Ver­krus­te­te Struk­tu­ren be­dro­hen Pfef­fer­minz­bahn

Zu­kunft der Ge­samt­stre­cke wei­ter un­ge­wiss. Initia­ti­ve un­ter­läuft In­ter­es­sen­gren­zen von Po­li­tik und Un­ter­neh­men

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - WEIMARER LAND - Von Mar­tin Kap­pel

Das bes­te am Rei­sen ist der Blick durch das Fens­ter: Häu­ser und Kir­chen, Bäu­me und Fel­der zie­hen am Fahr­gast vor­bei. Und hier und da wer­den sicht­bar Flüs­se und Stra­ßen über­quert – und an­dern­orts un­sicht­ba­re Gren­zen. Schließ­lich die Durch­sa­ge: Ziel­bahn­hof er­reicht und heu­er nicht an­ders vor­stell­ba­rer All­tag.

Was müs­sen das für ver­rück­te Zei­ten ge­we­sen sein, die An­fän­ge der gro­ßen Bahn­un­ter­neh­men, in de­nen die Kle­in­staa­te­rei Fahr­gäs­te da­zu zwang, den Zug des ei­nen Un­ter­neh­mens zu ver­las­sen, vi­el­leicht ei­ne Län­der­gren­ze mit der Kut­sche zu über­que­ren und in ei­nem an­de­ren Bahn­hof die Rei­se auf ei­nem völ­lig ab­ge­trenn­ten Schie­nen­netz fort­zu­set­zen?

Nun möch­te man wohl mei­nen, dass sol­che Zu­stän­de das letz­te Mal mit der Wen­de über­wun­den wor­den sind, die Schie­nen wie­der nur ei­ne Rich­tung ken­nen – nach vor­ne, über al­le Gren­zen hin­weg, oh­ne ei­nen Prell­bock, der die Wei­ter­fahrt ver­sperrt. Doch die­se har­ten his­to­ri­schen Gren­zen sind le­dig­lich wei­cher ge­wor­den, und ha­ben Po­li­tik und Wirt­schaft neue Gren­zen ge­schaf­fen – die den Er­halt der Pfef­fer­minz­bahn zu ei­nem ech­ten Kraft­akt ma­chen. So zu­min­dest könn­te das Ur­teil lau­ten, wenn der Re­por­ter den Aus­füh­run­gen am Stamm­tisch Pfef­fer­minz­bahn folgt. Ein In­diz für die Rich­tig­keit die­ser An­nah­me lie­fert die Zu­sam­men­set­zung der Run­de – so un­ter­läuft sie ei­ne streng lo­ka­le Verortung der Ak­teu­re, war erst­mals ne­ben dem Land­ge­mein­deBür­ger­meis­ter Dirk Schüt­ze auch der Jena­er Stadt­rat ver­tre­ten, und in Per­son von Ralph Len­kert auch zu­sätz­lich durch ein Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges. In letz­ter Kon­se­quenz ver­deut­licht aber der Stre­cken­ver­lauf der KBS 594 (Kurs­buch­stre­cke im Re­gis­ter der Deut­schen Bahn), dass der Um­weg durch das Nach­bar­b­un­des­land Sach­sen-An­halt, aber auch in Thü­rin­gen das Que­ren der Land­krei­se Söm­mer­da so­wie Wei­ma­rer Land wei­te­re In­ter­es­sen­ten an den Tisch brin­gen müss­ten, was zu ei­nem prak­ti­schen, wie ei­nem theo­re­ti­schen und ei­nem prak­ti­schen Pro­blem führt, für das sprach­ma­le­risch das als Dschun­gel be­schrie­be­ne Ta­rif­sys­tem ur­säch­lich ist. So wa­ren Fahr­ten mit ei­nem in Thü­rin­gen gül­ti­gen VMT-Ti­cket über das sach­sen-an­hal­ti­sche Troms­dorf im Prin­zip Schwarz­fahr­ten – ein Son­der­fall, der die Macht der Gren­ze sym­bo­li­siert.

Nun über­win­det die his­to­ri­sche Stre­cke aber nicht nur Lan­des-, son­dern auch heu­ti­ge Kreis­gren­zen, was prak­tisch doch oh­ne Be­deu­tung sein soll­te – möch­te man mei­nen –, aber nicht ist. Ein im Ge­dan­ken­spiel vor­han­de­nes VMT-Ti­cket wä­re auf dem Weg nach Söm­mer­da wert­los, ist das Wei­ma­rer Land zwar drin, der Kreis Söm­mer­da aber eben nicht mit im Ver­bund.

Die Dis­kus­si­on um Ver­bund­ge­bie­te ist je­doch nur ein Ne­ben­kriegs­schau­platz für das Über­le­ben des heu­ti­gen oder vi­el­leicht wie­der durch­gän­gi­gen Per­so­nen­nah­ver­kehrs auf der Pfef­fer­minz­bahn. Auch die Un­ter­neh­men müss­ten ih­re wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen­gren­zen weich ma­chen, wenn der Fort­be­stand ge­si­chert wer­den soll. Die Er­fur­ter Bahn be­dient mo­men­tan den ver­blie­be­nen Stre­cken­ab­schnitt zwi­schen Söm­mer­da und Butt­städt, gleich­zei­tig – und hier blickt der Stamm­tisch der Zu­kunft eher düs­ter ent­ge­gen – pla­ne der Land­kreis Söm­mer­da ei­ne Ver­dich­tung des Fahr­plans sei­nes ei­ge­nen Bus­un­ter­neh­mens. Dies dürf­te die stra­ßen­ge­bun­de­ne Kon­kur­renz für die Er­fur­ter Pfef­fer­minz­bahn er­hö­hen, wenn an die­sem Stre­cke­nen­de nicht mit­ein­an­der ko­ope­riert wird.

Aber auch das Durch­bin­den via Groß­he­rin­gen auf die Saal­bahn über den vom Per­so­nen­ver­kehr be­frei­ten Teil der Pfef­fer­minz­bahn ma­che ver­schie­de­ne Ko­ope­ra­ti­ons­be­reit­schaf­ten, min­des­tens von der Deut­schen Bahn und Bus­un­ter­neh­men im Wei­ma­rer Land und im süd­li­chen Sach­sen-An­halt ob­li­ga­to­risch, wenn ge­nü­gend Fahr­gäs­te er­reicht wer­den sol­len, da­mit kein er­neu­tes, dann vi­el­leicht end­gül­ti­ges Ur­teil über die Pfef­fer­minz­bahn fällt.

Ja, in der Re­gi­on wird nicht vom Fern­ver­kehr ge­träumt, grenz­über­schrei­ten­der Nah­ver­kehr auf Schie­nen wür­de schon rei­chen. Dass die­se Mög­lich­keit wie­der Rea­li­tät wer­den könn­te, hängt aber in der Schwe­be. So kön­ne die DB Bahn­hö­fe, die zwei Jah­re nicht ge­nutzt wer­den, still­le­gen. Dies rück­gän­gig zu ma­chen glei­che ei­nem Kampf ge­gen bü­ro­kra­ti­sche Wind­müh­len. Die Ver­ant­wort­li­chen hof­fen da­her auf vie­le Ein- und Aus­stei­ger bei Son­der­fahr­ten – be­son­ders zwi­schen Butt­städt und Groß­he­rin­gen.

Po­li­tik ist an meh­re­ren Or­ten und Ebe­nen ge­fragt

Nö­ti­ge Ko­ope­ra­ti­on von Ver­kehrs­un­ter­neh­men

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