Über Aus­stei­ger

Thüringische Landeszeitung (Weimar) - - KULTUR & FREIZEIT - VON JOE LITT­LE

Die Weih­nachts­ta­ge – das Fest der Lie­be! – ha­ben un­se­re Ge­füh­le zu­tiefst ver­wirrt. Nun sit­zen wir bei den neu­en Freun­den im Saloon, bei Hop Sing und Shen-Te, und füh­len uns rund­um eu­pho­risch in die­sem Zu­stand des Glücks. Wenn­gleich wir auf der an­de­ren Sei­te doch Mil­li und Mo­na nun wie­der schmerz­lich ver­mis­sen. Und na­tür­lich die Kin­der.

Da macht Dick ei­nen groß­ar­ti­gen Vor­schlag: „Wie wär‘s“, fragt er, „wenn wir vier ein­fach aus­stei­gen, die Ranch und ganz Holz­dorf samt die­sem an­geb­li­chen Frei­staat hin­ter uns las­sen und auf die Wördschinn Ei­länds aus­wan­dern?“Prompt ver­schluckt sich Bill an sei­nem Pfef­fer­minz­tee und prus­tet: „Un­mög­lich! Für die Vieh­zucht sind die In­seln zu klein. Da gibt’s kei­ne Wei­den für die Ex­ten­si­vLand­wirt­schaft.“

„Au­ßer­dem“, wen­det Jack ein, „geht das nicht so ein­fach. Tor­to­la und die Brannt­wein­bucht sind bri­ti­sches Ho­heits­ge­biet, und nach dem Br­ex­it gilt kei­ne Frei­zü­gig­keit mehr.“– „Wenn er über­haupt kommt, die­ser Br­ex­it!“wi­der­spre­che ich.

So­fort er­hit­zen wir uns an der Tor­heit der Bri­ten, aus der EU aus­stei­gen zu wol­len. „Ein ko­mi­scher Ver­ein ist das, der nicht mal per Sat­zung den Bei- und den Aus­tritt prä­zi­se re­gelt“, schimp­fe ich. „Wie­so?“fragt Jack. „Wenn die En­g­län­der nicht mit dem Ver­hand­lungs­er­geb­nis zuf­rie­den sind, kön­nen sie den No-De­al-Br­ex­it wäh­len. Ih­re Wirt­schaft geht dann voll­stän­dig un­ter.“

Ei­ne Zeit lang dis­ku­tie­ren wir über den Brenn­punkt Nord­ir­land. Ei­ner­seits soll es kei­ne Kon­trol­len an der Gren­ze zu Ir­land ge­ben, an­de­rer­seits dür­fen dann dort kei­ne Mi­gran­ten pas­sie­ren. Lo­gisch ist das un­mög­lich. „Über­haupt ha­ben die Bri­ten sich völ­lig ver­schätzt“, be­haup­te ich. „In de­ren Köp­fen spukt die Idee, sie wä­ren im­mer noch ei­ne Welt­macht. Glo­bal Bri­tain, ha­ha!“– „Das ist aber auch erst rund 70 Jah­re her“, be­merkt Jack, „dass ih­re Macht der­art ge­schrumpft ist.“

„Trotz­dem“, in­sis­tiert Dick, „ich will auf die Wördschinns. Zu Mil­li und zu un­se­ren Kin­dern.“Ein star­kes Ar­gu­ment, den­ke ich. Aber Jack, der auf Dick gar nicht ein­geht, sagt: „Man muss ein­fach wei­ter ver­han­deln. Letzt­lich wol­len die Bri­ten doch in Wahr­heit blei­ben.“– „Die Ranch wür­de plei­te­ge­hen, wenn wir aus­stei­gen“, klagt Bill. „Un­ser Le­bens­werk, die Long­hornZucht, wär‘ rui­niert.“

Ein Mo­ment des rat­lo­sen Schwei­gens tritt ein. In­dem er sein Smart­fon wie­der ein­steckt, of­fen­bart Di­ckie kühl: „So­eben ha­be ich on­lein für den Som­mer vier Flug­ti­ckets ge­bucht, zum Preis von 3828 USDol­lar. Bis zum Ab­flug­tag kön­nen wir ja noch ver­han­deln.“

Bill will pro­tes­tie­ren, doch Jack be­schwich­tigt ihn, mil­de lä­chelnd: „Und wenn wir bis da­hin kein Er­geb­nis er­zie­len, be­die­nen wir uns ein­fach des äl­tes­ten Tricks in der EU-Di­plo­ma­tie: Wir hal­ten die Uhr an.“Das ist ein De­al. Wir sto­ßen drauf an.

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