Ein Hauch von Dol­ce Vi­ta im Kirch­gan­der­ner Dorf­krug

Mit West­geld wie­der­er­öff­net hat die Tra­di­ti­ons­gast­stät­te ei­ne be­weg­te Ge­schich­te

Thüringer Allgemeine (Eichsfeld) - - Eichsfelde­r Allgemeine - Von Sil­va­na Tis­mer

Die Ti­sche sind adrett ar­ran­giert, hel­le Tisch­de­cken, die Stüh­le sorg­sam hin­ge­rückt. Sa­bi­ne Kast­ner lässt den Blick schwei­fen. „Wir ha­ben in den ver­gan­ge­nen Wo­chen viel re­no­viert“, er­zählt sie. Die Wand­ver­klei­dun­gen, vor­her in sehr dunk­lem Holz, strah­len jetzt in tau­ben­grau. Es gibt neue hel­le Vor­hän­ge, neue Gar­di­nen­stan­gen, es ist strah­lend weiß ge­stri­chen. „Es ist ein­fach hel­ler und ein­la­den­der als vor­her“, sagt Sa­bi­ne Kast­ner.

Sie küm­mert sich seit nun­mehr 30 Jah­ren um den Dorf­krug in Kirch­gan­dern. Aber die Ge­schich­te rei­che noch wei­ter zu­rück, ver­rät Michae­la Kast­ner und lä­chelt ih­rer Mut­ter zu. Ein­fach war sie nicht, ni­cken bei­de. Ge­grün­det wur­de das Haus 1929 von Sa­bi­ne Kast­ners Groß­mut­ter. Bei­de, Dorf­krug und Groß­mut­ter, wur­den schnell zu In­sti­tu­tio­nen im Dorf. Doch mit Grün­dung der DDR war Schluss. „Da­mals durf­te es nur noch ei­ne Kn­ei­pe pro Dorf ge­ben“, weiß Sa­bi­ne Kast­ner. „Und das wa­ren nicht wir.“

Zwei Mal im Jahr sorgt die Kir­mes für Er­halt der Kon­zes­si­on

Hal­ten konn­te sich der Dorf­krug nur, weil die Mut­ter nach dem Tod der Groß­mut­ter zwei Mal im Jahr zur Kir­mes öff­nen durf­te, da der Dorf­saal zum Gast­haus ge­hört.

„Und wir konn­ten Fla­schen­bier ver­kau­fen. Da­durch ha­ben wir die Kon­zes­si­on nie ver­lo­ren, wur­den wei­ter bei der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer ge­führt“, sagt die In­ha­be­rin. Als die Mau­er fiel und die Deut­sche Ein­heit fest­stand, war auch für Fa­mi­lie Kast­ner klar, dass der Dorf­krug wie­der auf­er­ste­hen muss.

„Aber die sa­ni­tä­ren An­la­gen muss­ten drin­gend sa­niert wer­den. Ei­gent­lich woll­ten wir schon eher öff­nen. Aber dann ha­ben wir ge­sagt, dass wir erst die Toi­let­ten re­no­vie­ren und die Gast­stät­te pünkt­lich mit dem West­geld er­öff­nen.“Das war ge­nau der 1. Ju­li 1990, der Tag der Wäh­rungs­uni­on. „Ich hat­te vor­her zehn Jah­re im Be­klei­dungs­werk ge­ar­bei­tet, aber ein On­kel aus dem Wes­ten, der in der Tex­til­bran­che tä­tig war, sag­te: Sa­bi­ne, das wird nichts, kon­zen­trier Dich auf den Dorf­krug.“

Sie folg­te die­sem Rat. Gern er­in­nert sich die Fa­mi­lie an die ers­ten Jah­re nach der Wen­de zu­rück. „Die Men­schen ka­men zu­sam­men, fei­er­ten, tran­ken abends ein Bier­chen und spiel­ten Kar­ten.“Ei­ne Bock­wurst, ein stram­mer Max oder ei­ne Brot­zeit wa­ren auch im­mer zu ha­ben. Egal, ob Kir­mes­fei­ern, das jähr­li­che Thea­ter­gast­spiel der Gas­pa­ro­nes, Hoch­zei­ten, Ge­burts­ta­ge oder Ver­eins­ju­bi­lä­en – der Saal war ers­te An­lauf­stel­le.

„Aber mit der Ein­füh­rung des Eu­ro än­der­te sich das“, er­zählt Michae­la Kast­ner. Es ka­men im­mer we­ni­ger Leu­te. „Sie set­zen ih­re Prio­ri­tä­ten an­ders, fuh­ren lie­ber in den Ur­laub, spar­ten“, nickt ih­re Mut­ter. Ir­gend­wie hät­ten die Men­schen das Ge­fühl ge­habt, das Geld sei nur noch die Hälf­te wert. Das mach­te sich auch im Dorf­krug be­merk­bar. Das täg­li­che Ge­schäft ließ stark nach, auch wenn im­mer noch Fei­ern im Ka­len­der stan­den. „Gut, dass mein Mann noch Geld ver­dient.“

Tja, und dann kam Co­ro­na. Die Tü­ren muss­ten auf un­be­stimm­te Zeit schlie­ßen. Sa­bi­ne Kast­ner griff zu Ei­mer und Wischmopp, um ein­mal rich­tig sau­ber zu ma­chen.

Sie­ben Sor­ten Eis und je­der­zeit ei­ne herz­haf­te Bock­wurst

„Aber dann stand ich da, blick­te auf die dunk­len Wän­de und sag­te zu mei­ner Fa­mi­lie, dann kön­nen wir die Zeit nut­zen und re­no­vie­ren.“Jetzt ist die klei­ne Gast­stu­be genau­so schick wie der zwei­te Gast­raum. Nun ste­hen bei­de of­fen. „We­gen der Ab­stands­re­geln“, er­klärt Sa­bi­ne Kast­ner. „Wir ha­ben den Platz.“

Aber ir­gend­et­was fehl­te noch. Toch­ter Michae­la schlug vor, Eis zu ver­kau­fen. „Wir lie­gen hier ge­nau an der Gren­ze zu Nie­der­sach­sen, zwi­schen Han­stein und Rus­te­berg.

Wan­der­we­ge füh­ren hier durch, das Rad­we­ge­netz ist aus­ge­baut“, zählt sie auf. „Die nächs­ten Eis­die­len gibt es erst in Göt­tin­gen, Wit­zen­hau­sen und Uder.“Ge­mein­sam such­ten die Kast­ners ei­nen Part­ner für ita­lie­ni­sches Eis. Nun steht ei­ne Eis­the­ke im Dorf­krug. Sie­ben Sor­ten gibt es mo­men­tan: Erd­bee­re, Scho­ko, Va­nil­le, Coo­kie, Blau­er En­gel, Sah­ne Kir­sche und Nuss. Auch Eis­be­cher zau­bert Sa­bi­ne Kast­ner gern.

„Wir ha­ben auch die Öff­nungs­zei­ten vor­ge­zo­gen. Täg­lich ab 15 Uhr, au­ßer don­ners­tags, da ist Ru­he­tag.“Wenn es An­sturm gibt, dann fasst auch Michae­la mit zu. „Mei­ne El­tern ha­ben viel für mich ge­tan. Jetzt kann ich ein Stück zu­rück­ge­ben.“Und den stram­men Max, die Bock­wurst und die Brot­zeit ist auch heu­te noch zu ha­ben.

Un­se­re Zei­tung gra­tu­liert am Frei­tag in:

Hei­li­gen­stadt

In­grid Böh­me zum 75. Mar­got Hee­pe zum 70. Chris­ta Scheler zum 70. Ho­lun­gen

Meinolf Freund­lieb zum 70. Lei­ne­fel­de

Monika Dittrich zum 80. Nie­deror­schel

Li­o­ba Wand zum 70. Sie­mero­de

Bru­no Kö­nig zum 85. West­hau­sen

Eli­sa­beth Mock zum 90. Win­ge­ro­de

Thea Müller zum 70. Ge­burts­tag recht herz­lich!

FO­TO: SIL­VA­NA TIS­MER

Michae­la und Sa­bi­ne Kast­ner hän­gen an ih­rem Dorf­krug, der ei­ne be­weg­te Ge­schich­te hat. Jetzt gibt es auch ita­lie­ni­sches Eis. Da­mit schließt sich die Eis-lü­cke im west­li­chen Eichs­feld.

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