Thüringer Allgemeine (Gotha)

Trump-Be­zwin­ger ge­sucht

Heu­te be­gin­nen im Bun­des­staat Io­wa die Vor­wah­len der De­mo­kra­ten. Elf Be­wer­ber sind noch im Ren­nen

- Von Dirk Haut­kapp US Elections · US Politics · Politics · Donald Trump · Trump family · Pete Buttigieg · Afghanistan · Iowa · Americas · United States of America · Al Gore · Hillary Clinton · Bill Clinton · Marshalltown, IA · United States Senate · Bernie Sanders · Elizabeth Warren · Vermont · Demokraten · Alaska · Washington · Michael Bloomberg · Denmark · Moscow · Fort Dodge, IA · Dodge Brothers Motor Vehicle Company · Ames, IA · Wasilla, AK · Michael Moore · Alexandria Ocasio-Cortez · Cortez

Fort Dodge. Als Pe­te But­ti­gieg in der zum „Opern­haus“um­funk­tio­nier­ten Scheu­ne von Fort Dodge mit Kra­wat­te und auf­ge­krem­pel­ten Hemds­är­meln sei­ne Re­de be­ginnt, geht Yvon­ne Wit­te das Herz auf. Die Au­gen leuch­ten, der Kopf nickt, die Hän­de fin­den im Se­kun­den­takt zum Bei­fall zu­ein­an­der. „Stellt euch den Tag vor, wenn die Son­ne auf­geht und er nicht mehr im Wei­ßen Haus sitzt“, ruft der 38-jäh­ri­ge Af­gha­nis­tan-Ve­te­ran den knapp 300 auf Klapp­stüh­len sit­zen­den Be­su­chern zu, de­nen an die­sem trüb-kal­ten Sams­tag­mor­gen im US-Bun­des­staat Io­wa der Sinn nach po­li­ti­schem Früh­schop­pen steht. Er, das ist Do­nald Trump. Und But­ti­gieg wei­ter: „Wir wer­den mü­de sein vom Kampf um die See­le Ame­ri­kas.“

Wit­te, 68, hat den jun­gen Au­ßen­sei­ter im Ren­nen um die de­mo­kra­ti­sche Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tur un­ter an­de­rem we­gen sol­cher Sät­ze ins Herz ge­schlos­sen. „Er kann das von Trump ka­putt­ge­re­de­te Land ver­söh­nen“, sagt die Rent­ne­rin, „ich spü­re, er ist der Rich­ti­ge.“

Wit­te ist aber nicht der Re­gel­fall. 40 Pro­zent der de­mo­kra­ti­schen Wäh­ler in dem drei Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­den Land­wir­te-Staat im Mitt­le­ren Wes­ten sind laut Um­fra­gen noch un­ent­schlos­sen, wem der elf Kan­di­da­ten sie ihr Ver­trau­en schen­ken sol­len.

Aber am Mon­tag gilt’s. Dann trifft sich Io­wa zum Kan­di­da­ten-Pa­la­ver. Cau­cus ge­nannt. Es ist der tra­di­tio­nel­le Auf­takt im na­tio­na­len Vor­wahl-Ma­ra­thon. Ein­ge­tra­ge­ne Wäh­ler kom­men in 1700 Stimm­be­zir­ken in Kir­chen, Turn­hal­len, Schu­len, Feu­er­wa­chen, Ge­mein­de­sä­len und Pri­vat­häu­sern zu­sam­men und ent­schei­den per Ur­wahl über den po­ten­zi­ell nächs­ten Prä­si­den­ten der Welt­macht USA. Wer in Io­wa ge­winnt – Al Go­re (2000) bis Hil­la­ry Cl­in­ton (2016) ha­ben es vor­ge­macht – hat spä­ter meist auch die Kan­di­da­tur be­kom­men. Um­ge­kehrt gilt: Wer hier auf den hin­te­ren Plät­zen lan­det, ist „toast“– ver­brannt.

Dar­um un­ter­zie­hen sich die Be­wer­ber bis zur letz­ten Mi­nu­te ei­nem bi­zar­ren Ma­ra­thon, der sie in ih­ren Wahl­kampf­bus­sen kreuz und quer vor­bei an ab­ge­ern­te­ten Mais- und So­ja­fel­dern und Ge­trei­de­si­los Hun­der­te Mei­len durchs Land gon­deln lässt. Um Hän­de zu schüt­teln, Sel­fies zu knip­sen, Re­den zu hal­ten und Wäh­ler zu be­ein­dru­cken.

Dumm, dass Joe Bi­dens Bus in Mar­shall­town 30 Mi­nu­ten fest­steckt. Der Trans­por­ter ei­ner Fern­seh-Cr­ew steht im Weg. Der Alt-Vi­ze­prä­si­dent kommt zu spät in die et­was schä­bi­ge Hal­le auf dem Kir­mes­platz der Ge­mein­de. Dort war­ten 125 Leu­te und sehr viel Platz. Bi­den füllt kei­ne Are­nen. Er löst auch kei­ne Eu­pho­rie aus mit sei­ner manch­mal ver­has­pel­ten Pre­digt über die „Wie­der­her­stel­lung von An­stand und Wür­de nach Trump“. Der frü­he­re Se­na­tor, 77 Jah­re alt, „punk­tet mit Gleich­maß und Un­auf­ge­regt­heit“, sagt die 73-jäh­ri­ge Ma­ry. Bi­den will das An­ti­se­rum sein, um den Trump-Vi­rus ein­zu­däm­men. „Der Cha­rak­ter Ame­ri­kas steht auf dem Wahl­zet­tel“, sagt er und schaut den Leu­ten in der ers­ten Stuhl­rei­he in die Au­gen. Mit Pro­gram­ma­tik und Kon­zep­ten hat Bi­den es nicht. Um­fra­gen se­hen ihn in Io­wa je­doch mit leich­ten Vor­tei­len in ei­nem Kopf­an-Kopf-Ren­nen mit Ber­nie San­ders. Dann fol­gen Eliz­a­beth War­ren. Und Pe­te But­ti­gieg.

Micha­el Moo­re re­det sich thea­tra­lisch in Ra­ge

Der Se­na­tor aus Ver­mont lie­fer­te sich 2016 in Io­wa ein to­tes Ren­nen mit Hil­la­ry Cl­in­ton. Dies­mal will er un­be­dingt ge­win­nen. San­ders, mit 34 Mil­lio­nen Dol­lar Spen­den­krö­sus un­ter den De­mo­kra­ten, fährt die pro­fes­sio­nells­te Wahl­kampf­ma­schi­ne. In der Uni­ver­si­täts­stadt Ames lädt er in die al­te Stadt­hal­le ein. 900 Leu­te. Zum Bers­ten voll. Die meis­ten un­ter 25. Dar­um darf die an­ge­sag­te Rock-Ka­pel­le „Por­tu­gal. The Man“aus Wa­sil­la/Alas­ka ein­hei­zen. Nach dem letz­ten Gi­tar­ren­riff schlurft Micha­el Moo­re auf die Büh­ne. Der lin­ke Fil­me­ma­cher („Bow­ling for Co­lum­bi­ne“) re­det sich thea­tra­lisch in Ra­ge. Ge­gen Do­nald Trump, na­tür­lich. Und für „Ber­nie“. Auf den kön­ne man sich ver­las­sen, sagt er. Nur „Ber­nie“wer­de, ein­mal im Wei­ßen Haus, hal­ten, was er ver­spricht: kos­ten­lo­ses Col­le­ge, ei­ne all­ge­mei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung, hö­he­re Steu­ern für die Rei­chen. Kurz­um: ei­ne „Re­vo­lu­ti­on“.

Dar­un­ter tut es auch der links­pro­gres­si­ve Shoo­ting-Star Ame­ri­kas nicht. Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez, 2018 jüngs­te Kon­gress­ab­ge­ord­ne­te in Wa­shing­ton ge­wor­den, leiht in Io­wa dem Mann, der ihr Groß­va­ter sein könn­te, eben­falls ih­re Po­pu­la­ri­tät. „Die Zeit für halb­her­zi­ge Kom­pro­mis­se“, sagt sie, „ist ab­ge­lau­fen.“Kurz dar­auf liegt sie sich mit dem Star des Abends in den Ar­men. Ber­nie San­ders, Ur­ge­stein, selbst er­nann­ter So­zia­list, 78 Jah­re alt, ist nach über­stan­de­nem Herz­in­farkt im Herbst so fit wie ewig nicht. „Oh­ne ra­di­ka­le Schnit­te ge­gen den Kli­ma­wan­del, die Ver­ar­mung der Mit­tel­schicht und das raub­tier­haf­te Ge­ba­ren der Groß­kon­zer­ne gibt es kei­ne Zu­kunft“, schreit er in den Saal. Der Ap­plaus ist oh­ren­be­täu­bend. San­ders sieht in die­sem Mo­ment ein we­nig wie ein Sie­ger aus.

Das macht ei­ni­gen in der de­mo­kra­ti­schen Par­tei­zen­tra­le in Wa­shing­ton Sor­gen. Dort herrscht die Mei­nung vor, nur ein mo­de­ra­ter Kan­di­dat, der un­ab­hän­gi­ge Wäh­ler aus der Mit­te nicht mit lin­ken Um­ver­tei­lungs­ide­en ver­schreckt, ha­be ge­gen Trump ei­ne Chan­ce.

Auch dar­um ist der Mil­li­ar­där Micha­el Bloomberg in letz­ter Mi­nu­te ins Prä­si­dent­schafts­ren­nen ein­ge­stie­gen. Er will San­ders ver­hin­dern, kan­zelt ihn als Sys­tem­spren­ger ab, schwänzt aber Io­wa und die wei­te­ren drei Vor­wah­len. „Wird nicht funk­tio­nie­ren“, sagt der 24-jäh­ri­ge Et­han, Stu­dent der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten in Ames, „für uns Jün­ge­re ist So­zia­lis­mus kein Schimpf­wort mehr. Wir den­ken da­bei an so­zia­len Aus­gleich wie in Dä­ne­mark. Und nicht an Pl­an­wirt­schaft wie im Po­lit­bü­ro in Mos­kau.“

„Für uns Jün­ge­re ist So­zia­lis­mus kein Schimpf­wort mehr. Wir den­ken da­bei an so­zia­len Aus­gleich wie in Dä­ne­mark. Und nicht an Pl­an­wirt­schaft.“Et­han, Stu­dent und San­ders-An­hän­ger

 ?? FO­TO: JE­RE­MY HOGAN / IMA­GO IMAGES/ZUMA PRESS ?? Ber­nie San­ders will es noch­mal wis­sen. Der Se­na­tor aus Ver­mont und selbst er­nann­te So­zia­list ver­such­te schon 2016, Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der De­mo­kra­ten zu wer­den, un­ter­lag je­doch beim No­mi­nie­rungs­par­tei­tag ge­gen Hil­la­ry Cl­in­ton.
FO­TO: JE­RE­MY HOGAN / IMA­GO IMAGES/ZUMA PRESS Ber­nie San­ders will es noch­mal wis­sen. Der Se­na­tor aus Ver­mont und selbst er­nann­te So­zia­list ver­such­te schon 2016, Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der De­mo­kra­ten zu wer­den, un­ter­lag je­doch beim No­mi­nie­rungs­par­tei­tag ge­gen Hil­la­ry Cl­in­ton.

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