So hat Eu­ro­pa ge­wählt

Die Plä­ne der Rechts­po­pu­lis­ten, die schwie­ri­ge Bil­dung von Mehr­hei­ten, Cha­os-Br­ex­it und Ma­crons Ent­zau­be­rung: Sechs Trends nach der Wahl

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - POLITIK - Von Micha­el Back­fisch und Chris­ti­an Kerl

Das gab es in die­sem Jahr­hun­dert noch nie bei ei­ner Eu­ro­pa­wahl: Mehr als die Hälf­te der Wahl­be­rech­tig­ten (50,8 Pro­zent) ha­ben sich an der Ab­stim­mung über das EU-Par­la­ment be­tei­ligt – ein An­stieg um acht Pro­zent­punk­te im Ver­gleich zu 2014. Die Wäh­ler sorg­ten aber auch für Über­ra­schun­gen. Im Par­la­ment ste­hen Macht­kämp­fe be­vor, die Brüs­se­ler Ge­setz­ge­bung wird kom­pli­zier­ter. Sechs wich­ti­ge Trends, die die EU-Po­li­tik prä­gen wer­den:

Der gro­ße Rechts­ruck blieb aus

Un­ter Füh­rung von Ita­li­ens Vi­ze­pre­mier Mat­teo Sal­vi­ni hat­ten eu­ro­päi­sche Rechts­po­pu­lis­ten zum Sturm auf die EU-In­sti­tu­tio­nen ge­bla­sen. Ver­geb­lich. Die drei Par­tei­grup­pie­run­gen aus dem La­ger der EU-Skep­ti­ker, Na­tio­na­lis­ten und Rechts­ra­di­ka­len leg­ten zwar zu, aber un­term Strich nur leicht: Sie er­hal­ten 16 Sit­ze mehr als bis­her, wer­den künf­tig 171 der 751 Sit­ze hal­ten – weit ent­fernt von ei­ner Blo­cka­de­macht. Sal­vi­nis Kern­trup­pe „Eu­ro­päi­sche Al­li­anz der Völ­ker und Na­tio­nen“hat sich da­bei zwar stark auf 58 Man­da­te ver­bes­sert, sei­ne Le­ga in Ita­li­en wur­de mit über 30 Pro­zent zur stärks­ten Kraft.

Aber Sal­vi­nis Traum, dass sich die zer­split­ter­ten Rechts­aus­le­ger im Par­la­ment zu ei­ner schlag­kräf­ti­gen Frak­ti­on zu­sam­men­schlie­ßen, er­füllt sich wohl nicht. Klar ist je­doch, dass das grö­ße­re Ri­si­ko ei­nes Rechts­rucks nicht von der Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mer aus­geht, son­dern von den na­tio­na­len Par­la­men­ten und Re­gie­run­gen: Wenn Rechts­po­pu­lis­ten in den Haupt­städ­ten der Mit­glied­staa­ten die Macht über­neh­men, kön­nen sie über die Gip­fel­tref­fen der Re­gie­rungs­chefs und den EU-Mi­nis­ter­rat viel wir­kungs­vol­ler auf die eu­ro­päi­sche Po­li­tik Ein­fluss neh­men als über die ge­mein­sa­me Volks­ver­tre­tung.

Die Wah­l­er­geb­nis­se po­pu­lis­ti­scher und EU-skep­ti­scher Par­tei­en et­wa in Ita­li­en oder Frank­reich müs­sen des­halb An­lass zur Sor­ge sein.

Die gro­ße Ko­ali­ti­on ver­liert

Die in­for­mel­le gro­ße Ko­ali­ti­on von Christ­de­mo­kra­ten (EVP) und So­zi­al­de­mo­kra­ten (S&D) ist nach 40 Jah­ren am En­de, künf­tig wird es bun­ter: Bis­lang hat­ten die bei­den Gro­ßen stets zu­sam­men ei­ne Mehr­heit, die sie mal mehr und mal we­ni­ger nutz­ten, aber im­mer dann ein­setz­ten, wenn es dar­auf an­kam. Bis vor zwei Jah­ren galt das auch für per­so­nel­le Ab­spra­chen. Das wird nicht mehr mög­lich sein, weil EVP und S&D deut­li­che Ver­lus­te hin­neh­men muss­ten – sie dro­hen in wei­ten Tei­len Eu­ro­pas ih­ren Sta­tus als Volks­par­tei­en ein­zu­bü­ßen.

Stärks­te Kraft ist im Par­la­ment zwar wei­ter­hin die kon­ser­va­ti­ve EVP. Sie kommt nach vor­läu­fi­gen Er­geb­nis­sen aber nur noch auf 180 der 751 Sit­ze, 36 we­ni­ger als bei der Wahl vor fünf Jah­ren. Auf die So­zi­al­de­mo­kra­ten ent­fal­len 146 Man­da­te, das ist ein Ver­lust von 39 Sit­zen. Weil die Gro­ßen auf die Un­ter­stüt­zung an­de­rer Par­tei­en an­ge­wie­sen sind, wird die Ge­setz­ge­bung deut­lich kom­pli­zier­ter.

Grü­ne und Li­be­ra­le ge­win­nen

Im Par­la­ment wird künf­tig we­nig oh­ne Grü­ne und Li­be­ra­le ge­hen. Sie sind in der po­li­ti­schen Mit­te der pro­eu­ro­päi­schen Par­tei­en die kla­ren Ge­win­ner die­ser Wahl. Die li­be­ra­len Par­tei­en bil­den mit 109 Sit­zen die dritt­stärks­te Frak­ti­on, ein Plus von 40 Sit­zen – wenn man die „Re­nais­sance“-Lis­te von Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron mit ein­rech­net, die erst­mals für das EU-Par­la­ment an­trat. Auf Platz vier rü­cken mit 69 Sit­zen die Grü­nen, 17 mehr als bis­her, ge­won­nen vor al­lem in Deutsch­land, Frank­reich, Finn­land und Lu­xem­burg.

Bei­de klei­ne­ren Par­tei­en mach­ten schon klar, dass sie für die Ko­ope­ra­ti­on ei­nen Preis ver­lan­gen. Ei­nes ih­rer gro­ßen The­men dürf­te mehr Kli­ma­schutz sein, den nicht nur die Grü­nen, son­dern auch Ma­crons li­be­ra­le For­ma­tio­nin­Frank­reichin­den Vor­der­grund stell­te (an­ders als die deut­sche FDP, die im li­be­ra­len La­ger nur ei­ne Ne­ben­rol­le spie­len wird). Das wird Aus­wir­kun­gen ha­ben: Ei­ne CO2-Steu­er rückt nä­her. Und die Hoff­nung der deut­schen Au­to­in­dus­trie, dass die stren­gen Schad­stof­fG­renz­wer­te für Pkw im kom­men­den Jahr­zehnt man­gels tech­ni­scher Um­setz­bar­keit bald wie­der ge­lo­ckert wer­den, wird sich nicht er­fül­len.

Frank­reichs Prä­si­dent Ma­cron als Eu­ro-Tur­bo ent­zau­bert

Für Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron war es ein ganz bit­te­rer Tag. Die sechs Mo­na­te an­hal­ten­den Pro­tes­te der „Gelb­wes­ten“hat­ten be­reits deut­lich an sei­nem in­nen­po­li­ti­schen Nim­bus ge­nagt. Durch die Eu­ro­pa­wahl am Sonn­tag wur­de Ma­cron auch als Schritt­ma­cher ei­ner wei­ter in­te­grier­ten Eu­ro­zo­ne ent­zau­bert. Dass der rechts­po­pu­lis­ti­sche Ras­sem­ble­ment Na­tio­nal von Ma­ri­ne Le Pen knapp vor Ma­crons La Ré­pu­bli­que En Mar­che lan­de­te, ist für den Staats­chef ein Schlag ins Kon­tor. Durch sei­nen Sieg bei der fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wahl im Früh­jahr 2017 hat­te er sich in ganz Eu­ro­pa das Image ei­ner po­li­ti­schen All­zweck­waf­fe ge­gen Rechts­po­pu­lis­mus und Na­tio­na­lis­mus er­wor­ben. Das ist nun an­ge­kratzt. Für wei­te­re eu­ro­pa­po­li­ti­sche Re­form­vor­stö­ße dürf­te ihm vor­erst der Schwung feh­len.

Der Cha­os-Br­ex­it rückt nä­her

Die Eu­ro­pa­wahl wur­de in Groß­bri­tan­ni­en zur Denk­zet­tel­wahl. We­gen des quä­len­den Hick­hacks im in­ner­bri­ti­schen Br­ex­itPro­zess wur­den die re­gie­ren­den Kon­ser­va­ti­ven und die op­po­si­tio­nel­le La­bour-Par­tei ab­ge­straft. Die To­ries von Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May lan­de­ten bei de­sas­trö­sen neun Pro­zent, La­bour kam auf 14 Pro­zent. Da­ge­gen räum­te die EU-feind­li­che Br­ex­it-Par­tei von Ni­gel Fa­ra­ge mit mehr als 30 Pro­zent ab, vor den EU-freund­li­chen Li­be­ral­de­mo­kra­ten. Für die wei­te­re Ent­wick­lung beim Br­ex­it ver­heißt das nichts Gu­tes.

Der Wahl­aus­gang in Groß­bri­tan­ni­en er­höht die Wahr­schein­lich­keit, dass die Bri­ten En­de Ok­to­ber oh­ne Aus­tritts­ver­trag die EU ver­las­sen. Vor­her dürf­te die Fa­ra­ge-Trup­pe im Par­la­ment für Un­ru­he sor­gen; Fa­ra­ge selbst for­dert schon, an den wei­te­ren Br­ex­it-Ge­sprä­chen zwi­schen Lon­don und Brüs­sel be­tei­ligt zu wer­den, so­fern es über­haupt noch wel­che gibt. Der Druck auf die po­ten­zi­el­len Nach­fol­ger von May – al­len vor­an Br­ex­it-Hard­li­ner Bo­ris John­son – nimmt zu.

Die Ost­eu­ro­pä­er ti­cken an­ders

Bei der ers­ten EU-Os­ter­wei­te­rung 2004 war die Stim­mung in den ehe­ma­li­gen Staa­ten des War­schau­er Pakts durch­weg eu­ro­pa­freund­lich. Das ist heu­te nicht mehr so, wie man auch an den Er­geb­nis­sen der Eu­ro­pa­wahl ab­le­sen kann. Die rechts­kon­ser­va­ti­ve Fi­desz-Par­tei des un­ga­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Vik­tor Or­bán kam auf mehr als 52 Pro­zent. In Po­len er­reich­te die na­tio­na­lis­ti­sche PiS-Par­tei mehr als 45 Pro­zent. Bei­de Län­der set­zen in der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik auf strik­te Ab­schot­tung. Ei­ne so­li­da­ri­sche Flücht­lings­po­li­tik, wie sie von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) vor­ge­schla­gen wird, leh­nen sie rund­weg ab.

Dar­über hin­aus ver­fol­gen bei­de ei­nen har­ten Kurs: we­ni­ger EU, mehr na­tio­na­le Kom­pe­ten­zen. Auch das The­ma Rechts­staat­lich­keit und Pres­se­frei­heit ist ein gro­ßer Streit­punkt. In Un­garn wur­den vie­le Zei­tun­gen an Or­bán-na­he Ge­schäfts­leu­te ver­kauft. Die­se sorg­ten da­für, dass re­gie­rungs­freund­li­che Jour­na­lis­ten ein­ge­stellt wur­den. In Po­len hat die Re­gie­rung bei der Be­set­zung von Lei­tungs­funk­tio­nen im öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk ein Mit­spra­che­recht.

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