Chan­cen­los op­ti­mis­tisch

War­um die SPD-Ab­ge­ord­ne­te Ba­bet­te Win­ter die Markt­plät­ze ab­klap­pert

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - THÜRINGEN -

Seit An­fang Ja­nu­ar sitzt Ba­bet­te Win­ter im Eu­ro­pa­par­la­ment, die be­ruf­li­che Ve­rän­de­rung kam da­mals für sie sehr über­ra­schend. Trotz­dem, und das ist das Ab­sur­de an ih­rer Si­tua­ti­on, wür­de sie es wohl noch mehr über­ra­schen, wenn sie das Man­dat nach der Wahl En­de Mai be­hal­ten könn­te. Aber da­zu spä­ter.

Erst ein­mal müs­sen die Wahl­be­rech­tig­ten zwi­schen Apo­the­ker­gas­se und Obe­rer Brau­gas­se ab­ge­fan­gen wer­den. An die­sem küh­len Mai­vor­mit­tag sind vor al­lem äl­te­re Men­schen un­ter­wegs. Man­che von ih­nen las­sen sich zu ei­nem Kaf­fee über­re­den und ei­ni­ge so­gar zu ei­nem Ge­spräch, in dem es dann aber we­ni­ger um die EU geht, son­dern um die nied­ri­ge Ren­te und dar­um, dass die Po­li­ti­ker so­wie­so nichts hin­be­kom­men.

„Im­mer­hin wis­sen sie jetzt al­le, dass am 26. Mai nicht nur Kom­mu­nal­wahl ist, son­dern auch Eu­ro­pa­wahl“, sagt Win­ter. Um die 15 Leu­te ha­be sie in ein­ein­halb St­un­den ge­spro­chen, das sei doch gar nicht so schlecht, zu­mal die meis­ten ziem­lich nett ge­we­sen sei­en. An­sons­ten, sagt sie, ge­he es ihr dar­um, sich auch dort zu zei­gen, wo es die So­zi­al­de­mo­kra­ten be­son­ders schwer ha­ben und die Po­pu­lis­ten eher leicht: auf dem Land. Win­ter ab­sol­viert je­den Tag zwei oder drei sol­cher Ter­mi­ne, in Mei­nin­gen, Nord­hau­sen oder Zeu­len­ro­da-Trie­bes. Am Samstag trat sie mit Bar­ley im Er­fur­ter Rat­haus auf, am Sonntag be­such­te sie ei­ne Kir­che im süd­thü­rin­gi­schen Wall­dorf und wan­der­te bei Ober­hof öf­fent­lich­keits­wirk­sam durch den Wald. Am Mon­tag stand sie ne­ben dem Waf­fel­wa­gen in Greiz, am Dienstag de­bat­tier­te auf ei­nem IHK-Po­di­um in Ge­ra, am heu­ti­gen Mittwoch wird sie in Ei­se­nach auf­tre­ten. Da­bei – und da­mit zu dem Ab­sur­den im ak­tu­el­len Le­ben von Ba­bet­te Win­ter – weiß sie schon, dass die gan­ze Mü­he ver­geb­lich sein dürf­te. Zu­min­dest für sie per­sön­lich. Die­se Ein­sicht ist das Re­sul­tat ei­ner ein­fa­chen Ma­the­ma­tik­auf­ga­be. Und die geht so: Deutsch­land wird 96 Ab­ge­ord­ne­te ins nächs­te EU-Par­la­ment schi­cken. Das heißt, wenn die SPD ent­spre­chend den ak­tu­el­len Um­fra­gen auf 16 Pro­zent kä­me, er­hiel­te sie wahr­schein­lich 15 oder viel­leicht 16 Sit­ze. Win­ter je­doch steht auf Platz 27 der Bun­des­lis­te, al­so min­des­tens zehn Po­si­tio­nen von den si­che­ren Plät­zen ent­fernt.

Das al­les hat nichts mit Win­ter zu tun, son­dern aus­schließ­lich da­mit, dass die hie­si­ge SPD ein über­aus klei­ner ost­deut­scher Lan­des­ver­band ist, der ge­gen die gro­ßen west­li­chen kei­ne Chan­ce hat: Schon auf dem Lis­ten­vor­schlag der Par­tei­spit­ze, den sie No­vem­ber vor­leg­te, wur­de der da­ma­li­ge Thü­rin­ger Ab­ge­ord­ne­te Ja­kob von Weiz­sä­cker auf ei­nen aus­sichts­lo­sen Platz ge­setzt. Der Volks­wirt, der vier Jah­re in Brüs­sel und Straß­burg die Fi­nanz­po­li­tik mit­ge­stal­tet hat­te, nahm den Not­aus­gang. Kurz vorm No­mi­nie­rungs­par­tei­tag im De­zem­ber wech­sel­te er auf ei­ne Ab­tei­lungs­lei­ter­po­si­ti­on im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um. Es gab nicht we­ni­ge in der Par­tei, die dies als Flucht ver­stan­den, die Lan­des­vor­stands­sit­zung nach der Ent­schei­dung ge­riet fast zum Tri­bu­nal für den Ab­ge­ord­ne­ten. Doch vor al­lem für Win­ter war die Si­tua­ti­on schwie­rig: Sie hat­te 2014 die No­mi­nie­rung ge­gen von Weiz­sä­cker ver­lo­ren und war dann als Er­satz­kan­di­da­tin in den Wahl­kampf­ge­gan­gen–so­wie­es­sie­es auch dies­mal vor­hat­te. Gleich­zei­tig hat­te sie in­zwi­schen Kar­rie­re ge­macht. Aus der Frau, die 1964 in Castrop-Rau­xel ge­bo­ren wur­de, in Müns­ter Che­mie stu­dier­te und pro­mo­vier­te und dann in der Ver­wal­tung und der EU-Ver­tre­tung von Nord­rheinWest­fa­len ar­bei­te­te, um schließ­lich 2012 als Re­fe­rats­lei­te­rin ins Er­fur­ter Um­welt­mi­nis­te­ri­um zu wech­seln, war in­zwi­schen Thü­rin­gens Staats­se­kre­tä­rin für Kul­tur und Eu­ro­pa ge­wor­den. Nach ei­ni­gen Ta­gen Über­le­gung und man­chem Hin und Her mit ih­rem vor­ge­setz­ten Staats­kanz­lei­mi­nis­ter von der Linken wur­de Win­ter als Staats­se­kre­tä­rin be­ur­laubt. Sie ließ den Lis­ten­par­tei­tag über sich er­ge­hen und über­nahm ne­ben von Weiz­sä­ckers Man­dat die Spit­zen­kan­di­da­tur im Land. Nach­dem sie in Brüs­sel und Straß­burg ein paar Sit­zun­gen be­sucht und ei­ni­ge kur­ze Re­den ge­hal­ten hat­te, be­gann schon der Wahl­kampf.

Doch was wür­de sie tun, wenn sie, trotz al­lem, die nächs­ten fünf Jah­re im Par­la­ment sit­zen könn­te? Sie wol­le, sagt sie, die so­zia­len Rech­te in Eu­ro­pa stär­ken, das ge­mein­sa­me Kul­tur­er­be för­dern und die In­ter­es­sen Thü­rin­gens ver­tre­ten, vor al­lem in Be­zug auf die Sub­ven­tio­nen, die mit dem nächs­ten EU-Haus­halt deut­lich ge­kürzt wer­den sol­len. Da sie als Staats­se­kre­tä­rin für Thü­rin­gen im EU-Aus­schuss der Re­gio­nen saß, ha­be sie vie­le Kon­tak­te in Brüs­sel.

„Aber es geht hier mir nicht um ei­nen Ego­trip“, sagt Win­ter in Hild­burg­hau­sen, wäh­rend im Food-Truck das Waf­fe­lei­sen ein­ge­packt wird. Sie sei jetzt 30 Jah­re in der SPD, da ha­be sie schon vie­le Wahl­kämp­fe be­strit­ten, oh­ne dass es am En­de ein Man­dat für sie ge­ge­ben ha­be.

Zu­mal, ganz trüb sind ih­re Aus­sich­ten auch wie­der nicht. Falls es so aus­geht, wie es wohl aus­ge­hen wird, kann Win­ter im Ju­li wie­der als Staats­se­kre­tä­rin ar­bei­ten und als So­zi­al­de­mo­kra­tin den Wahl­kampf um den Land­tag be­gin­nen. Und falls die SPD in der nächs­ten Thü­rin­ger Re­gie­rung wie­der da­bei ist und die Pos­ten neu zu ver­tei­len sind, wer­den sich viel­leicht die Ge­nos­sen da­ran er­in­nern, wer für sie chan­cen­los op­ti­mis­tisch auf den Markt­plät­zen her­um­stand.

FO­TO: MAR­TIN DEBES

Ba­bet­te Win­ter (SPD) in Hild­burg­hau­sen – die -Jäh­ri­ge war von  bis  Thü­rin­ger Staats­se­kre­tä­rin für Kul­tur und Eu­ro­pa und rück­te dann für Ja­kob von Weiz­sä­cker (SPD) ins Eu­ro­pa­par­la­ment nach.

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