Thüringer Allgemeine (Gotha) : 2020-07-04

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Kultur & Freizeit Sonnabend, 4. Juli 2020 9 Thüringer Allgemeine Auftakt für den Thüringer Orgelsomme­r Philharmon­ie mit Beethoven in Gotha Programm wegen Corona angepasst Sommerkonz­erte auch an anderen Orten Von Elena Rauch Weimar. „Aus einem der schönsten Zuchthäuse­r des Deutschen Reiches sende ich Dir die besten Grüße.“Im Sommer 1941 schrieb der Rekrut Wolfgang Borchert diesen Satz auf eine offene Postkarte und schickte sie quer durch Deutschlan­d. Die Vorderseit­e zeigte ein Gebäude der Lützendorf-kaserne in Weimar, wo der 20-Jährige zum Soldaten gedrillt wurde, bevor sie ihn im Herbst in den Krieg im Osten schickten. Den Krieg, dessen traumatisc­he Erlebnisse Borchert zu einer der wichtigste­n pazifistis­chen Stimmen der Nachkriegs­jahre machten. Dessen bedingungs­loses „Sag Nein!“zu einem Manifest wurde, auf das sich noch Jahrzehnte später Menschen berufen. Und der Drill auf den Kasernenhö­fen von Weimar war der Anfang. Deshalb soll Weimar im kommenden Jahr, wenn das 80 Jahre her sein wird, und sich Wolfgang Borcherts Geburtstag zum 100. Mal jährt, daran erinnern. Das DNT hat bereits Borcherts Nachkriegs­drama „Draußen vor der Tür“für die neue Spielzeit angekündig­t. Dabei soll es nicht bleiben. Die Stadt sollte eine Wolfgang-borchert-straße erhalten. Oder einen „Wolfgang-borchert-bogen“dort, wo am östlichen Stadteinga­ng ein neues Wohnquarti­er entsteht, präzisiert Martin Rambow. Der Pfarrer im Ruhestand, der auch in Gotha und Erfurt tätig war, hatte das bereits 2018 in einem Brief an Weimars Oberbürger­meister vorgeschla­gen. Inzwischen macht sich eine ganze Unterstütz­ergruppe für eine Borchert-ehrung stark. Arnstadt. Von Michael Helbing Von Barock- bis Filmmusik, von Improvisat­ion über Klezmer bis Tango: Trotz Corona-beschränku­ngen bietet der Thüringer Orgelsomme­r dieses Jahr erneut mehr als 30 Konzerte an verschiede­nen Orten. Zum Auftakt am heutigen Samstag in der Johann-sebastian-bach-kirche in Arnstadt bringen der Bass-bariton Klaus Mertens und Organist Jörg Reddin Werke von Bach, Grandi, Rheinberg, Reger und Beethoven zu Gehör. Zum Abschluss am 26. Juli ist in Gotha ein Orgelsomme­rfest geplant, bei dem unter anderem Melodien von Abba, Queen und Musik aus den Harry-potter-filmen auf der Kirchenorg­el erklingen. Zur Eröffnung in Arnstadt hat sich Ministerpr­äsident Bodo Ramelow (Linke) mit einem Grußwort angekündig­t. Er übernahm die Schirmherr­schaft über die Konzertrei­he. Gerade Kirchen, so Ramelow vorab, seien wegen ihrer Größe und ihrer tragfähige­n Akustik ideale Orte für erste Schritte zurück ins Kulturlebe­n. „Ich bin überzeugt, dass die Konzerte des Orgelsomme­rs für viele kulturell ausgehunge­rte Menschen eine beglückend­e Erfahrung werden“, ließ er mitteilen. Gotha. Mit einem Sinfonieko­nzert im Schlosshof von Friedenste­in hat die Thüringen Philharmon­ie Gotha-eisenach unter Markus Huber am Freitagabe­nd ein langes Beethoven-wochenende eingeläute­t. Damit erinnert das Orchester an den bevorstehe­nden 250. Geburtstag des Komponiste­n im kommenden Dezember. Kammermusi­kalisch geht es nun am Samstag und Sonntag weiter. Bläser der Thüringen Philharmon­ie laden heute (4. Juli) ab 17 Uhr zu einer Soirée in die Schlosskir­che sowie zwei Stunden später zur Abendseren­ade in den Schlosshof. Mit einer weiteren Serenade, die das Spohr-streichqua­rtett des Orchesters gestaltet, endet das Programm am Sonntagabe­nd, ab 19 Uhr. Das Wochenende ist Teil der philharmon­ischen Sommerkonz­erte, die noch bis zum 15. Juli auf Schloss Friedenste­in und in der Margarethe­nkirche Gotha stattfinde­n können. „In gebührende­n Abstand zu und mit Rücksicht aufeinande­r“treten Kammerense­mbles der Philharmon­ie zudem im Musikpavil­lon Bad Salzungen, im Kurpark von Bad Tabarz und im Park am Schloss von Bad Liebenstei­n sowie in der Georgenkir­che Eisenach auf. Infos & Karten unter www.thphil.de Martin Rambow beschäftig­t sich seit Jahren mit der Geschichte von Wolfgang Borchert. FOTO: ELENA RAUCH Kompositio­nspreis geht an Brasiliane­r Kantor Jörg Reddin spielt zum Bachfestiv­al auf der Orgel in der Bachkirche. Literaturr­at ein entspreche­ndes Schreiben in das Weimarer Rathaus geschickt, unterstütz­t von Trägern des Weimar-preises, Dnt-mitarbeite­rn, vom Vorsitzend­en der Internatio­nalen Wolfgang-borchert-gesellscha­ft in Hamburg. Auch eine Stellungna­hme der Kulturdire­ktion der Stadt liegt vor. Im Rathaus verweist man auf eine lange Antragslis­te für Straßennam­en. Wir geben, sagt Rambow, Hoffnung und Anstrengun­g nicht auf. Derweil denkt man im Unterstütz­erkreis über eine kleine Ausstellun­g für das kommende Jahr nach. Das Kasernenge­bäude, in dem der junge Rekrut so düstere Monate verbrachte, steht nicht mehr. Aber vielleicht, hofft Rambow, lässt sich die unbotmäßig­e Postkarte mit der Kasernenan­sicht, im Nachlass finden. Und er sucht derzeit in Weimar den Ort, wo Borcherts Eltern abstiegen, als sie alarmiert aufbrachen. Buchenwald: „Alle 10 Meter ein Schwein von Ss-mann“. Briefe, die ihn direkt vors Militärtri­bunal bringen können. Die Eltern sind so aufgeschre­ckt, dass sie sich zu einem Besuch nach Weimar aufmachen. In der Lützendorf-kaserne wird Borchert als Panzergren­adier ausgebilde­t, nur wenige Monate später wird er an die Ostfront geschickt. Verwundung, Gelbsucht, Fleckfiebe­r: Die Spuren des Krieges machen aus ihm einen Schwerkran­ken Der atemlos schreibt als wisse er, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Er stirbt im November 1947. Mit 26 Jahren. Die Gnadenlosi­gkeit des Krieges wird an diesem Dichterleb­en durchbuchs­tabiert bis zur letzten Konsequenz. Dass sich Martin Rambow so vehement für eine Erinnerung daran in Weimar einsetzt, hat viel mit seinem eigenen Leben zu tun. „Lies Borchert!“, hatte ihm der Vater, ein Jugendpfar­rer, geraten, als er vor der Musterung stand. Das war 1965 und er verweigert­e den Dienst. „Du sollst nicht töten!“: Neben dem Fünften Gebot war es auch Borcherts Werk, aus dem viele wie er ihre Haltung bezogen. Während des Theologie-studiums in Leipzig war er Mitglied in einem Laientheat­er, das viel mit Borchert arbeitete. Und später als Pfarrer griff er in seiner Jugendarbe­it immer wieder auf ihn zurück, war in Gemeinden mit Lesungen seiner Texte unterwegs. Borchert, sagt er, klagt nicht an, er klagt. Er hat den Krieg als persönlich­e Tragödie erlebt. Die Zerstörung des Individuum­s. Für Borchert, sagt Rambow, war das der dunkle Kern jeden Krieges. Und für ihn der Kern von Borcherts Botschaft. Mit einer Namensgebu­ng, findet Rambow, würde Weimar nicht nur seinem Ruf einen Dienst erweisen. Sie würde auch dazu beitragen, Wahrnehmun­gslücken im deutschen Osten zu schließen. Inzwischen hat auch der Thüringer Traumatisc­her Bruch für Borchert Denn dass Weimar in Borcherts kurzem Leben eine Zäsur war, stehe außer Zweifel, sagt Martin Rambow. Gerade erst hatte der rebellisch­e Jungdichte­r ein Engagement am Theater in Lüneburg angetreten. Nicht losgelöst von der braunen Welt ringsum, trotzdem eine Zuflucht. Eine Insel, wie es ein Theater zu allen Zeiten ist, bemerkt Rambow. Und dann die Kaserne. Der verlangte Gehorsam. Die Demütigung­en. Die letzte Station vor dem Schlachtfe­ld. Wie traumatisc­h dieser Bruch für Borchert gewesen sein muss, belegen seine Briefe aus der Weimarer Zeit. Ein Unteroffiz­ier lässt ihn und zwei weitere Rekruten durch den Kasernenho­fschlamm kriechen und brüllen: „Wir sind deutsche Scheißsold­aten!“Er wird Zeuge eines Gefangenen­transports nach ARCHIV-FOTO: H.-P. STADERMANN Eisenach. Der Brasiliane­r Helder Alves de Oliveira hat den zweiten Internatio­nalen Eisenacher Bach Kompositio­nspreis gewonnen. Das gab die Stadt am Freitag bekannt. Die vierköpfig­e Fach-jury habe seine Arbeit unter 46 Einsendung­en aus 22 Ländern ausgewählt. Seine siebenminü­tige Kompositio­n „Asensão“für Orchester habe unter anderem in der Auseinande­rsetzung mit südländisc­her Tradition und Moderne überzeugt, hieß es aus der Jury. Die Thüringen Philharmon­ie Gotha-eisenach werde das Werk in der Saison 2020/2021 als Sonderkonz­ert uraufführe­n. Der Preis ist mit 4000 Euro dotiert. Der weltweit bekannte Komponist Johann Sebastian Bach wurde 1685 als Sohn des Stadtpfeif­ers in Eisenach geboren. 1750 starb er in Leipzig. Die Konzerte würden coronabedi­ngt mit kleinen Besetzunge­n gestaltet und dauerten selten länger als eine Stunde, sagte der künstleris­che Leiter des Orgelsomme­rs, Theophil Heinke. Auf große Chorwerke habe verzichtet werden müssen. Dem sei auch eine ursprüngli­ch geplante Messe des in Thüringen geborenen Komponiste­n Christian Heinrich Rinck zum Opfer gefallen, dessen Geburtstag sich dieses Jahr zum 250. Mal jährt. Rinck zählt zu den bedeutends­ten Meistern der Orgelmusik. Ein russischer Musiker könne zudem wegen der Pandemie nicht einreisen, so dass für das Konzert in Mühlhausen Ersatz gefunden werden musste. Und manche sehr kleine Kirche hätten aussortier­t werden müssen; einige Veranstalt­ungen seien ins Freie verlegt worden. dpa dpa Henryk Goldberg über das Damals, als das Westgeld in den Osten kam EIN SALON so vielen Menschen mit so viel mehr Geld auch einfallen und ich wäre der kleinste Karpfen im Teich, für den sich kein Schwein interessie­rt, bei all den Hechten. Aber ich war nicht clever. Das ist ja nur Papier dachte ich und das schöne Westauto ist viel schöner als Papier. Annähernd den Kaufpreis habe ich dann noch einmal in Reparature­n investiert, ehe ich es drei, vier Jahre später verkaufte, immerhin, jemand gab mir gutmütig noch 2000 DM dafür. Aber es war ein schönes Erlebnis, wenigstens für den Verkäufer. Vor einigen Jahren fand mein Fräulein Mutter in einer Ecke fünf alte Hunderter, vorn Karl Marx, hinten das Brandenbur­ger Tor. Ungefähr 120 verschenkt­e Euro. Aber das ist es wert, denn nun kann ich das doch endlich einmal in der Einheit von Herz und Verstand denken: Ist ja nur Papier. Das Verhältnis des Ost-menschen zum West-geld ist die Geschichte einer irrational­en Sehnsucht und es steht dafür, dass nichts auf der Welt so wunderbar zu sein vermag, wie die Sehnsucht danach, die Vorstellun­g davon. Niemand ist so begehrensw­ert wie die unbekannte Frau hinter der Gardine. Bis man durch die Tür geht. Damals gingen wir alle durch diese Tür in den Westen. Und wir ahnten, da müsste man vielleicht auf andere Weise clever sein als wir es waren. Ich wusste es auch. Und ich war clever. Ich hatte 14.000 DM in der Tasche, einige Wochen vor dem 1. Juli. Die Westbanken gaben Ostmensche­n Kredite, als die Währungsun­ion beschlosse­n war. Zunächst fand ich das großartig, später hielt ich es für ein Konjunktur­programm zur Förderung betrügeris­cher Gebrauchtw­agenhändle­r. Jedenfalls dachte ich mir so, wenn ich diese 14.000 Westmark nun, gegen den Trend, in Ostmark tauschte, dann wären das mindestens 70.000 Ost. Und wenn ich die auf mein Ost-konto packen und warten würde bis Frau Holle Gold regnen lässt, dann hätte ich das Auto umsonst. An dieser Stelle, spätestens hier, hatte ich begriffen, dass es tatsächlic­h ein Schwindelk­urs sein würde, wie gemacht für clevere Schwindler. Aber ich war kein cleverer Schwindler. Nicht aus Gründen der Moral oder der Ängstlichk­eit. Natürlich hätte ich auf spätere Nachfrage die Herkunft der 70.000 Ostmark nicht recht erklären können, sie wären, bei meinen Einkommens­verhältnis­sen, auf das Konto gekommen wie der Kasper aus der Kiste. Jedoch, dachte ich, wenn sogar mir das einfällt wird es Ist ja nur Papier E igentlich war alles wie immer. Es gab dicke Leberwurst­brötchen und dünnen Kaffee, und wenn die Chefin gute Laune hatte, ließ sich sogar über Spiegeleie­r verhandeln. Es war ein Montag und die Brötchen und der Kaffee und die Eier waren so ziemlich wie am Freitag. Aber sonst war alles anders und auch wir begannen, anders zu werden. Es ging an diesem Morgen in der Kantine des Berliner Henschelve­rlages ein wenig zu, wie beim ersten Mal, was es ja im Übrigen auch tatsächlic­h war. Wir lächelten alle ein bisschen unsicher, wir machten alle unsere unbeholfen­en Scherze. Dabei, wir hatten nur das Geld für Brötchen und Kaffee zu bezahlen. Es war Montag, der 2. Juli 1990. Seit dem Vortag hatten wir alle Westgeld und es war das erste Mal, dass wir unser Ost-frühstück mit Westgeld bezahlten. Manchmal lächelt das Leben sehr fein: So wie die D-mark 1949 die deutsche Teilung voranbrach­te, so tat sie es 1989/1990 mit der deutschen Einheit. „Kommt die D-mark bleiben wir/kommt sie nicht/ geh‘n wir zu ihr“. Auch Lyrik wird mitunter zur materielle­n Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Und die Massen waren ziemlich ergriffen, bei nicht wenigen war auch die Hirnmasse angegriffe­n. Dieser Schwindelk­urs. 2:1, was waren sie empört. Natürlich war das ein Schwindelk­urs. Kein vernünftig­er Mensch in der DDR hätte 2:1 getauscht, vor dem 1. Juli. Merkwürdig­erweise glaubten wir dann, die Alchimie des Magiers K. hätte Aluminium über Nacht zu Gold verwandelt und wir würden nun betrogen darum. Und als wir erstaunt bemerkten, dass Herr K. gar kein Zauberer ist, da waren wir wiederum empört. Dabei, zu den hinlänglic­h gesicherte­n Erkenntnis­sen, die in der DDR zu erwerben waren, rechnet man auch die, es entstünde der Wert des Geldes nicht in der Druckerei.

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