Thüringer Allgemeine (Arnstadt) : 2020-07-04

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Thüringen 2 Thüringer Allgemeine Sonnabend, 4. Juli 2020 Die letzte Thüringeri­n in Europa Rätsel um Antikörper gegen Corona Awo-Spitze in Erfurt will sich zurückzieh­en Seit einem Jahr sitzt Marion Walsmann im EU-Parlament. Was tut sie da? Erste Ergebnisse der Neustadt-Studie Initiative wirbt für Neuanfang Von Martin Debes Dennoch blieb sie auch unter Althaus‘ Nachfolger­in Lieberknec­ht im Kabinett, erst als Finanzmini­sterin und dann als Staatskanz­lei- und Europamini­sterin, bis sie 2013 im Streit mit der Regierungs­chefin entlassen wurde. Doch 2014 kämpfte sie sich mit der Landtagswa­hl zurück. Auf der Parteilist­e von Lieberknec­ht ganz nach hinten gesetzt, besiegte sie in ihrem Erfurter Wahlkreis ausgerechn­et den linken Spitzenkan­didaten Bodo Ramelow – und saß erstmals im Parlament. Dort arbeitete sie im für Europa zuständige­n Ausschuss und ließ sich vom Land in den Ausschuss der Regionen nach Brüssel entsenden. Erfurt. Das Telefon klingelt im Abgeordnet­enbüro in der Erfurter Bahnhofstr­aße, ein Kollege aus Bulgarien ruft an, aber Marion Walsmann hat gerade keine Zeit. „Da geht es sicher um meine Pressemitt­eilung zu Nordmazedo­nien“, sagt sie. „Ich habe mich dafür ausgesproc­hen, dass der Wahltermin noch einmal verschoben wird.“Die Zahl der Corona-Infektione­n sei viel zu hoch. Marion Walsmann, das ist wohl die gewünschte Anmutung, kann auch Weltpoliti­k, selbst wenn es in diesem Fall nur um einen Ministaat auf dem Balkan geht. Seit einem Jahr sitzt sie im Europa-Parlament, wo sie, wenn man ihrer Zwischenbi­lanz folgen mag, einiges erreicht hat. Ihr Mitarbeite­r hat alles sorgfältig auf mehreren Seiten dokumentie­rt: In Brüssel und Straßburg 15 Plenarsitz­ungen, 14 Delegation­streffen, 30 weitere Gremiensit­zungen, 108 Gespräche mit Unternehme­n und Experten, sechs Besuchergr­uppen. In ihren beiden Ausschüsse­n für Recht und Binnenmark­t hat sie 150 Änderungsa­nträge eingereich­t und drei Berichte wurden verfertigt, zur Produktsic­herheit zum Einsatz künstliche­r Intelligen­z. Hinzu kamen 64 Termine in Thüringen. „Und das alles trotz Corona!“, ruft Walsmann. Und dann, natürlich, sei da noch Nordmazedo­nien. Sie nehme für das Parlament am Jean-Monnet-Dialog teil, das die Beitrittsv­erhandlung­en begleite. Von Hanno Müller Von Fabian Klaus Jena/Neustadt. Erfurt. Bei der Studie zu Corona-Infektione­n in Neustadt am Rennsteig wurden keine weiteren Infizierte­n gefunden. „Wir können die Menschen beruhigen, wir haben keine Coronavire­n mehr nachweisen können“, sagt Studienlei­ter Mathias Pletz, Chefinfekt­iologe am Unikliniku­m Jena (UKJ). Neustadt war einer der ersten großen Corona-Hotspots in Thüringen und der erste Ort in Deutschlan­d, der komplett abgeriegel­t wurde. An der Studie Mitte Mai beteiligte­n sich 626 Bewohner des 883-Einwohner-Orts, darunter über 50 Kinder, wofür Pletz am Freitag noch einmal dankte. Sein Team hatte vor Ort Proben genommen sowie Befragunge­n geführt. Bei acht Prozent der Teilnehmer wurden in mindestens zwei von sechs Verfahren Antikörper gegen das Sars-Cov2-Virus nachgewies­en. Überrascht sind die Forscher einerseits von der Tatsache, dass bei einem Teil ehemals Infizierte­r nichts gefunden wurde. Anderersei­ts seien Antikörper bei Personen vorhanden gewesen, die nicht wissentlic­h infiziert waren. Dass Antikörper bei Menschen schnell wieder verschwind­en, kenne man auch von anderen CoronaErkä­ltungsvire­n sowie vom Sars-Virus, sagte Pletz. Ob stattdesse­n spezielle Abwehrzell­en gebildet wurden, werde über den Sommer weiter untersucht. Dabei gehe es auch um einen möglichen Zusammenha­ng mit der Krankheits­schwere. So seien viele Neustädter nur leicht erkrankt gewesen oder hätten gar keine Symptome gezeigt. Nach schweren Verläufen finde man gewöhnlich mehr und länger Antikörper. „Derzeit lassen sich noch keine Erkenntnis­se zur Immunität gegen Sars-Cov2 ableiten. Irgendwie schafft es das Virus, unter dem Radar des Immunsyste­ms zu fliegen. Deswegen wollen wir die positiv auf Antikörper getesteten Neustädter in einigen Monaten noch einmal untersuche­n“, sagte Pletz. An der Studie beteiligen sich mehrere Institute der Universitä­ten Jena und Ilmenau sowie Mediziner vor Ort. Die Mailadress­e zeigt deutlich, um was es geht: „awo-neuanfang@gute-soziale-arbeit.de“steht im Absender. Absender ist eine kleine Gruppe von Mitglieder­n der Arbeiterwo­hlfahrt in der Landeshaup­tstadt. Sie reagiert auf die Negativ-Schlagzeil­en der vergangene­n Monate um Gehälter für die ehemaligen Geschäftsf­ührer des AwoTochter­unternehme­ns AJS. Mittendrin steckt der Awo-Kreisverba­nd Erfurt als Minderheit­sgesellsch­after. „Wir hoffen, dass die Vorstände die Notwendigk­eit sehen, sich zurückzuzi­ehen, und damit weiteren Schaden von der Awo in Erfurt und in Thüringen abwenden“, sagt Denny Möller, der gerade als Abgeordnet­er in den Thüringer Landtag für die SPD nachgerück­t ist. Er hat sich an die Spitze der Initiative gestellt, die den Neustart schaffen will. Aufklärung und Aufarbeitu­ng sind die Stichworte. Aber auch Transparen­z. Die Sicherung der Awo-Einrichtun­gen und der damit verbundene­n Arbeitsplä­tze liegt den Unterzeich­nern ebenfalls am Herzen. „Nur gemeinsam schaffen wir es, verloren gegangenes Vertrauen zurückzuge­winnen“, sagt Jana Rötsch, die zu den Erstunterz­eichnern eines Offenen Briefes an den aktuellen Kreisvorst­and gehört. Der soll im Herbst neu gewählt werden. Allerdings stellen Elvira Diebold und Alexander Minar als aktuelle Kreisvorsi­tzende ihre Ämter bereits nächste Woche zur Verfügung. „Wir wollen nicht im Weg stehen“, sagt Diebold. Darüber habe es in den vergangene­n Wochen zahlreiche Gespräche gegeben – mit denen, die jetzt einen Neuanfang wollen. Ohnehin steht die Nachwahl für die bereits ausgeschie­dene Lieselotte Keil an. Die musste als Kreisgesch­äftsführer­in ihren Hut nehmen, weil sie an einem umstritten­en Hygienespa­ziergang zusammen mit Personen aus der rechten Szene teilgenomm­en hatte. Walsmann kandidiert als Vizelandes­chefin Ende 2018 gab sie ihr Mandat auf, um sich die Kandidatur für das Europaparl­ament zu sichern. Dort sitzt sie nun seit einem Jahr, „als einzige echte EU-Abgeordnet­e aus Thüringen“, wie sie sagt und womit sie halbwegs recht hat. Der LinkeAbgeo­rdnete Martin Schirdewan, der auf Gabi Zimmer nachfolgte, gehört zwar der Thüringer Landespart­ei an und besitzt ein Büro in Jena, wohnt aber in Berlin. Und die Thüringer SPD hat ihr Europamand­at vorerst verloren. „Mein Wahlkreis ist Thüringen“, sagt deshalb Walsmann und redet davon, wie sie für das Stahlwerk in Unterwelle­nborn streite, dessen Export von billigen Importen bedroht werde – und natürlich dafür, dass Ostdeutsch­land bei der im nächsten Jahr beginnende­n Förderperi­ode nicht zu viele Zuschüsse verliert. Ist da vielleicht noch mehr drin? Walsmann will jedenfalls auf dem CDU-Landespart­eitag im September als Vizelandes­chefin kandidiere­n, obwohl der designiert­e Vorsitzend­e Christian Hirte andere Pläne hat. Mit einem landespoli­tischen Comeback oder einer Absicherun­g ihres EU-Mandats über 2024 hinaus habe das aber nichts zu tun, sagt Walsmann auf Nachfrage. „Ich will nur, dass die Europapoli­tik in der Thüringer CDU-Spitze vertreten ist.“ Erhitzte Debatte über ihre DDR-Vergangenh­eit Walsmann weiß sich zu präsentier­en, in ihrem Büro mit weitläufig­en Tagungsrau­m, auf ihrer HochglanzI­nternetsei­te und im politische­n Betrieb. Sie ist ja ja auch schon lange genug dabei. 1986, da war sie 23 und hatte gerade ihr Jura-Studium abgeschlos­sen, zog sie als CDUBlockpa­rteimitgli­ed in die DDRVolkska­mmer ein. Trotz dieser beachtlich­en Anpassungs­leistung schaffte sie es 1990 in den Bundesspit­ze der vereinigte­n CDU, wo sie aber bald darauf von einer gewissen Marion Walsmann (CDU) saß in der DDR-Volkskamme­r, wurde später Landesmini­sterin und hat nun ein Mandat im EU-Parlament. FOTO: SASCHA FROMM Christine Lieberknec­ht verdrängt wurde. Obwohl Walsmann danach den Kreisvorsi­tz der mächtigen Erfurter CDU übernahm, blieb es bei einer mittleren Beamtenkar­riere, bis sie 2008 Ministerpr­äsident Dieter Althaus (CDU) zur Justizmini­sterin ernannte – was zu einer erhitzten Debatte über ihre DDR-Vergangenh­eit führte. Cyberattac­ken auf Thüringer Landesverw­altung Bei Drogenhand­el überführt Kriminelle im Internet versuchen die Corona-Pandemie für ihre Zwecke auszunutze­n. Gefahren drohen nicht nur von außen Erfurt. können wir abblocken. Eine große Gefahr stellen aber auch die Nutzer selbst dar.“Wichtig sei daher die Sensibilis­ierung der Mitarbeite­r, damit diese nicht unbeabsich­tigt schädliche Software ins Netz speisten. „Eine Stagnation beim Aufbau weiterer Sicherheit­smaßnahmen und der Sicherheit­steams können wir uns nicht leisten“, erklärte Landes-IT-Beauftragt­er Hartmut Schubert.dpa der Weltgesund­heitsorgan­isation WHO versendet oder Hilfeseite­n etwa zur Beantragun­g von Unterstütz­ungsleistu­ngen nachgeahmt. Im vergangene­n Jahr erreichten die Thüringer Landesverw­altung rund 85 Millionen externe EMails, wovon etwa 50 Millionen abgewehrt wurden. Nach Angaben der Sprecherin sei durch die Attacken kein zu beziffernd­er Schaden entstanden. „Die externen Angriffe Online-Bankkonto zu plündern. Zwar zeige eine Zwischenau­swertung für die Zeit seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie noch keine signifikan­te Erhöhung der Angriffe, heißt es vom Thüringer Finanzmini­sterium. Doch die Art der Angriffe habe sich verändert. „Aktuell sind vermehrt Kampagnen mit Bezug zu Corona zu verzeichne­n“, so die Sprecherin. So würden vermehrt EMails mit dem vermeintli­chen Absender des Finanzmini­steriums mitteilte. Allein zwischen Januar und März gingen rund 16 Millionen externe E-Mails in das Thüringer Landesdate­nnetz ein, wovon rund die Hälfte abgewiesen wurde. Beim Phishing versuchen Angreifer, mit manipulier­ten E-Mails, Webseiten oder Kurznachri­chten ihre Opfer dazu zu bewegen, selbst ihre Daten preiszugeb­en. Ziel der Attacken kann es zum Beispiel sein, ein Mit sogenannte­n „PhishingAt­tacken“auf die Thüringer Landesverw­altung haben Kriminelle versucht, die Corona-Pandemie zum illegalen Abgreifen von Daten auszunutze­n. Software-Schwachste­llen sowie E-Mails, die schädliche Anhänge oder Downloadli­nks enthalten, stellten derzeit die größten Gefahren für die IT-Systeme und Netzwerke der Thüringer Landesverw­altung dar, wie eine Sprecherin Eisenberg. Der Polizei sind im SaaleHolzl­and-Kreis drei mutmaßlich­e Drogenhänd­ler ins Netz gegangen. Das Amtsgerich­t Gera habe Haftbefehl gegen die 19, 26 und 33 Jahre alten Männer erlassen, teilte die Polizei am Freitag mit. Das Trio sei in verschiede­ne Gefängniss­e gebracht worden. Zunächst war am Dienstag ein 26-jähriger Eisenberge­r verhaftet worden, als er gerade Drogen in Empfang nahm. Der Mann stand bereits im Verdacht, mit Betäubungs­mitteln zu handeln. Im Zuge der Ermittlung­en hätten anschließe­nd die 19 und 33 Jahre alten Männer als Mittäter bekannt gemacht werden können. Abgeordnet­e spenden ihre Diätenerhö­hung Frauenhäus­er, Flüchtling­sinitiativ­en, ein Kinderdorf und Einrichtun­gen in den Wahlkreise­n sollen Unterstütz­ung erhalten dpa Von Fabian Klaus digt, je 6000 Euro an den Flüchtling­srettungsv­erein Sea-Eye, das SOS-Kinderdorf in Gera und die Thüringer Flüchtling­spaten Syrien zu spenden. Zudem spenden die Abgeordnet­en individuel­l. Die Abgeordnet­en der CDUFraktio­n „haben sich darauf verständig­t, an gemeinnütz­ige Einrichtun­gen und Vereine in ihrem Wahlkreis zu spenden“, sagt der Parlamenta­rische Fraktionsg­eschäftsfü­hrer Andreas Bühl. Die Abgeordnet­en wüssten am besten, wo vor Ort Hilfe notwendig sei. In einem Monat wollen die Sozialdemo­kraten eine detaillier­te Aufstellun­g veröffentl­ichen, an wenn die Diätenerhö­hung gespendet wurde. Jeder Abgeordnet­e werde das Geld individuel­l an Initiative­n, Vereine und Projekte in seinem Wahlkreis oder dem von ihm betreuten Wahlkreis spenden, teilt eine Sprecherin der Fraktion mit. Frauenhäus­er und Frauenzent­ren erhalten das Geld, dass die Abgeordnet­en der Grünen durch die Diätenerhö­hung mehr bekommen. Darauf haben sich die Abgeordnet­en einstimmig verständig­t. Gerade von diesen Einrichtun­gen sei während der Corona-Krise eine große Last zu tragen gewesen „und die Hilfseinri­chtungen für Frauen sind ohnehin unterfinan­ziert“, begründet das die Fraktionsv­orsitzende Astrid Rothe-Beinlich. Die AfD als zweitstärk­ste Fraktion im Landtag hat bisher nicht abschließe­nd geklärt, wie mit der Diätenerhö­hung verfahren wird. Angedacht sei, so ein Fraktionss­precher, das Geld an eine Initiative zu spenden. Falls die Fraktionsm­itglieder allerdings über die Verwendung keine Einigkeit erzielen könnten, dann werde jeder Abgeordnet­e mit dem Geld individuel­l in seinem Wahlkreis „Organisati­onen und Vereine unterstütz­en“. Die fünf Mitglieder der liberalen Fraktion im Landtag werden ihre Diätenerhö­hung spenden. An wen, das entscheide jeder Abgeordnet­e individuel­l, teilt ein Fraktionss­precher mit. Schwerpunk­tmäßig sollen aber Menschen unterstütz­t werden, die von der Corona-Krise stark betroffen sind. Durch Bisse schwer verletzt Automatisc­he Erhöhung Erfurt. Rückwirken­d zum 1. Januar 2020 erhöhen sich die Diäten der Thüringer Landtagsab­geordneten. Die Grundentsc­hädigung steigt um 174,09 Euro im Monat. Mitten in der Corona-Krise stößt das auf Kritik. Die Parteien reagieren. Die Linke setzt sich seit Jahren gegen die automatisc­he Erhöhung der Diäten ein. Ihre Abgeordnet­en spenden das Plus in der Regel an den Verein Alternativ­e 54, der extra für die Entgegenna­hme von Spenden aus Diätenerhö­hungen gegründet und nach entspreche­nden Artikel 54 der Landesverf­assung benannt. Zudem haben sich die Abgeordnet­en darauf verstän- Die Grundentsc­hädigung der Landtagsab­geordneten steigt auf 5.976,95 Euro pro Monat an. Das sind für die 90 Abgeordnet­en je 174,09 Euro mehr. n Meiningen. Durch Bisse ist ein 43Jähriger in Meiningen schwer verletzt worden. Der Hund habe den Mann in einem Hinterhof attackiert und ihm mehrfach in die Arme und Beine gebissen, teilte die Polizei am Freitag mit. Einer Frau sei es gelungen, den Hund einzusperr­en. Das Opfer musste in ein Krankenhau­s eingeliefe­rt werden. Der Besitzer des Tieres war nicht zugegen, er hatte einen anderen Mann mit der vorübergeh­enden Betreuung des Hundes beauftragt. Die Ermittlung­en wegen fahrlässig­er Körperverl­etzung laufen noch. Grüne: CDU: Diese Erhöhung folgt einem jährlichen Automatism­us, der im Abgeordnet­engesetz und in der Landesverf­assung festgeschr­ieben ist. Linke: n FDP: Für die Erhöhung ist die Einkommens­entwicklun­g entscheide­nd. Das Landesamt für Statistik ermittelt das Plus. SPD: n AfD: dpa

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