CDU siegt im ro­ten Bre­men

Man­ches deu­tet aber auf ein künf­ti­ges Bünd­nis aus SPD, Grü­nen und Lin­ken hin

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - POLITIK - Von Phil­ipp Ne­u­mann

Die CDU hat vie­les rich­tig ge­macht in ih­rem Land­tags­wahl­kampf in Bre­men. Die Wahl des Fern­seh­pro­gramms auf der Wahl­par­ty ge­hör­te nicht da­zu. In der ARD ging es ges­tern Abend um 18.00 Uhr erst vier Mi­nu­ten lang nur um die Eu­ro­pa­wahl. Dann er­schien die ers­te Pro­gno­se für das kleins­te deut­sche Bun­des­land auf dem gro­ßen Mo­ni­tor – und die CDU-An­hän­ger konn­ten in Ju­bel aus­bre­chen. Die Jun­ge Uni­on skan­dier­te „Cars­ten, Cars­ten!“

Cars­ten Mey­er-Heder, dem Spit­zen­kan­di­da­ten der Par­tei, ist in Bre­men das fast Un­mög­li­che ge­lun­gen: Zum ers­ten Mal nach dem Zwei­ten Welt­krieg konn­te die Par­tei in der Han­se­stadt stärks­te Kraft wer­den – je­den­falls deu­te­te am Abend al­les dar­auf hin. Um Ge­wiss­heit zu ha­ben, muss­ten sich die CDU-An­hän­ger noch wei­te­re St­un­den ge­dul­den. Schuld war das kom­pli­zier­te Wahl­recht in der Han­se­stadt und die zeit­glei­che Aus­zäh­lung der Eu­ro­pa­wahl. Die ers­ten Hoch­rech­nun­gen gab es des­halb erst spät­abends. End­gül­ti­ge Klar­heit herrscht so­gar erst am Mitt­woch, dann soll das amt­li­che En­d­er­geb­nis vor­lie­gen.

Fakt ist aber: Die CDU hat erst­mals ei­ne rea­le Chan­ce, den Zwei-Städ­te-Staat zu re­gie­ren, zu dem au­ßer Bre­men auch das 50 Ki­lo­me­ter nörd­lich ge­le­ge­ne Bre­mer­ha­ven ge­hört. Ob das am En­de auch wirk­lich klappt, müs­sen nun Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zei­gen. Weil meh­re­re Kon­stel­la­tio­nen denk­bar sind, wer­den die Ge­sprä­che nicht ein­fach. Ziel der CDU ist ein Ja­mai­ka-Bünd­nis mit den Grü­nen und der FDP. Rech­ne­risch mög­lich ist auch ei­ne rot-rot-grü­ne Ko­ali­ti­on, in der die SPD mit Lin­ken und den Grü­nen pak­tiert. Die Grü­nen sind al­so die Kö­nigs­ma­cher. Nach zwölf Jah­ren in der Re­gie­rung konn­ten sie er­neut zu­le­gen.

SPD-Bür­ger­meis­ter Cars­ten Sie­ling sah am Wahl­abend trotz der her­ben Ver­lus­te und trotz schlech­ter per­sön­li­cher Um­fra­ge­wer­te noch kei­nen An­lass, sei­nen Pos­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len. Er spü­re „Rü­cken­de­ckung“sei­ner Par­tei­freun­de, sag­te Sie­ling. Ob es mit ihm aber wei­ter­ge­he, wer­de die SPD an die­sem Mon­tag be­spre­chen. Für ihn, das hat­te er auf den letz­ten Me­tern des Wahl­kamp­fes gesagt, ge­be es nur ei­ne denk­ba­re Ko­ali­ti­on, näm­lich Rot-Ro­tG­rün. Ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on schloss Sie­ling aus: „Das gilt auch jetzt noch.“

Nicht nur die SPD, son­dern auch die CDU will sich nun um die Grü­nen be­mü­hen. „Wir ha­ben den deut­li­chen Auf­trag, ei­ne Re­gie­rung zu bil­den“, sag­te Kan­di­dat Mey­er-Heder. „Die Bre­mer wol­len nicht mehr, dass die SPD re­giert.“Er glaubt, dass er mit Grü­nen und FDP ei­ne Re­gie­rung auf die Bei­ne stel­len kann. Die Grü­nen aber las­sen sich nicht so oh­ne Wei­te­res ver­ein­nah­men – we­der von der SPD, noch von der CDU. „Wir gu­cken, in wel­chem Bünd­nis am meis­ten Grün mög­lich ist“, sag­te Spit­zen­frau Mai­ke Schae­fer. Ge­setzt sei noch kei­ne Ko­ali­ti­on. Bei ei­nem Ja­mai­ka-Bünd­nis kön­ne es Schwie­rig­kei­ten mit den Po­si­tio­nen der FDP zu Ver­kehr und Kli­ma­schutz ge­ben. Die Lin­ke wol­le die Schul­den­brem­se lo­ckern, was die Grü­nen ab­lehn­ten.

Dass die So­zi­al­de­mo­kra­ten nach mehr als 70 Jah­ren an der Macht nicht mehr si­cher den Re­gie­rungs­chef stel­len kön­nen, ist aus ih­rer Sicht schon schlimm. Dass sie ge­gen ei­nen po­li­ti­schen Sei­ten­ein­stei­ger ver­lo­ren, der vor ei­nem Jahr erst in die CDU ein­ge­tre­ten war, schmerzt dop­pelt. „Ich bin kein Po­li­ti­ker“, hat­te CDU-Kan­di­dat Mey­er-Heder im Wahl­kampf im­mer wie­der be­tont. Aus sei­nen Wis­sens­lü­cken bei vie­len The­men mach­te der frü­he­re Hip­pie und er­folg­rei­che Fir­men­grün­der kei­nen Hehl. Bür­ger, die ge­gen das eta­b­lier­te po­li­ti­sche Sys­tem stim­men woll­ten, muss­ten in Bre­men ih­re Stim­me nicht der AfD ge­ben, son­dern konn­ten auch die CDU wäh­len.

SPD-Mann Sie­ling da­ge­gen, der seit mehr als 25 Jah­ren Po­li­tik macht, ge­lang es nicht, sich ei­nen Amts­bo­nus zu ver­schaf­fen. Ei­ne Wahl ge­wann er noch nie. 2015 kam er an die Macht, weil sein Vor­gän­ger we­gen des bis da­hin schlech­tes­ten Wah­l­er­geb­nis­ses zu­rück­trat – da­mals wa­ren das rund 33 Pro­zent. Heu­te wür­den die So­zi­al­de­mo­kra­ten dar­über ju­beln.

FOTO: WOLF­GANG RATTAY

Cars­ten Mey­er-Heder fei­ert den Sieg sei­ner CDU zu­sam­men mit sei­ner Frau An­ja (l.).

FOTO: CARMEN JASPERSEN

Ver­lie­rer: Bür­ger­meis­ter Cars­ten Sie­ling.

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