Im In­nern der Macht

Die So­zi­al­de­mo­kra­tin Eli­sa­beth Kai­ser zwi­schen Kom­pro­mis­sen und Ko­ali­ti­ons­cha­os

Thüringer Allgemeine (Apolda) - - THÜRINGEN - Von Mar­tin De­bes

Die Sit­zung des In­nen­aus­schus­ses im Saal 2300 des Paul-Lö­be-Hau­ses zieht sich an die­sem hei­ßen Tag. Die Ab­ge­ord­ne­ten müs­sen noch über die neu­es­te Ver­schär­fung des Asyl­rechts ab­stim­men, das um­strit­te­ne Ge­set­zes­pa­ket von In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU). Eli­sa­beth Kai­ser vo­tiert so, wie es ih­re Par­tei, die SPD, mit der Uni­on am En­de lan­ger De­bat­ten ver­ein­bart hat: mit Ja. Im Ge­gen­zug ma­chen die Ko­ali­ti­ons­part­ner Zu­ge­ständ­nis­se bei der Zu­wan­de­rung von Fach­kräf­ten.

„Ja, das war schon schwer“, sagt die Ab­ge­ord­ne­te. Sie weiß, dass sich da­heim, in Thü­rin­gen, die rot-rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung im Chor ge­gen die Ge­set­zes­no­vel­le em­pört. Und sie weiß, dass na­tür­lich auch die Ju­sos, de­nen sie ja mit ih­ren 32 Jah­ren noch an­ge­hört, ge­schlos­se­nen da­ge­gen sind. Aber so ist es nun mal, das Le­ben in ei­ner Ko­ali­ti­on, die nie­mand in der SPD so rich­tig wollte und Eli­sa­beth Kai­ser schon gar nicht.

Zu­dem ist der ko­ali­ti­ons­be­ding­te Op­por­tu­nis­mus nur ei­nes ih­rer ak­tu­el­len Pro­ble­me. Denn nach­dem der SPD die Par­tei­und Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de ab­han­den­kam, herrscht wie­der ein­mal das größ­te an­zu­neh­men­de Gro­ko-Cha­os. „Schlimm“, „bit­ter“und „trau­rig“lau­ten die Wor­te, die Kai­ser gleich mehr­fach ver­wen­det, wenn sie über den Sturz von Andrea Nah­les re­det. „Das hat­te sie wirk­lich nicht ver­dient.“Auch wenn sie das meis­te der Rän­ke und In­tri­gen gar nicht mit­be­kom­men ha­be: Al­lein das, was bis zu ihr durch­drang, sei mehr als ge­nug ge­we­sen.

War es al­so ein Feh­ler, in die gro­ße Po­li­tik zu ge­hen? Be­reut sie es, dass sie ih­re si­che­re und eher ru­hi­ge Stel­le als Pres­se­spre­che­rin der Land­tags­frak­ti­on in Er­furt auf­gab, um nun stän­dig zwi­schen ih­rem Wahl­kreis und Ber­lin hin- und her­zu­pen­deln, wäh­rend­des­sen um sie her­um die Par­tei zu im­plo­die­ren scheint?

„Nein“, ant­wor­tet Kai­ser, oh­ne auch nur den Hauch ei­nes Zö­gerns in der Stim­me oder im Blick. „Es ist zwar stres­sig, aber es macht Spaß, vor al­lem in­halt­lich. Ich kann et­was be­we­gen.“

Wäh­rend sie das sagt, steht die Ab­ge­ord­ne­te in dem rie­si­gen Par­la­ments­ge­bäu­de, das so aus­sieht, als sei ein be­son­ders klo­bi­ges Raum­schiff zwi­schen Spree und Reichs­tag ge­lan­det. Hin­ter den rie­si­gen Pan­ora­ma­schei­ben schip­pern die Aus­flugs­damp­fer vor­bei, von de­nen aus die Tou­ris­ten neu­gie­rig ins In­ne­re zu schau­en ver­su­chen, dort­hin, wo die Din­ge in die­ser Re­pu­blik ent­schie­den wer­den.

In die­sem In­nern ist Eli­sa­beth Kai­ser. Ob­wohl sie sich ei­gent­lich lie­ber um Fa­mi­li­en- und Ju­gend­po­li­tik küm­mern wollte, wur­de sie in den wich­ti­ge­ren Aus­schüs­sen für In­ne­res und Bau plat­ziert, die in ih­rer Struk­tur das Su­per­mi­nis­te­ri­um von See­ho­fer wi­der­spie­geln. Dort wird dann über die Si­cher­heits­be­hör­den jed­we­der Art, die Woh­nungs­not und na­tür­lich die Flücht­lings­po­li­tik ge­strit­ten.

In den zehn kur­zen Re­den, die Kai­ser bis­her ge­hal­ten hat, ging es aber nicht nur um Bau­rechts­än­de­rung oder das Ge­bur­ten­re­gis­ter, son­dern ins­be­son­de­re um Ost­deutsch­land. So sprach sie zum Be­richt der deut­schen Ein­heit oder der Kom­mis­si­on, die sich um die gleich­wer­ti­gen Le­bens­ver­hält­nis­se in der Re­pu­blik küm­mern soll.

Die Re­den be­le­gen, wie sich die Ab­ge­ord­ne­te rhe­to­risch ent­wi­ckelt hat, ganz of­fen­kun­dig auch mit pro­fes­sio­nel­ler Hil­fe. Ihr Selbst­be­wusst­sein ist er­kenn­bar ge­wach­sen. Dass sie als jun­ge Frau aus dem Os­ten gleich meh­re­re Quo­ten auf ein­mal ver­kör­pert, nutzt sie ge­nau­so of­fen­siv, wie es vor ihr ei­ne Ka­trin Gö­ring-Eckardt oder ei­ne An­ge­la Mer­kel ta­ten. Zu­mal, es gibt ja im­mer noch ge­nü­gend Leu­te, die sie auf ih­re SPD-ro­ten Klei­der und Ja­cken re­du­zie­ren, die sie so ger­ne trägt.

Zu dem Selbst­be­wusst­sein ge­hört, dass sie die 48 Mil­lio­nen Eu­ro des Bun­des, die für das Lin­denau-Mu­se­um in Al­ten­burg flie­ßen, of­fen­siv ih­rer Ar­beit zu­schreibt. „Ich bin schon stolz dar­auf, dass wir das Geld be­wil­ligt be­kom­men ha­ben“, sagt sie. Na­tür­lich sei es „Team­ar­beit“ge­we­sen, ge­mein­sam mit an­de­ren Ab­ge­ord­ne­ten wie Volk­mar Vo­gel von der CDU. „Aber oh­ne mich wä­re das nicht so ge­kom­men.“

Die Ab­ge­ord­ne­te lernt schnell, wie das Ge­schäft in Ber­lin funk­tio­niert – und wie nicht. So wur­de das THW-Aus­bil­dungs­zen­trum, für das sie lan­ge stritt, nicht in Ge­ra an­ge­sie­delt, weil See­ho­fer ein­sam an­ders ent­schied. Den­noch gibt sie sich über­zeugt: „Wenn man nur lan­ge ge­nug trom­melt, er­reicht man am En­de auch et­was.“

Über­haupt ist ihr Wahl­kreis, der ne­ben ih­rer Ge­burts­stadt Ge­ra noch Greiz und das Al­ten­bur­ger Land um­fasst, für sie wich­tig. Au­ßer­halb der Sit­zungs­ta­ge im Bun­des­tag sei sie fast im­mer da­heim, sagt sie. „Das hat Prio­ri­tät.“

Was Kai­ser nicht sagt, ist, dass ihr gar nichts an­de­res üb­rig bleibt. Ih­re Kar­rie­re von der un­be­kann­ten Pres­se­spre­che­rin auf Platz 2 der Thü­rin­ger SPD-Bun­des­tags­wahl­lis­te wur­de längst nicht von al­len in der Lan­des­par­tei mit Sym­pa­thie be­trach­tet. Sie ge­wann die Kampf­ab­stim­mung vor al­lem des­halb, weil sie ein­fluss­rei­che För­de­rer wie Fi­nanz­mi­nis­te­rin Hei­ke Tau­bert und Land­tags­frak­ti­ons­chef Mat­thi­as Hey hat­te. Aber jetzt muss sie an der Ba­sis lie­fern, sonst kann es mit dem Man­dat rasch wie­der vor­bei sein.

Und so ist Kai­ser in­zwi­schen Kreis­vor­sit­zen­de der SPD in Ge­ra und muss­te in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ne­ben den üb­li­chen Orts­ter­mi­nen so man­chen Auf­tritt im Eu­ro­pa- und Kom­mu­nal­wahl­kampf ab­sol­vie­ren. Die Mü­hen än­der­ten frei­lich nichts am nie­der­schmet­tern­den Er­geb­nis: Die AfD wur­de bei der Eu­ro­pa­wahl stärks­te Par­tei und stellt nun auch im Stadt­rat die größ­te Frak­ti­on. Die SPD lan­de­te bei 9,2 und 6,4 Pro­zent.

Für die Land­tags­wahl, in der auch die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te wie­der im Ein­satz sein muss, sind die Aus­sich­ten ähn­lich mies, selbst wenn mit Wolf­gang Tie­fen­see der Spit­zen­kan­di­dat der Lan­des-SPD in Ge­ra an­tritt. Der Bun­des­trend zieht die Lan­des­par­tei, die ja Tie­fen ge­wöhnt ist, ge­ra­de noch ein­mal ex­tra nach un­ten.

Was al­so tun?

Raus aus der Ko­ali­ti­on im Bund, die Kai­ser schon 2017 nicht wollte? Doch an die­ser Stel­le zö­gert die Ab­ge­ord­ne­te. Ih­re Ant­wort klingt wie ein ver­drucks­tes Ja mit ei­nem hal­ben Aber hin­ter­her. Sie wol­le kei­ne „Flucht der Par­tei ins Nir­gend­wo“, sagt sie. Es soll­te ei­nen ge­ord­ne­ten Aus­stieg ge­ben. „Wir soll­ten schon ei­nen Grund ha­ben, um raus­zu­ge­hen.“

An­ge­sichts des­sen, was ge­ra­de pas­siert, muss Kai­ser ah­nen, dass ih­re ers­te Wahl­pe­ri­ode nicht die re­gu­lä­ren vier Jah­re dau­ern dürf­te. Doch sie will bes­ser vor­be­rei­tet sein, mehr er­reicht ha­ben, um sich bei der Lis­ten­auf­stel­lung in Thü­rin­gen durch­set­zen zu kön­nen.

Eli­sa­beth Kai­ser hat sich nicht wäh­len las­sen, um sich mal kurz im In­nern der Macht um­zu­schau­en. Sie hat sich wäh­len las­sen, um dort zu blei­ben.

FO­TO: MAR­TIN DE­BES

Die aus Ge­ra stam­men­de Thü­rin­ger Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Eli­sa­beth Kai­ser (SPD) im Paul-Lö­be-Haus in Ber­lin.

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