Das Schlös­ser-Mo­no­po­ly

Mit dem Plan, Thü­rin­ger Lie­gen­schaf­ten in ei­ne Stif­tung zu über­füh­ren, steht Mi­nis­ter Hoff vor ei­ner Mam­mut­auf­ga­be

Thüringer Allgemeine (Gotha) - - Thüringen - Von Wolfgang Hirsch Von Elmar Ot­to

Er­furt. In der Sitz­ecke zwi­schen wuch­ti­gen an­ti­ken Herr­scher­stand­skulp­tu­ren lehnt Roland Krisch­ke sich ent­spannt zu­rück. Der Di­rek­tor des Lin­denau-Mu­se­ums in Al­ten­burg ver­traut auf die Macht der Ar­gu­men­te und nimmt im schwe­len­den Dis­put um die ge­plan­te Kul­tur­stif­tung Mit­tel­deutsch­land Schlös­ser und Gär­ten (KMSG) ei­ne mo­de­ra­te Hal­tung ein: „Wenn es gut ge­macht ist, hal­te ich es für mög­lich, dass sich ein Mehr­wert er­gibt“, sagt er be­hut­sam.

Vor al­lem dann, wenn der Bund ne­ben den 200 Mil­lio­nen Eu­ro an För­der­gel­dern zur Sa­nie­rung his­to­ri­scher An­la­gen auch noch die Hälf­te der künf­ti­gen Be­triebs­kos­ten bei­steu­er­te, fän­de Krisch­ke das An­ge­bot ver­lo­ckend: weil er weiß, dass die Stadt und der Kreis Al­ten­bur­ger Land als Trä­ger des Schloss­bzw. des Lin­denau-Mu­se­ums im­mer stär­ker stra­pa­ziert wür­den. Zu­mal nach de­ren Sa­nie­rung und dem Um­bau des Mar­stalls zum ge­mein­sa­men De­pot.

Trotz­dem sagt Krisch­ke klar: „Die kul­tu­rel­le Viel­falt ist die ei­gent­li­che Stär­ke Thü­rin­gens.“Dass vie­le an­de­re his­to­ri­sche Lie­gen­schaf­ten und die da­rin be­trie­be­nen Ein­rich­tun­gen – zu­meist­Mu­se­en–nicht­in­den­Ge­nuss der Bun­des­för­de­rung kä­men, fän­de er be­dau­er­lich. So er­gibt sich die Ten­denz: Wer in sta­bi­len Ver­hält­nis­sen agiert, be­trach­tet die KMSG mit Skep­sis oder gar Un­mut; wer nicht, nicht. Die Stadt Go­tha zum Bei­spiel fühlt sich mit ih­rem 75-Pro­zent-An­teil an der Frie­den­stein­Stif­tung längst über­for­dert. Die­se be­treibt die Mu­se­en im Schloss, das als Lie­gen­schaft der Stif­tung Thü­rin­ger Schlös­ser und Gär­ten (STSG) ge­hört.

Für die Sa­nie­rung des Frie­den­steins ist dank ei­nes äl­te­ren 60-Mil­lio­nen-Pakts zwi­schen Bund und Frei­staat ge­sorgt. Von der Zu­schuss-Of­fer­te des Bun­des im De­zem­ber 2015 hat es bis zum Bau­be­ginn im April 2019 mehr als drei Jah­re ge­dau­ert. Des­halb will Krisch­ke, der dank ei­nes zwei­ten Pakts aus dem vo­ri­gen Win­ter 48 Mil­lio­nen Eu­ro von Bund und Land zur Ver­fü­gung hat, in Al­ten­burg mit Pla­nung und Baustart kei­nes­falls war­ten, bis die neue KMSG er­rich­tet ist. Er be­fürch­tet durch den Zeit­ver­zug ei­nen zu ho­hen Wert­ver­lust der För­der­gel­der.

Zu­dem weiß Krisch­ke, dass es kei­nes­wegs ei­ner neu­en Stif­tung mit Be­tei­li­gung des Bun­des be­darf, um des­sen Geld in his­to­ri­sche Lie­gen­schaf­ten zu in­ves­tie­ren. In Go­tha et­wa wur­den das Her­zog­li­che Mu­se­um und das Per­thes­fo­rum, da in städ­ti­schem Ei­gen­tum, un­ter Ägi­de des ört­li­chen Hoch­bau­am­tes sa­niert: mit am En­de 20 Mil­lio­nen Eu­ro vom Land und 10 Mil­lio­nen Eu­ro vom Bund.

Um das Kon­strukt, das Ben­ja­min-Im­ma­nu­el Hoff (Lin­ke) als en­er­gi­schem Be­für­wor­ter der neu­en KMSG vor­schwebt, zu ver­ste­hen, muss man die klein­tei­lig und de­zen­tral or­ga­ni­sier­te Welt der Thü­rin­ger Re­si­den­zen prä­zi­se be­trach­ten. Man­che Lie­gen­schaf­ten be­fin­den sich in lo­ka­ler Trä­ger­schaft, an­de­re ge­hö­ren zu Stif­tun­gen. Als de­ren größ­te be­treut die STSG die Be­stands­er­hal­tung und Sa­nie­rung von 31 Ob­jek­ten, be­treibt je­doch nicht die Ein­rich­tun­gen da­rin. Die meis­ten Mu­se­en samt ih­rer Samm­lun­gen ge­hö­ren den Ge­biets­kör­per­schaf­ten. Mi­nis­ter Hoff will die Fi­let­stü­cke nun in die ge­mein­sa­me thü­rin­gischs­ach­sen-an­hal­ti­sche Stif­tung per Erb­pacht- bzw. Dau­er­leih­ver­trä­gen über­füh­ren. Jörg Kell­ner, kul­tur­po­li­ti­scher Spre­cher der CDU-Frak­ti­on im Land­tag

Das ge­plan­te Port­fo­lio der so­mit im „Schlös­ser-Mo­no­po­ly“Be­güns­tig­ten um­fasst: Frie­den­stein Go­tha, die Held­burg, die Re­si­den­zen in Ru­dol­stadt und Son­ders­hau­sen, die Schwarz­burg und die Klos­ter­rui­ne Paulin­zel­la aus der Thü­rin­ger Schlös­ser­stif­tung (STSG); Her­zog­li­ches Mu­se­um und Per­thes­fo­rum aus dem Ei­gen­tum der Stadt Go­tha; das Lin­denau-Mu­se­um vom Kreis Al­ten­bur­ger Land und Schloss Al­ten­burg aus städ­ti­schem Be­sitz, die Eli­sa­be­then­burg aus der Kul­tur­stif­tung Mei­nin­gen-Ei­se­nach so­wie das so­eben aus Pri­vat­be­sitz ent­eig­ne­te Schloss Rein­hards­brunn.

Um die­se Lie­gen­schaf­ten zu be­spie­len, will der am­bi­tio­nier­te Struk­tur­po­li­ti­ker Hoff auch die je­wei­li­gen Mu­se­en und Samm­lun­gen gen Hal­le über­ant­wor­ten: aus der Frie­den­stein-Stif­tung, vom Trä­ger­ver­ein Deut­sches Bur­gen­mu­se­um, vom Kreis Saal­feld-Ru­dol­stadt und der Stadt Son­ders­hau­sen so­wie von den bei­den Al­ten­bur­ger Ge­biets­kör­per­schaf­ten und der Mei­nin­ger Kul­tur­stif­tung. Al­lein die Auf­zäh­lung lässt ah­nen, wie kom­pli­ziert und lang­wie­rig das Ver­fah­ren wer­den könn­te.

Un­ter wel­chen mu­sea­len Ziel­stel­lun­gen die neue KMSG ar­bei­ten soll, wird bis­her gar nicht dis­ku­tiert. Nur ge­gen die mut­maß­li­che Ar­beits­fä­hig­keit der neu­en Stif­tung wach­sen Be­den­ken. Jörg Kell­ner, kul­tur­po­li­ti­scher Spre­cher der CDU-Frak­ti­on im Land­tag, fürch­tet ei­nen schwer­fäl­li­gen Zen­tra­lis­mus und sagt: „Den Um­weg über Hal­le zu ge­hen, hal­te ich für nicht zweck­mä­ßig.“

Zu­dem hat er min­des­tens ei­ne Ah­nung da­von, dass es durch­aus Mo­na­te, gar Jah­re dau­ern kann, bis die KMSG ge­grün­det, struk­tu­riert und mit min­des­tens teil­wei­se neu­en Mit­ar­bei­tern auf­ge­rüs­tet ist. Plus Bau­pla­nun­gen und Aus­schrei­bun­gen – bis dann mal ein Sand­hau­fen im Son­ders­häu­ser Schloss­hof be­wegt wird, könn­ten laut Kell­ner gut vier Jah­re ins Land ge­hen. Er hät­te es lie­ber schnel­ler und di­rek­ter, weil de­zen­tral or­ga­ni­siert.

Die Trä­ger­struk­tu­ren in Al­ten­burg und Go­tha hält in­des auch Kell­ner für un­zu­rei­chend: „Das muss man neu den­ken“, sagt er. Er­furt. Mi­nis­ter­prä­si­dent Bo­do Ra­me­low soll die Lin­ke als Spit­zen­kan­di­dat in den Wahl­kampf füh­ren. We­nig über­ra­schend wur­de der 63-Jäh­ri­ge ges­tern Abend nach In­for­ma­tio­nen die­ser Zei­tung von Lan­des­vor­stand und Lan­des­aus­schuss der Par­tei auf Platz eins der Lis­te zur Land­tags­wahl am 27. Ok­to­ber ge­setzt. Auf dem zwei­ten Rang folgt Lin­ke-Land­tags­frak­ti­ons­und Lan­des­che­fin Su­san­ne Hen­nig-Well­sow (41). Das Er­fur­ter Duo führ­te die Lis­te be­reits vor fünf Jah­ren an.

Un­ter die ers­ten zehn ha­ben es mit So­zi­al­mi­nis­te­rin Hei­ke Wer­ner (3) und Bau­mi­nis­te­rin Birgit Kel­ler (7) zwei wei­te­re Ka­bi­netts­mit­glie­der ge­schafft. In­nen­ex­per­te Steffen Dit­tes wur­de auf Platz vier no­mi­niert. Ihm fol­gen die Spre­che­rin für Pe­ti­tio­nen, An­ja Mül­ler, und der Hoch­schul­po­li­ti­ker Chris­ti­an Schaft so­wie Bil­dungs­ex­per­te Tors­ten Wolf (8), An­ti­fa­schis­mus­spre­che­rin Kat­ha­ri­na Kö­nig-Preuss (9) und der Haus­halts­po­li­ti­ker Ronald Han­de (10). Mit dem 25jäh­ri­gen Mei­nin­ger Patrick Bei­er be­fin­det sich der ers­te Neu­ling auf Platz 12.

Der Lis­ten­vor­schlag um­fasst ins­ge­samt 20 Na­men. Die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung fällt ein Par­tei­tag am Wo­che­n­en­de in Arn­stadt, auf dem es zu Kampf­kan­di­da­tu­ren kom­men kann.

„Den Um­weg über Hal­le zu ge­hen, hal­te ich für nicht zweck­mä­ßig.“

ARCHIV-FOTO: MAR­CO KNEISE

Die Au­ßen­an­sicht des Lin­denau-Mu­se­ums in Al­ten­burg

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.