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T hla d leid 15 Mil­lio­ne Mens en a Sc i

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - RATGEBER - N ha r n

Schmer­zen im rech­ten Bein – sie zwin­gen ei­ne Frau in die Kli­nik zu Andre­as Je­lit­to. Sie ist An­fang 40 und plagt sich seit an­dert­halb Jah­ren. Ver­schie­de­ne Ärz­te konn­ten ihr nicht hel­fen, die bild­ge­ben­den Ver­fah­ren ha­ben nichts Schlim­mes ge­zeigt. „Es stell­te sich im Ver­lauf des Ge­sprächs her­aus, dass sie ein Pro­blem hat­te“, schreibt Je­lit­to, Chef­arzt der Schmerz­kli­nik in Schlei­den (Nord­rhein-West­fa­len) in sei­nem ge­ra­de er­schie­ne­nen Buch „Es tut so weh! Lö­sun­gen für ei­nen heil­sa­men Um­gang mit chro­ni­schem Schmerz“. Die­ses Pro­blem ha­be ei­nen männ­li­chen Vor­na­men ge­habt, schreibt er wei­ter. Ge­meint ist der Part­ner der Frau, der sie und ih­ren Sohn mehr als her­ab­set­zend be­han­delt hat­te.

Fünf Wo­chen nach dem ers­ten Ge­spräch er­scheint die Pa­ti­en­tin wie­der bei dem Chef­arzt in Schlei­den. Sie wirkt ge­löst und hat of­fen­bar auch ihr Pro­blem ge­löst: Die Part­ner­schaft war be­en­det. „Ei­ne wei­te­re The­ra­pie war nicht mehr er­for­der­lich“, no­tiert Je­lit­to.

Chro­ni­sche Schmer­zen wie sie Je­lit­tos Pa­ti­en­tin er­lebt hat, be­tref­fen in Deutsch­land laut der Deut­schen Ge­sell­schaft für Schmerz­me­di­zin (DGS) 15 Mil­lio­nen „Die Um­welt re­agiert meist ver­ständ­nis­voll, wenn je­mand akut Schmer­zen hat – et­wa we­gen ei­nes ein­ge­klemm­ten Fin­gers. Da wird ge­pus­tet, es gibt Zu­wen­dung“, sagt Je­lit­to. Men­schen mit chro­ni­schen Schmer­zen hin­ge­gen er­füh­ren oft Ab­leh­nung nach dem Mot­to: Du schon wie­der! Von Ärz­ten hör­ten sie häu­fig: Wir kön­nen nichts für Sie tun. „Das wirkt wie Gift bei den Pa­ti­en­ten.“Je­lit­to strebt in sei­nem Pra­xi­s­all­tag die ak­ti­ve Gestal­tung ei­ner be­stimm­ten Be­zie­hung mit schmerz­ge­plag­ten Pa­ti­en­ten an. Din­ge sol­len an­sprech­bar wer­den, die da­bei hel­fen, den Schmerz be­herrsch­bar zu ma­chen oder ver­schwin­den zu las­sen.

Fa­tal ist es aus Je­lit­tos Sicht, wenn der Schmerz zum Han­deln­den wird und den Men­schen da­durch vie­les un­mög­lich wird. „Es gibt im­mer ei­ne Vor­ge­schich­te, die ei­ne in­di­vi­du­el­le Lö­sung in sich birgt“, be­schreibt Je­lit­to sei­ne Er­fah­rung. Den An­satz für ei­ne Lö­sung zu fin­den, das be­deu­tet für den Anäs­the­sis­ten mit der Zu­satz­aus­bil­dung Schmerz­the­ra­peut zu­nächst, den Men­schen mit all sei­nen Be­schwer­den so an­zu­neh­men, wie er ist. Und im Dia­log mit ihm die­sen Zu­stand wei­ter­zu­ent­wi­ckeln – psy­cho­so­ma­tisch, aber auch je nach Dia­gno­se kör­per­li­cher Ur­sa­chen mit­hil­fe von Sprit­zen, Ta­pes, Aku­punk­tur­na­deln oder sorg­sam do­sier­ten Schmerz­mit­teln.

Da­für ar­bei­ten in der Kli­nik für Schmerz­me­di­zin Neu­ro­lo­gen, Psy­cho­the­ra­peu­ten, Neu­ro- und Er­go­the­ra­peu­ten Hand in Hand. Schmerz­mit­tel, zu de­nen auch Can­na­bis zählt, sind für Spe­zia­lis­ten wie Je­lit­to ei­ne Mög­lich­keit, vor al­lem die in­ne­re Ba­lan­ce ei­nes Men­schen wie­der­her­zu­stel­len.

So sieht es auch Dr. San­dra Blenk, Ärzt­li­che Lei­te­rin des Zen­trums für Schmerz­me­di­zin am St. Vin­zenz-Kran­ken­haus in Düs­sel­dorf. Sie hat stän­dig mit dem Vor­ur­teil zu kämp­fen, dass Schmerz­the­ra­peu­ten nur mit Sprit­zen und Me­di­ka­men­ten ar­bei­ten: „Die viel­fäl­ti­gen An­sät­ze ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nä­ren mul­ti­moda­len Schmerz­the­ra­pie, kurz IMST, bei de­nen die Psy­cho­so­ma­tik ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt, ist selbst Ärz­ten oft nicht be­kannt“, sagt sie.

„Die ver­ba­le Ar­beit ist ein ent­schei­den­der An­teil der The­ra­pie“, be­tont auch ihr Kol­le­ge Je­lit­to, der sei­ne Pa­ti­en­ten gern ganz­heit­lich be­trach­tet, statt nur auf die schmer­zen­de Kör­per­re­gi­on zu bli­cken. Doch ein sol­ches Vor­ge­hen braucht Zeit: an­dert­halb St­un­den für ein ers­tes Ge­spräch, bei dem auch bis­he­ri­ge Be­fun­de an­ge­schaut und Fra­ge­bö­gen aus­ge­wer­tet wer­den, da­nach – für die ei­gent­li­che Ar­beit – halb­stün­di­ge wei­te­re am­bu­lan­te Ter­mi­ne mit dem Pa­ti­en­ten, um des­sen je­wei­li­ges Pro­blem an­zu­ge­hen.

„Wir stel­len die Wei­chen, da­mit die Men­schen mög­lichst bald wie­der ,in die freie Wild­bahn‘ ent­las­sen wer­den kön­nen“, sagt der Ex­per­te. Er ha­be vie­len schon durch ei­ne gründ­li­che Ana­ly­se wäh­rend ei­nes Ge­sprächs und ei­ner da­zu­ge­hö­ri­gen kör­per­li­chen Un­ter­su­chung wei­te­re auf­wen­di­ge Ver­fah­ren wie Kern­spin­to­mo­gra­fi­en er­spart, er­klärt der Chef­arzt. „Das Ziel ist er­reicht, wenn der Pa­ti­ent und ich es schaf­fen, nicht mehr über den Schmerz zu spre­chen. Denn es ist ein Un­ter­schied, ob die Pein ei­nen Pa­ti­en­ten hat oder um­ge­kehrt der Mensch Schmerz ver­spürt.“Die­ser ge­hö­re schließ­lich zum Le­ben – als ein Si­gnal da­für, dass die so­zia­le und emo­tio­na­le In­te­gri­tät ei­nes Men­schen be­droht wer­de.

Schmerz­ge­plag­te ha­ben es nicht leicht, sich ei­nen qua­li­fi­zier­ten Be­hand­ler zu su­chen – und vor al­lem, ei­nen Ter­min zu be­kom­men. Da­für kann man et­wa di­rekt zu ei­nem der rund 120 re­gio­na­len Schmerz­zen­tren ge­hen, die die Deut­sche Ge­sell­schaft für Schmerz­me­di­zin auf­lis­tet (dg­schmerz­me­di­zin.de das ei­nen in der Ver­gan­gen­heit über­emp­find­lich ge­wor­den ist. Es re­agiert dann so­gar auf harm­lo­se Rei­ze wie ei­ne Be­rüh­rung mit Schmerz­si­gna­len. Da­mit hat der Schmerz sei­ne Warn­funk­ti­on durch > Über die DGS > Schmerz­zen­tren). Ei­ne wei­te­re Mög­lich­keit ist es, dem Haus­arzt di­rekt zu sa­gen: „Ich glau­be, ich brau­che ei­ne Schmerz­me­di­zin“– um den Kreis­lauf von wei­te­ren Arzt­ter­mi­nen oder Ope­ra­tio­nen zu durch­bre­chen. Über das Por­tal Anäs­the­sis­ten im Netz (www.ana­es­the­sis­ten-im­netz.de) las­sen sich auch nie­der­ge­las­se­ne Schmerz­the­ra­peu­ten fin­den.

Ent­schei­dend ist das En­ga­ge­ment

Am­bu­lan­te Be­hand­lun­gen in ei­nem Schmerz­zen­trum sind Kas­sen­leis­tun­gen und nur für ei­nen sta­tio­nä­ren Auf­ent­halt – et­wa in ei­ner Ta­ges­kli­nik – gibt es be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen: San­dra Blenk be­schreibt die Schmerz­the­ra­pie IMST als En­de ei­nes Wegs, das erst dann er­reicht wird, wenn am­bu­lan­te Mög­lich­kei­ten wie Kran­ken­gym­nas­tik, Re­ha-Sport, Aku­punk­tur oder ei­ne Psy­cho­the­ra­pie nicht ge­fruch­tet ha­ben. „Sind die­se Kri­te­ri­en er­füllt, kann der Haus­arzt, Or­tho­pä­de oder Neu­ro­lo­ge den Pa­ti­en­ten zum Schmerz­zen­trum über­wei­sen.“

Ent­schei­dend für den Er­folg ei­ner sta­tio­nä­ren Be­hand­lung, die drei bis zwölf Wo­chen dau­ern kann, ist aber das En­ga­ge­ment des Pa­ti­en­ten: Er oder sie muss selbst be­reit sein, ge­mein­sam mit dem Arzt ge­gen den Schmerz zu ar­bei­ten und da­bei auch in ei­ge­ne Ab­grün­de schau­en, um sie zu über­brü­cken. Andre­as Je­lit­to sagt: „Ei­ne Schub­la­de, aus der ich ei­ne Pa­tent­lö­sung zie­hen kann, ha­be ich nicht.“

S d Men­schen. Da­bei steht „chro­nisch“nicht für ei­nen be­stimm­ten Zei­t­raum, son­dern da­für, dass sich der Schmerz un­ab­hän­gig von ei­nem An­lass – et­wa ei­nem Un­fall oder ei­ner Ver­let­zung – ver­selbst­stän­digt hat. Das im Kör­per kann sich Schmer­zen mer­ken. Ob­wohl al­so die Ur­sa­che des Schmer­zes nicht mehr vor­han­den ist, lei­det der Mensch. Man spricht dann von ei­nem Schmerz­ge­dächt­nis. Es kann ent­ste­hen, wenn Ner­ven­sys­tem d e ver­lo­ren. Er wird zur ei­gen­stän­di­gen Er­kran­kung und be­för­dert – un­be­han­delt – ei­nen Kreis­lauf. Denn chro­ni­sche Schmer­zen kön­nen et­wa aus­lö­sen, gleich­zei­tig kön­nen De­pres­sio­nen Schmer­zen ver­stär­ken. d me e Der Text stammt aus dem ak­tu­el­len News­let­ter von Fi­nanz­tip. Er er­scheint an die­ser Stel­le in ei­ner Ko­ope­ra­ti­on. Fi­nanz­tip ist ge­mein­nüt­zig und hilft Ver­brau­chern bei den Fi­nan­zent­schei­dun­gen des All­tags.

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