War es das für Man­fred We­ber?

Die Mehr­heit von Christ- und So­zi­al­de­mo­kra­ten ist da­hin. Für den EVP-Spit­zen­kan­di­da­ten wird es schwer, Kom­mis­si­ons­prä­si­dent zu wer­den

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - EUROPAWAHL 2019 - Von Chris­ti­an Kerl

Es ist ei­ne Zä­sur für die eu­ro­päi­sche Po­li­tik, ein Be­ben für das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment. Die Wahl­lo­ka­le ha­ben noch gar nicht über­all in der EU ge­schlos­sen, da ist schon klar, dass sich die Macht­ver­hält­nis­se in der Herz­kam­mer der eu­ro­päi­schen De­mo­kra­tie ver­scho­ben ha­ben – auch dank ei­ner all­seits be­grüß­ten ge­stie­ge­nen Wahl­be­tei­li­gung. Mit weit rei­chen­den Fol­gen: Die Rechts­po­pu­lis­ten le­gen zu, auch wenn sie weit von ei­ner Mehr­heit oder ei­ner Blo­cka­de­macht im Par­la­ment ent­fernt sind. Und: Die Vor­macht der bei­den gro­ßen Par­tei­en von Christ­de­mo­kra­ten (EVP) und So­zi­al­de­mo­kra­ten (S&D) ist nach vier Jahr­zehn­ten zu En­de auch we­gen ih­rer mas­si­ven Ver­lus­te in Deutsch­land.

Die Gro­ßen ha­ben zum ers­ten Mal seit der Di­rekt­wahl-Pre­mie­re des EU-Par­la­ments 1979 zu­sam­men kei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit mehr. Die Zei­ten ei­ner in­for­mel­len gro­ßen Ko­ali­ti­on in Brüssel und Straß­burg sind end­gül­tig vor­bei.

Ei­ne Er­schüt­te­rung, kei­ne Re­vo­lu­ti­on. In den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren war die Zu­sam­men­ar­beit von EVP und S&D oh­ne­hin schon brü­chig ge­wor­den. Jetzt wird die Su­che nach Mehr­hei­ten rich­tig kom­pli­ziert. Die bei­den Gro­ßen müs­sen min­des­tens ent­we­der die auf Platz drei er­stark­ten Li­be­ra­len ins ge­mein­sa­me Boot ho­len oder die Grü­nen – si­cher­heits­hal­ber wohl bes­ser bei­de. Wel­che Rol­le die Lin­ke spielt, ist noch of­fen. Der rech­te Rand wird stär­ker, in der po­li­ti­schen Mit­te wird es en­ger: Für die Brüs­se­ler Ge­setz­ge­bungs­ma­schi­ne­rie bre­chen un­ru­hi­ge Zei­ten an. Udo Bull­mann, Frak­ti­ons­chef der So­zi­al­de­mo­kra­ten

Aber erst­mal steht nun gleich zu Be­ginn ein un­ge­wöhn­lich har­ter Macht­kampf be­vor, wie ihn die­se Volks­ver­tre­tung noch nicht kann­te: Die drin­gends­te Auf­ga­be des Par­la­ments und die Pro­be auf künf­ti­ge Mehr­hei­ten wird die Wahl des mäch­ti­gen EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten, die zen­tra­le Per­so­nal­ent­schei­dung der EU für die nächs­ten fünf Jah­re: Über­nimmt nach über 50 Jah­ren end­lich wie­der ein Deut­scher die­sen Job? Der EVP-Spit­zen­kan­di­dat Man­fred We­ber ist mit die­sem An­spruch an­ge­tre­ten, aber die Chan­cen des sanf­ten Bay­ern schätz­ten hoch­ran­gi­ge EU-Po­li­ti­ker schon vor der Wahl auf 50:50. Dass der CSU-Vi­ze nicht mal für die Uni­on in Deutsch­land ein Zug­pferd war, dürf­ten sei­ne Kri­ti­ker in Brüssel mit Ge­nug­tu­ung ver­mer­ken.

War’s das für We­ber? Noch nicht. „Ich als Par­la­men­ta­ri­er wer­de jetzt die Hand aus­stre­cken den an­de­ren Frak­tio­nen ge­gen­über - de­nen, die auch an Eu­ro­pa glau­ben“, kün­dig­te er an. Schließ­lich bleibt die EVP trotz Ver­lus­ten klar stärks­te Kraft – ge­gen sie geht we­nig. CDU-Che­fin Kramp-Kar­ren­bau­er er­klärt am Abend, die Uni­on wer­de den An­spruch We­bers auf das Prä­si­den­ten­amt be­kräf­ti­gen.

Aber es ist ei­ne dop­pel­te Macht­pro­be: We­ber braucht die Un­ter­stüt­zung der EU-Re­gie­rungs­chefs, die nach den EUVer­trä­gen al­lein den Kan­di­da­ten vor­schla­gen müs­sen. Und er be­nö­tigt zu­gleich ei­ne Mehr­heit im Par­la­ment, das den Prä­si­den­ten wählt. Leicht wird es für ihn nicht. Oh­ne Un­ter­stüt­zung der auf Platz zwei be­stä­tig­ten So­zi­al­de­mo­kra­ten kann We­ber sei­ne Am­bi­tio­nen be­gra­ben. Der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Spit­zen­kan­di­dat Frans Tim­mer­m­ans strebt aber of­fi­zi­ell wei­ter ein Bünd­nis ge­gen We­ber an, auch wenn ei­ne Mehr­heit selbst mit Grü­nen, Li­be­ra­len und Lin­ken schwer er­reich­bar sein dürf­te. Der am­tie­ren­de Frak­ti­ons­chef der So­zi­al­de­mo­kra­ten, der Deut­sche Udo Bull­mann, sagt den­noch: „Wir wer­den in den nächs­ten Ta­gen für Tim­mer­m­ans kämp­fen“.

Die ge­stärk­ten Li­be­ra­len auf Platz drei wie­der­um wol­len selbst ei­ne „ent­schei­den­de Rol­le“in Brüssel spie­len, wie ihr Frak­ti­ons­chef Guy Ver­hof­stadt an­ge­kün­digt. Wo­mög­lich schi­cken sie die Wett­be­werbs­kom­mis­sa­rin Marg­re­the Ves­ta­ger aus Dä­ne­mark ins Ren­nen.

Die Zeit läuft. „We­ber hat nur zwei Ta­ge, um ein Bünd­nis zu schmie­den“, heißt es. Am Di­ens­tag­abend tref­fen sich die EU-Re­gie­rungs­chefs zum Son­der­gip­fel, um beim Din­ner über die be­vor­ste­hen­den Per­so­nal­ent­schei­dun­gen zu spre­chen – ne­ben dem Chef der Kom­mis­si­on sind auch die Prä­si­den­ten des Eu­ro­päi­schen Ra­tes und der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) zu be­set­zen; für den EZB-Pos­ten kä­me auch Bun­des­bank-Prä­si­dent Jens Weid­mann in Be­tracht, soll­te We­ber mit sei­nen Am­bi­tio­nen schei­tern. Ei­ne be­acht­li­che Rei­he von Re­gie­rungs­chefs ha­ben sich schon klar da­ge­gen aus­ge­spro­chen, dass zwin­gend ein Spit­zen­kan­di­dat Kom­mis­si­ons­prä­si­dent wer­den muss. Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron hat die­se Grup­pe an­ge­führt, sich da­bei klar ge­gen den kon­ser­va­ti­ven We­ber po­si­tio­niert. Ma­cron ist frei­lich durch sei­ne Nie­der­la­ge in Frank­reich ge­gen die rechts­ra­di­ka­le Trup­pe von Ma­ri­ne Le Pen ge­schwächt: Ob er sei­ne Plä­ne, We­bers EVP-Par­tei­freund und Br­ex­it-Chef­un­ter­händ­ler Michel Bar­nier aus Frank­reich durch­zu­set­zen oder Ves­ta­ger, scheint frag­lich. Viel hängt jetzt von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ab: Wie viel Ener­gie wird sie dar­an set­zen, We­ber durch­zu­set­zen?

Er selbst kämpft. We­ber will am Mon­tag­abend in Brüssel mit den Frak­ti­ons­chefs von So­zi­al­de­mo­kra­ten, Li­be­ra­len und Grü­nen zu­sam­men kom­men, um die Chan­cen für ein ge­mein­sa­mes Vor­ge­hen aus­zu­lo­ten. Am Di­ens­tag wird er dann mit al­len Frak­ti­ons­chefs des Par­la­ments be­ra­ten. Die Grü­nen nen­nen schon Be­din­gun­gen für ei­ne mög­li­che Un­ter­stüt­zung: Vor al­lem geht es ih­nen um ei­nen ent­schlos­se­ne­ren Kurs beim Kli­ma­schutz, wie die Spit­zen­kan­di­da­tin Ska Kel­ler be­tont. Und auch ei­nen EUKom­mis­sar wol­len die Grü­nen stel­len. Die Li­be­ra­len kün­di­gen eben­falls har­te Ver­hand­lun­gen an. We­ber ste­hen har­te Ta­ge be­vor. Sein ers­tes Ziel ist es, die Frak­ti­ons­chefs auf ei­nen kla­ren Kurs ein­zu­schwö­ren: Nur wer als Spit­zen­kan­di­dat an­ge­tre­ten ist, soll als Kom­mis­si­ons­prä­si­dent wähl­bar sein. An­dern­falls, warnt We­ber, dro­he „ei­ne Selbst­auf­ga­be des Par­la­ments“. Un­ter den Frak­tio­nen der Mit­te wird zu­dem ei­ne wei­te­re Hür­de ge­gen ein Dik­tat der Re­gie­rungs­chefs vor­be­rei­tet: Ei­ne Ver­stän­di­gung auf ein Pro­gramm, das um­zu­set­zen der künf­ti­ge Kom­mis­si­ons­prä­si­dent ver­pflich­tet wer­den soll. Wenn das ge­län­ge, wä­re das ein er­heb­li­cher Macht­ge­winn für die Ab­ge­ord­ne­ten, weil die Fest­le­gung der Li­ni­en für die EU-Kom­mis­si­on bis­her Sa­che der Re­gie­rungs­chefs war. Ers­te Be­din­gun­gen wer­den am Wahl­abend dis­ku­tiert – und klin­gen erst mal so, als woll­ten die mög­li­chen Bünd­nis­part­ner ih­re ei­ge­nen Pro­gram­me um­ge­setzt se­hen. Wie weit der Ver­stän­di­gungs­wil­le in der po­li­ti­schen Mit­te reicht, wird sich schon an ei­ner an­de­ren Per­so­na­lie er­wei­sen: Wer wird neu­er Prä­si­dent des Par­la­ments? Amts­in­ha­ber An­to­nio Ta­ja­ni von den ita­lie­ni­schen Kon­ser­va­ti­ven wür­de gern wei­ter­ma­chen. Aber bes­se­re Chan­cen hat of­fen­bar der Li­be­ra­le Ver­hof­stadt aus Bel­gi­en. Die Er­war­tung bei We­bers po­ten­zi­el­len Part­nern ist klar: Die Zeit, in der die Christ­de­mo­kra­ten al­le Pos­ten be­set­zen, ist vor­bei.

„Wir wer­den in den nächs­ten Ta­gen für Tim­mer­m­ans kämp­fen“

FOTO: DPA

Frans Tim­mer­m­ans, SPE-Spit­zen­kan­di­dat.

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