wei­se: nicht, weil hier links al­les ist, aber eben doch al­les Mög­li­che. Es be­deu­tet am En­de nicht mehr viel mehr als ein gro­ßes Stim­men­ge­wirr.

Die­ser „Abend mit Lie­dern“, den Re­gis­seu­rin Ni­na Gühls­dorff und Dra­ma­tur­gin Ju­lie Pau­cker auf­wen­dig zu­sam­men­stam­mel­ten – und der ins Ufer­lo­se ab­drif­ten wird – be­ginnt als Lie­der­abend. Zu Cho­pins Trau­er­marsch tre­ten sechs trau­rig-trot­zi­ge Clowns be­tre­ten ih­re Ab­schieds­tour­nee an. Sie sind Ge­spens­ter des Kom­mu­nis­mus, dem sie ei­nen gro­ßen bun­ten Ab­ge­sang wid­men: Er­nes­to „Che“Gue­va­ra an der Gi­tar­re, Ro­sa Lu­xem­burg am Bass, Le­nin an der Trom­mel, An­ge­la Da­vis am Ge­sang, Karl Marx „am Text“. Und ein Punk.

Lin­ke Lie­der und lin­ke Bio­gra­fi­en

Che (Na­hu­el Häf­li­ger) sagt ade für al­le: zu lin­ken Ide­en und Lie­dern. „Be­vor sie zu Folk­lo­re ver­kom­men, schnei­den wir sie uns lie­ber aus un­se­rem Fleisch.“Es be­ginnt mit „Bel­la ciao“; das Lied ita­lie­ni­scher Reis­pflü­ck­e­rin­nen, das zum Par­ti­sa­nen­lied wur­de, gibt dem Abend den Ti­tel.

Marx (Chris­toph He­ckel) reißt Sei­ten aus dem Ma­ni­fest und singt Brechts Lob des Kom­mu­nis­mus; Che schwenkt über uns die ro­te Fah­ne. „Er ist das En­de der Ver­bre­chen“, heißt es. Und wir wis­sen, und Brecht wuss­te es auch: Das war er nicht. Aus dem Ein­fa­chen, das schwer zu ma­chen ist, ma­chen sie: „das Ein­fa­che, das ein­fach nicht zu ma­chen ist.“

Le­nin (Max Land­gre­be) stimmt Lou­is Fürn­berg an: „Die Par­tei, die Par­tei, die hat im­mer recht.“An­ge­la Da­vis (Si­mo­ne Müller) in­to­niert Mar­vin Gayes „What’s go­ing on“, Ro­sa Lu­xem­burg (El­ke Wie­ditz) in ei­ner sehr ei­ge­nen Ver­si­on Bob Dylans „Blo­win’ in the wind“.

Mit dem Punk (Mu­si­ker Oli­ver Jahn, der die mu­si­ka­li­sche Lei­tung hat) wer­den sie dann al­le noch mal an­ar­chis­tisch: „Aus dem Weg, Ka­pi­ta­lis­ten, die letz­te Schlacht ge­win­nen wir“, sin­gen sie mit Ton St­ei­ne Scher­ben, „Deutsch­land muss ster­ben, da­mit wir le­ben kön­nen“mit Sli­me.

Das ist ein schö­nes klei­nes Kon­zert mit ei­ni­gem Un­ter­hal­tungs­wert, das da­von er­zählt, wie mu­si­ka­lisch kraft­voll Schau­spie­ler sein kön­nen – und sonst nicht viel. Au­ßer dass sie Wod­ka kip­pen und die Glä­ser zer­schmei­ßen, bleibt ih­nen auf dem Kon­zert­po­di­um we­nig Spiel­raum für Zwi­schen­tö­ne, Ir­ri­ta­tio­nen, An­ar­chie. Es bleibt nur Raum für Kom­men­ta­re – und läuft sonst so durch.

Nach 45 Mi­nu­ten und Kol­lek­tiv­ge­sang mit Pu­bli­kum (Moor­sol­da­ten, Spa­ni­ens Him­mel, In­ter­na­tio­na­le) ist der Abend schon ein­mal sehr am En­de, so wie der Kom­mu­ni­mus. All die­se Lie­der sind oh­ne­hin längst tot – und je­de Zeit braucht ih­re ei­ge­nen.

Das kann’s doch nicht ge­we­sen, den­ken sie sich aber. Die Ge­spens­ter des Kom­mu­nis­mus ha­ben sich selbst in­zwi­schen ab­ge­schminkt, aber die Uto­pie eben noch nicht. Und wohnt nicht je­dem En­de ein An­fang in­ne? Sie ho­len noch mal rich­tig aus – und fin­den kei­nen An­fang und kein En­de mehr. Ei­ne Hal­tung so­wie­so nicht, wes­halb es dem spür­bar zu mehr Tie­fe und Strin­genz be­fä­hig­ten En­sem­ble ei­ni­ger­ma­ßen an Halt fehlt.

Statt­des­sen fol­gen Teil zwei und drei des Abends: Lin­ke Bio­gra­fi­en aus Ost und West, auf In­ter­views ba­sie­rend, so­wie Dis­kurs­ver­su­che mit dem Pu­bli­kum, flan­kiert vom Um­bau des Zu­schau­er­raums, der den Um­bau der Ge­sell­schaft mar­kie­ren soll.

Schließ­lich hat­te Che be­reits ei­ne Stu­die zi­tiert, wo­nach 77 Pro­zent der Deut­schen den Ka­pi­ta­lis­mus skep­tisch se­hen. Dass dar­aus bis­lang nicht viel folgt, könn­te Le­nin er­klä­ren: Ei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Si­tua­ti­on ent­steht, wenn Be­herrsch­te nicht mehr so wol­len und Herr­schen­de nicht mehr so kön­nen wie bis­her. Aber das kommt hier gar nicht vor.

„Es ist kein Trop­fen Blut ge­flos­sen in der so­ge­nann­ten fried­li­chen Re­vo­lu­ti­on“, hört man der­weil von DNTIn­ten­dant Has­ko We­ber, der als ei­ner von elf Ge­sprächs­part­nern Text lie­fer­te. „Und das ist wirk­lich auch ein Man­ko. Denn wer hat denn wirk­lich et­was ris­kiert?“1989 fand dem­nach kei­ne Re­vo­lu­ti­on statt, weil es eben fried­lich blieb.

„Wir brau­chen kei­ne idea­le Ge­sell­schaft“, ließ sich der Ex-Kom­mu­nist Wolf Bier­mann ein. „Wir dür­fen die Men­schen nicht ret­ten wol­len.“Ge­gen Un­recht kämp­fen, ja. Aber kei­ne Ret­tung! Die End­lö­sung der so­zia­len Fra­ge füh­re in die Höl­le. Vom Ak­ti­vis­ten und Po­li­to­lo­gen Vi­ta­lie Sprin­cea­na aus Mol­da­wi­en bleibt der schö­ne Satz er­in­ner­lich: „Ei­ne Uto­pie soll­te ei­ne Lis­te von Zu­ta­ten sein mehr als ein fer­ti­ges Es­sen.“

Die­ser Abend aber über­frisst sich am lin­ken Buf­fet. Er folgt dem Prin­zip des Kom­mu­nis­mus: al­les oder nichts. Und am En­de ist al­les nichts.

• Wie­der am . April (aus­ver­kauft) so­wie . April, . Mai und

. Ju­ni.

Le­nin an der Trom­mel, Ro­sa Lu­xem­burg am Bass, Karl Marx am Text (und an der Uku­le­le): Sze­ne mit Max Land­gre­be, El­ke Wie­ditz und Chris­toph He­ckel aus „Ciao, bel­la, ciao!“. Den Abend mit Lie­dern zeigt das Na­tio­nal­thea­ter im Kes­sel­saal des E-Werks Wei­mar....

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