Thüringer Allgemeine (Gotha)

Wie ge­sund sind Bar­fuß­schu­he?

Im­mer mehr Men­schen tra­gen Schuh­werk, das na­tür­li­ches Lau­fen si­mu­lie­ren soll. Wie gut das ist, ist um­strit­ten

- Von An­ne-Kath­rin Neu­berg-Vu­ral Health · Running · Fitness · Athletics · Sports · Healthy Living · Lifestyle · West Berlin · Germany · South Africa · University of Hamburg · Harvard University · Cambridge · Friedrich Schiller University of Jena · Jena

Ber­lin. Seit ei­ni­gen Jah­ren gibt es ei­nen neu­en, al­ten Trend auf dem Schuh­markt: Bar­fuß­lau­fen – oder die ver­meint­li­che Zwi­schen­lö­sung Mi­ni­mal- oder Bar­fuß­schuh. Im­mer mehr An­bie­ter brin­gen ih­re Schu­he auf den Markt. Doch war­um soll­te man frei­wil­lig zum Bar­fuß­lau­fen zu­rück­keh­ren? Schließ­lich ha­ben un­se­re Vor­fah­ren nicht oh­ne Grund schon in der letz­ten Eis­zeit die Schu­he er­fun­den. Sie ban­den sich Fell um die Fü­ße, um die­se zu wär­men und zum Bei­spiel vor spit­zen St­ei­nen zu schüt­zen: sehr prak­tisch und auch der Grund, war­um sich die Schu­he durch­ge­setzt ha­ben. Al­ler­dings hat das Schuh­werk von heu­te mit den Schu­hen von einst nicht mehr viel zu tun. Ex­per­ten ver­glei­chen mo­der­ne Schu­he ger­ne mit ei­nem Kor­sett, das um die Fü­ße ge­schnallt wird: di­cke oder fes­te Soh­len, ger­ne gut ge­dämpft, eng an­lie­gend. Die Be­we­gungs­frei­heit der Fü­ße ist da­durch stark ein­ge­schränkt, der Fuß stark ent­las­tet.

Letz­te­res klingt ver­nünf­tig. Al­ler­dings konn­ten Stu­di­en zei­gen, dass da­durch die Bo­den­auf­prall­kräf­te, die auch auf die Ge­len­ke ein­wir­ken, deut­lich stär­ker sind als beim Bar­fuß­lau­fen. Ge­ra­de beim Lau­fen oder Jog­gen set­zen Hob­by­sport­ler in Schu­hen meist zu­erst mit der Fer­se auf. Der Stoß über­trägt sich auf den gan­zen Kör­per, wird we­gen der wei­chen Soh­le aber nicht als schmerz­haft emp­fun­den, son­dern ab­ge­dämpft. Bar­fuß­läu­fer set­zen da­ge­gen in der Re­gel zu­erst mit dem Vor­fuß auf, die Be­we­gung wird so über den Fuß be­zie­hungs­wei­se das Fuß­ge­wöl­be ab­ge­fe­dert.

Bar­fuß lau­fen­de Kin­der ba­lan­cie­ren bes­ser

Ei­ne Ver­gleichs­stu­die mit Kin­dern in Deutsch­land und Süd­afri­ka zeig­te zu­dem, dass das Fuß­ge­wöl­be bei den über­wie­gend bar­fuß lau­fen­den, süd­afri­ka­ni­schen Kin­dern deut­lich stär­ker aus­ge­prägt war. Ein For­scher­team um As­trid Zech und Kars­ten Hol­lan­der un­ter­such­te und ver­maß da­für die Fü­ße von ins­ge­samt mehr als 1000 Kin­dern zwi­schen sechs und 18 Jah­ren.

„Ein hö­he­res Fuß­ge­wöl­be ist wahr­schein­lich mit ei­ner bes­se­ren Fuß­kraft as­so­zi­iert“, er­klärt Zech, Lei­te­rin des Lehr­stuhls für Be­we­gungs­und Trai­nings­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Je­na. Dies ex­akt nach­zu­wei­sen, sei al­ler­dings kaum mög­lich, da die Fuß­mus­keln so klein sei­en. „Man er­wischt die Mus­keln zum Mes­sen nur schwer und es kommt schnell zu Feh­lern.“Es sei da­von aus­zu­ge­hen, dass sich das

Bar­fuß­lau­fen und ei­ne gut aus­ge­bil­de­te Fuß­mus­ku­la­tur po­si­tiv auf die ge­sam­te Kör­per­hal­tung aus­wir­ken. Die ex­ak­ten Zu­sam­men­hän­ge hät­ten aber noch nicht wis­sen­schaft­lich nach­ge­wie­sen wer­den kön­nen. Die Vor­tei­le des Bar­fuß­lau­fens sei­en auf­grund der ak­tu­el­len Er­kennt­nis­se und For­schungs­la­ge den­noch nicht von der Hand zu wei­sen.

Ge­nau wie sei­ne Kol­le­gin rät der ha­bi­li­tier­te Sport­me­di­zi­ner Kars­ten Hol­lan­der, der kürz­lich von der Uni­ver­si­tät Ham­burg an das Spaul­ding Na­tio­nal Run­ning Cen­ter der Har­vard Me­di­cal School im USame­ri­ka­ni­schen Cam­bridge ge­wech­selt ist, im All­tag so oft wie mög­lich bar­fuß zu ge­hen oder zu lau­fen und wenn mög­lich auf Schu­he zu ver­zich­ten. „Aus mei­ner Sicht schrän­ken so­wohl Schu­he als auch So­cken die Pro­prio­zep­ti­on, al­so das Emp­fin­dungs­ver­mö­gen der Fü­ße ein“, so Hol­lan­der. Vom Bar­fuß­lau­fen als Op­ti­mum zu spre­chen, sei aber trotz­dem schwie­rig, weil nie­mand das „op­ti­ma­le Gang- und Lauf­ver­hal­ten“ken­ne. „Wahr­schein­lich, weil es das nicht gibt.“

Hol­lan­der hat als Me­di­zin­stu­dent frü­her selbst in ei­nem Lauf­la­den ge­ar­bei­tet und ei­nen gro­ßen Teil sei­ner Zeit da­mit ver­bracht,

dämp­fen­de Schu­he zu ver­kau­fen und zu ver­su­chen, ei­ne Ein­wärts­dre­hung der Fü­ße bei den Kun­den zu ver­hin­dern, so­dass der Fuß mög­lichst ge­ra­de auf­setzt. „Das war da­mals ein Pa­ra­dig­ma bei Lauf­schu­hen“, er­in­nert sich Hol­lan­der. Dass das nicht ver­let­zungs­prä­ven­tiv sei, ha­be er erst über die Jah­re ver­stan­den.

Heu­te wis­se er, dass man mög­lichst früh­zei­tig und mög­lichst viel bar­fuß un­ter­wegs sein soll­te und dass dies vie­le Vor­tei­le mit sich brin­ge. „Die Kin­der, die in Schu­hen auf­wach­sen, ha­ben bei­spiels­wei­se mit ei­ner hö­he­ren Wahr­schein­lich­keit ei­nen Platt­fuß, so­wohl als Kind als auch als Er­wach­se­ner“, so Hol­lan­der. Wis­sen­schaft­lich un­ter­sucht sei­en die mög­li­chen lang­fris­ti­gen Fol­gen al­ler­dings noch nicht aus­rei­chend. Ei­ne an­de­re Stu­die zeig­te po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Lauf­öko­no­mie, wenn Sport­ler lang­fris­tig oh­ne dämp­fen­de Turn­schu­he trai­nier­ten.

Wer künf­tig selbst viel bar­fuß lau­fen möch­te, soll­te beim Um­stieg ein paar Din­ge be­ach­ten, so die Ex­per­ten. Hol­lan­der rät, vor­her ei­ne or­tho­pä­di­sche Fehl­stel­lung oder sons­ti­ge Pro­ble­me aus­zu­schlie­ßen.

Zu­dem soll­te ge­ra­de beim Lau­fen oder Jog­gen lie­ber Schritt für Schritt in Fünf-Pro­zent-Etap­pen um­ge­stellt wer­den. „Man fängt mit et­was Ge­hen in der ers­ten Wo­che an“, er­klärt Hol­lan­der. „Wenn man 50 Ki­lo­me­ter die Wo­che läuft, dann läuft man die Wo­che da­nach erst ein­mal zwei­ein­halb Ki­lo­me­ter, die Wo­che dar­auf fünf, dann sie­ben­ein­halb, dann zehn und so wei­ter.“

Wich­tig sei es zu­dem, im­mer auf die Rah­men­be­din­gun­gen zu ach­ten, sagt Zech. „Nicht al­les funk­tio­niert im­mer bar­fuß lau­fend.“Des­we­gen sei­en mi­ni­ma­lis­ti­sche Schu­he gu­te Al­ter­na­ti­ven. Die­se könn­ten das na­tür­li­che Lauf­ver­hal­ten gut si­mu­lie­ren. Das ha­be ei­ne Stu­die von 2012 ge­zeigt, die in Zu­sam­men­ar­beit mit ei­nem Her­stel­ler mi­ni­ma­lis­ti­scher Schu­he ge­macht wur­de. Un­ab­hän­gi­ge Fol­ge­stu­di­en konn­ten die­se Er­geb­nis­se be­stä­ti­gen.

Die Be­grif­fe Bar­fuß­schuh oder Mi­ni­mal­schuh sind nicht ge­schützt. Theo­re­tisch könn­te al­so je­der sei­ne Schu­he so nen­nen. Gu­te Mi­ni­mal­schu­he müs­sen aus Sicht der Ex­per­ten fol­gen­de Kri­te­ri­en er­fül­len: „Sie müs­sen leicht sein, sie dür­fen kei­ne Dämp­fung und sie müs­sen ei­ne fle­xi­ble Soh­le ha­ben“, er­klärt As­trid Zech. Kars­ten Hol­lan­der er­gänzt: „Wenn man den Schuh zu­sam­men­rol­len kann, ist das ein gu­tes Zei­chen.“Au­ßer­dem sol­le man auf die so­ge­nann­te Spren­gung des Schuhs ach­ten. Die­ser soll­te vor­ne wie hin­ten ex­akt gleich hoch sein.

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Bar­fuß­schuh ist nicht ge­schützt. Des­we­gen soll­ten Käu­fer auf Kri­te­ri­en wie ei­ne fle­xi­ble Soh­le ach­ten.
FO­TO:MAU­RI­TI­US TOR­RES IMAGES/RA­CHEL Der Be­griff Bar­fuß­schuh ist nicht ge­schützt. Des­we­gen soll­ten Käu­fer auf Kri­te­ri­en wie ei­ne fle­xi­ble Soh­le ach­ten.

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