Über Chi­ne­sen

Thüringische Landeszeitung (Weimar) - - KULTUR & FREIZEIT - VON JOE LITT­LE

Un­se­ren Stamm­platz ha­ben wir so­fort wie­der­ge­fun­den. Die Ein­rich­tung ist na­he­zu un­ver­än­dert, nur die ro­ten Lam­pi­ons stö­ren ein we­nig. Na­tür­lich ha­ben wir uns für den ers­ten Be­such stadt­fein ge­macht, Dick hat so­gar sei­ne na­gel­neu­en Spo­ren an­ge­schnallt. – Leu­te! Sol­che Glücks­ta­ge gibt es ganz sel­ten im Le­ben! Der Sa­loon hat wie­der auf. Hop Sing heißt der neue Wirt. Denn tat­säch­lich stimmt das Ge­rücht: Ein chi­ne­si­scher In­ves­tor hat die Kult­Kn­ei­pe über­nom­men.

Nur Mil­li, Mo­na und Matt sind weit und breit nicht zu se­hen. Bei Shen Te, der Ser­vier­maid, or­dern wir Rind­fleisch süß­sau­er, das ein­zi­ge Ge­richt, das den ver­trau­ten Long­horn­Steaks na­he­kommt. Dabei ent­spinnt sich we­gen der Zwie­beln sehr bald ei­ne fröh­li­che Ka­no­na­de am Tisch. Um die Methan­Emis­si­on ma­chen wir uns kei­ne Sor­gen, die Schlitz­au­gen wah­ren in die­ser Hin­sicht die größ­te To­le­ranz. Wie über­haupt!

Wir sind schier aus dem Häu­schen, stau­nen über die vor­ös­ter­li­che Au­fer­ste­hung ei­ner al­ten In­fra­struk­tur und über die zier­li­chen, netz­be­strumpf­ten Kur­ven Shen Tes. Als Jack zur Fei­er des Tages Bush­fi­re be­stellt, bringt sie ei­ne La­ge bren­nen­den Reis­schnaps. Das Ge­söff schmeckt zwar wi­der­lich, doch nach dem zwei­ten geht es bes­ser, und mit je­der Run­de, so scheint’s, rutscht ihr schwar­zer, kunst­le­der­ner Mi­ni­rock ei­nen Fin­ger­breit hö­her.

Dabei woll­ten wir ei­gent­lich über den Da­ten­skan­dal im Frat­zen­buch dis­ku­tie­ren. Dick meint nur kühl: „Das ha­ben wir im Grun­de schon im­mer ge­wusst.“Na­tür­lich wür­den Nut­zerpro­fi­le aus sämt­li­chen Da­ten ge­ne­riert – und das nicht al­lein zum Zwe­cke der Wer­bung. Als Jack be­haup­tet, die sub­ti­le psy­cho­lo­gi­sche Ein­fluss­nah­me durch Fä­jk­Njuhs und Bots die­ne dem heim­li­chen Ziel der Welt­re­vo­lu­ti­on, po­saunt Bill un­vor­sich­ti­ger­wei­se: „Da­für sind doch die Ro­ten zu­stän­dig!“Dick er­gänzt lei­se: „All die Gu­gels, Äp­pels, Fä­jß­buks und Ama­zons ha­ben Pen­dants in Chi­na. Dort hei­ßen sie Ten­cent, Si­na, Wei­bo, Ali­ba­ba und Bai­du und die­nen der Staats­füh­rung, Dis­si­den­ten als sol­che zu iden­ti­fi­zie­ren, be­vor die­se es sel­ber wis­sen.“

Prompt steht Hop Sing bei uns am Tisch. „Wei­bo gut!“, sagt er. „Lie­fern auch au­ßer Haus. Wenn Or­der bei Wei­bo, 20 Pro­zent Ra­batt!“– „Ein Glück“, meint Bill tro­cken, „dass ihr eu­er ei­ge­nes Frat­zen­buch habt.“– „Fä­jß­buk zu groß und zu teu­er“, ge­steht Hop Sing. „Aber Kultur ist: imi­tie­ren, über­neh­men, bes­ser ma­chen, do­mi­nie­ren.“Mir däm­mert’s: „Des­halb“, sa­ge ich, „habt ihr auch die Ro­bo­tik­fir­ma Ku­ka und zehn Pro­zent An­teil am Daim­ler ge­kauft.“– Sing nickt. „Und jetzt Sa­loon von Holz­dorf“, sagt er, „spä­ter noch Goe­the­haus und Bir­ken­wald.“– Uns ist all das nicht ge­heu­er. Trotz­dem kann sich’s Dick zum Schluss nicht ver­knei­fen, Shen Te nach dem Ab­wasch zu fra­gen. Da lä­chelt die Toch­ter des Him­mels und sagt si­byl­li­nisch: „Vor­her lö­sen bitte drei Rät­sel!“Die Oper ken­nen wir. Und stür­zen ei­ligst da­von. Un­ser vier­stim­mi­ges „Nes­sun dor­ma!“weckt das nächt­li­che Holz­dorf.

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