Thüringer Allgemeine (Gotha) : 2020-07-04

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Kultur & Freizeit 10 Thüringer Allgemeine Sonnabend, 4. Juli 2020 Leben mit dem Down-syndrom Projekt in Weimar und Erfurt Von Ulrike Kern Großjena. Als Max Klinger am 4. Juli 1920 auf seinem Weinberg bei Großjena starb, sorgte sein Tod und Begräbnis nochmals für Furore. Repräsenta­nten und Künstler aus ganz Mitteldeut­schland versammelt­en sich an seinem Grab, die Presse berichtet. Für den damals 63-jährigen Leipziger Bildhauer, Maler und Grafiker, der wahrschein­lich an den Folgen eines Schlaganfa­lls verstarb, war der Höhepunkt seines Erfolges da schon überschrit­ten. Den konnte er zur Jahrhunder­twende verbuchen: Er galt als der „deutsche Michelange­lo“, war für seine Gemälde, Skulpturen und für seine Druckgrafi­ken berühmt. Er war ein Provokateu­r, der seine Grenzen suchte, Konvention­en auf die Probe stellte und sich lebenslang obsessiv mit den Themen Tod und Eros beschäftig­te. In jenen bürgerlich­en Kreisen seiner Zeit war er gefragt, berühmt und begehrt – und schließlic­h wohlhabend. Im Jahrbuch der Millionäre von Sachsen von 1912 wurde sein Vermögen mit einer Million Mark beziffert, wenngleich ein Teil davon aus dem Erbe seines Vaters stammen dürfte. Doch nach seinem Tod 1920 war Klinger fast vergessen. Vor seinem Ableben hatte sich Klinger bereits von seinem Umfeld und aus der Leipziger Großstadtg­esellschaf­t zurück gezogen. Sein Weinbergha­us war zum Refugium geworden. Und auch von seiner langjährig­en Partnerin, der Schriftste­llerin Elsa Asenijeff, hatte er sich getrennt und nur sechs Wochen vor seinem Tod Gertud Bock geehelicht. Selbst die Kontakte zu seiner Von Elena Rauch Erfurt/weimar. Wie leben Menschen mit Down-syndrom in Thüringen? Wie finden sie ihren Platz in der Gesellscha­ft und welche Chancen haben sie, danach zu suchen? – Fragen, denen sich in der kommenden Woche in Erfurt und in Weimar ein Projekt annähern will. Mit Gesprächen und Workshops, deren Ergebnisse in eine Bühnen-ereignis einfließen sollen: „Touchdown 21“steht im Titel, es ist im gleichnami­gen Forschungs­institut in Bonn angesiedel­t, das Menschen mit und ohne Down-syndrom seit 2015 zusammenbr­ingt und gleichzeit­ig tagesaktue­ll ist: Ab kommenden Jahr soll der pränatale Bluttest für Schwangere auf Trisomie von Krankenkas­sen finanziert werden. Das wirft auch die Frage auf, welche Folgen das für die Akzeptanz von Menschen mit Down-syndrom haben wird. „Darüber müssen wir reden“, sagt Ida Spirek von der Bildungsei­nrichtung „Arbeit und Leben“Thüringen. „Aber nicht über die Köpfe der Menschen mit Downsyndro­m hinweg, sondern mit ihnen.“Weshalb sich das Projekt nicht nur an sie, Angehörige und Helfer richtet, sondern an alle Interessie­rten. Nicht die Behinderun­g soll im Fokus stehen, sondern die Möglichkei­ten. Bis hin zu öffentlich selten gestellten Fragen wie die nach Spuren von Menschen mit Down-syndrom in der Geschichte. Bildhauer, Maler und Grafiker Max Klinger. FOTO: DPA Klinger erwarb 1903 einen Weinberg mit dazugehöri­gem Weinbergsh­aus in Großjena, das er dann zu einem Wohnhaus ausbauen ließ. Grabanlage Großjena. von Max Klinger in ARCHIV-FOTO: WALTRAUD GRUBITZSCH/DPA FOTO: STADTMUSEU­M NAUMBURG zu Leben und Werk des Künstlers zu sehen. Außerdem eröffnet heute, um 16 Uhr im Museum Schloß Burk die neue Sonderauss­tellung „Max Klinger. Hommage“mit Gemälden, Grafiken und Skulpturen des Berliner Künstlers Lutz Friedel. Parallel zeigt das Museum Exlibris von Max Klinger aus der eigenen Sammlung. Und auch das Museum der bildenden Künste in Leipzig ehrt ihn und stellt ihn mit vielen Leihgaben in den Kontext großer zeitgenöss­ischer Künstler wie Rodin, Klimt oder Kollwitz. Kabinett-ausstellun­g, die sich mit dem Tod und der Beisetzung des Meisters sowie der Entstehung der Grabstätte und ihrer Kunstwerke auseinande­rsetzt. Ein Höhepunkt ist der historisch­e Film von der Beerdigung, aufgenomme­n für die sogenannte „Meßterwoch­e Berlin“, die wöchentlic­h in den Kinos über politische oder kulturelle Ereignisse berichtete. Zur Sonderauss­tellung ist ein außerdem ein Begleithef­t erschienen. In den anderen Räumen des Klinger-hauses ist eine Dauerausst­ellung Friedhofsz­wang. Auch die Aufstellun­g der lebensgroß­en Bronzeplas­tik eines niederknie­nden Athleten, die als Sinnbild des Ringens des Künstlers mit sich und seiner Zeit verstanden werden kann, hatte Klinger selbst verfügt. Noch heute ist diese Grabanlage, die bis auf den Baumbestan­d bis heute keine Veränderun­gen erfahren hat, zu besichtige­n. Zu seinem 100. Todestag zeigt das Max Klinger-haus in Naumburggr­oßjena eine von der Kunsthisto­rikerin Conny Dietrich kuratierte sehr auf Konvention­en achtenden Familie hatte Klinger stark reduziert. Nirgendwo, so scheint es, wollte er so recht dazugehöre­n. Nie hatte er Wert auf Staus und Etikette gelegt. Und auch mit dem von ihm ausgesucht­en Ort für seine Beerdigung und der Gestaltung seines Grabmals widersetzt­e er sich nochmals allen Konvention­en. Auf eigenen Wunsch fand er eine letzte Ruhestätte auf seinem Großjenaer Weinberg. Eine Beisetzung auf privatem Grund war keineswegs üblich, herrschte doch allgemeine­r Infos und Termine: www.touchdown2­1.info Welfenscha­tz beschäftig­t oberstes Us-gericht Anzeige -3% Es geht darum, wem die goldenen Reliquien gehören. Für die deutsche Justiz kommt die Frage zu spät Berlin/washington. Die Stiftung will, dass der Supreme Court die Klage als unzulässig abweist. Die Stiftung will für den Fall, dass eine Zuständigk­eit von Us-gerichten erkannt werden sollte, auch geklärt wissen, ob die Streitigke­it dennoch besser vor einem deutschen Gericht auszutrage­n ist. Stiftungsp­räsident Herman Parzinger begrüßte die Entscheidu­ng des Gerichts in Washington. Er freue sich, „dass wir die Möglichkei­t haben, dem höchsten Us-gericht vorzutrage­n, weshalb wir der Ansicht sind, dass der Fall nicht vor ein Us-gericht gehört“, so Parzinger. Die Restitutio­n wurde erstmals vor zwölf Jahren gefordert. Die Stiftung ist nach eigenen Untersuchu­ngen des Verkaufs des Welfenscha­tzes 1935 überzeugt, dass es sich nicht um einen Ns-verfolgung­sbedingten Zwangsverk­auf handelt. Die Beratende Kommission für Nsrückgabe­n hatte diese Position 2014 bestätigt. Nach deutschem Recht wäre ein Verfahren wegen Verjährung nicht möglich. Die Erben klagten vor dem District Court in Washington, der eine Zuständigk­eit für ein Verfahren gegen die Stiftung erkannte. Die Berufung dagegen wurde abgelehnt. gelangten 1671 in den Besitz des Welfenhaus­es. Die Stiftung hat die 44 der ursprüngli­ch 82 Objekte seit der Nachkriegs­zeit in ihrer Obhut. Das Land Berlin hat den Welfenscha­tz im Jahr 2015 zu national wertvollem Kulturgut erklärt. Damit ist eine Ausfuhr aus Deutschlan­d nur noch mit Genehmigun­g der Bundesregi­erung möglich. Im Verfahren geht es um 42 der Goldreliqu­ien. Die Nachfahren der früheren Besitzer gehen davon aus, dass die Objekte ihren Vorfahren von den Nazis nur scheinbar legal weggenomme­n wurden. Der jahrelange Streit zwischen Nachfahren jüdischer Kunsthändl­er und der Stiftung Preußische­r Kulturbesi­tz um den Welfenscha­tz beschäftig­t nun auch den Supreme Court der USA. Das oberste Bundesgeri­cht kündigte an, sich mit dem Fall zu befassen. Die von Bund und Ländern getragene Berliner Stiftung will geklärt wissen, ob Us-gerichte für den Fall überhaupt zuständig sind. Der Welfenscha­tz umfasst kostbare Altaraufsä­tze, Schmuckkre­uze und Schreine aus dem Braunschwe­iger Dom. Die Goldschmie­dearbeiten aus dem 11. bis 15. Jahrhunder­t AUF DEN EINKAUF * 31.12. BIS ZUM * Vom Rabatt ausgenomme­n sind Tabakwaren, der Buchpreisb­indung unterliege­nde Waren (z. B. Bücher, Zeitungen, Zeitschrif­ten), Pfand, Gutscheine, Guthaben- u. Gutscheink­arten, Cashback, alle erstmalig vor dem 27.06.2020 angebotene­n Aktionsart­ikel und einzelne von ALDI vermittelt­e Dienstleis­tungen. Näheres unter aldi-nord.de/steuer-infos. dpa FORTSETZUN­GSROMAN – FOLGE 84 A ls er diese junge Frau das erste Mal mit einem bekannten Theater-regisseur zusammen sah, mit dem er lose befreundet war, dachte er gar nicht darüber nach. Beim zweiten Mal hielt er es für einen Zufall. Und beim dritten Mal gestand ihm der Regisseur, dass die beiden ein Paar seien. Stadler war zunächst schockiert – die beiden waren schließlic­h 20 Jahre auseinande­r. Was treibt eine junge Frau in die Arme eines alten Mannes? Das Münchner Pärchen war das erste, bei dem er sich diese Frage bewusst stellte, ein Fall, bei dem er sich nicht mit den üblichen Klischees zufriedeng­eben wollte. Dann erfuhr er, dass diese Literaturw­issenschaf­tlerin ein Scheidungs­kind und ohne Vater aufgewachs­en war. Möglicherw­eise suchte sie ja in dem gesetzten Mann den Vater, den sie immer vermisst hatte. Das Vater-syndrom nannte er diese Theorie von nun an für sich. Keine schöne Vorstellun­g. Die Frage nach dem Altersunte­rschied gewann für ihn umso mehr an Bedeutung, je öfter er darüber nachdachte. Mit Geld, Macht und Prominenz hatte er die eine Theorie, das Vater-syndrom war eine zweite. Doch keine davon wollte so recht auf Carlotta und ihn zutreffen. „Entschuldi­ge, Alexander, ich will ja keinen Neid wecken, aber ich bin für längere Zeit in Urlaub.“ „Ja. Ich weiß doch. Aber warst du es nicht, der mir einmal beigebrach­t hat, dass man mindestens einmal täglich seinen Account prüft, weil das die Kollegen vom Politikres­sort stündlich machen?“ Stadler lachte leise auf. „Daran erinnerst du dich? Menschensk­inder! Aber das waren auch noch andere Zeiten.“Er wollte seinem Kollegen, den er durchaus schätzte, nicht auf die Nase binden, dass er seinen Dienst-laptop mit dem letzten Paket von Rom aus an Renate Hausdörfer geschickt hatte. Nun würde dieser irgendwo in seinem Vaterhaus stehen. „Aber worum geht es dir denn? Du rufst mich ja sicherlich nicht an, um mich an eine verpasste E-mail zu erinnern.“ „Nein.“Ringhofer klang gequält. „Oder doch. Jedenfalls, bei uns hier in München steht die Medienwelt kopf.“Fortsetzun­g folgt Juli noch nicht einmal mit dem Münchner Boten Kontakt aufgenomme­n hatte. Umso mehr überrascht­e ihn an diesem Morgen der Anruf von Alexander Ringhofer. Ringhofer war ein Kollege aus seiner Zeit beim Feuilleton. Stadler schätzte seine sanfte und zurückhalt­ende Art, Ringhofer war kein Polterkopf und kein Besserwiss­er, aber ein exzellente­r Kenner der Kunstszene. Ringhofer rief von Zuhause aus an. „Was verschafft mir die Ehre, Alexander“, fragte Stadler mit einem Anflug von Heiterkeit. Der Gedanke gefiel ihm, dass gerade jetzt in der Redaktion der Arbeitstag begann, während er sich den Kopf zerbrach, wie er sich am wohltuends­ten zerstreuen konnte. „Na sag mal, du liest wohl deine dienstlich­en Mails gar nicht mehr“, begann Ringhofer, und Stadler merkte sofort am ungewohnt aufgeregte­n und leicht vorwurfsvo­llen Tonfall, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. mehr morgens ins Büro zu gehen oder einen Termin wahrzunehm­en. Im Gegenteil, er freute sich auf Konzerte und Ausstellun­gsbesuche ohne Notizblock, auf das Lesen vieler Bücher und auf Restaurant­besuche. Ohne den nach einer Weile stets erschrocke­nen Blick auf die Armbanduhr. Erst jetzt, in diesen Wochen der Erholung und Erbauung begann er, die immer wieder bemühte und längst ausgelutsc­hte Phrase vom süßen Nichtstun, vom dolce far niente in ihrem ganzen Ausmaß zu begreifen. Es tat ihm einfach gut. Er hätte auch richtig zur Ruhe kommen können, hätte nicht Carlotta sein Leben so grundsätzl­ich durcheinan­dergewirbe­lt und würde ihm diese Beziehung nicht gerade jetzt einigen Kummer bereiten. Vor allem der Journalist in ihm staunte: Zum einen darüber, wie wenig Nachrichte­n am Tage man zu seinem Wohlbefind­en wirklich brauchte, und zum anderen darüber, dass er tatsächlic­h seit dem 1. 20. Kapitel September schon. Der letzte Monat von Laurenz Stadlers „großer Freiheit“war angebroche­n. Das Säckchen mit den Murmeln wurde immer leichter. Dabei, das ahnte er inzwischen, war diese Freiheit gewisserma­ßen nur der Vorgeschma­ck auf die ganz große Freiheit, die er erst in ein paar Jahren würde genießen können. Und er würde sie genießen, schon diese ersten neun Wochen ohne dienstlich­e Verpflicht­ungen waren für ihn wie ein kleines Wunder. So lange hatte er noch nie frei. Gelegentli­ch, im Gespräch mit Kollegen, die gleich ihm in den Fünfzigern waren oder gar schon den Ruhestand genossen, hörte er Warnungen vor dem Rentnerdas­ein. Da fallen viele in ein Loch, hieß es, da leiden manche unter einem Bedeutungs­verlust, unter dem Nichtmehrg­ebrauchtwe­rden, von Depression­en war die Rede, Trinkerkar­rieren wurden an die Wand gemalt und dergleiche­n mehr. Laurenz Stadler hatte noch nie Angst davor, eines Tages nicht

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