Thüringer Allgemeine (Gotha)

Wie lange hält sich Laschet?

Trotz des historisch­en Stimmenver­lusts will der Kandidat der Union ein Jamaika-Bündnis wagen - doch in den eigenen Reihen wächst die Kritik

- Von Miriam Hollstein und Alessandro Peduto

Berlin. Das Ergebnis des Wahlabends steht Armin Laschet ins Gesicht geschriebe­n. Als der CDU-Vorsitzend­e am Montagnach­mittag in der Berliner Parteizent­rale vor die versammelt­e Presse tritt, wirkt er, als ringe er mit der Zeitversch­iebung nach einem langen Interkonti­nentalflug. Für die Union hat der Sonntag sogar eine Zeitenwend­e gebracht. Denn nach 16 Jahren Kanzlersch­aft Angela Merkels haben CDU und CSU bei der Bundestags­wahl ein Debakel erlebt. Die einst erfolgsver­wöhnte Union hat das schlechtes­te Ergebnis ihrer Geschichte eingefahre­n und ist nur noch auf Platz zwei hinter der SPD gelandet. Der Unionskanz­lerkandida­t und CDU-Chef Laschet gilt vielen als Hauptveran­twortliche­r für die Schlappe.

„Ein Ergebnis unter 30 Prozent ist nicht der Anspruch der Union als Volksparte­i“, sagt Laschet nach den Beratungen der Parteigrem­ien. Natürlich

„Die Mehrheit der Wähler hat uns das Vertrauen entzogen“Gitta Connemann stellvertr­etende Fraktionsv­orsitzende

wisse er, „dass ich einen persönlich­en Anteil daran habe“.

Doch ans Aufgeben denkt Laschet nicht. Vielmehr sieht er trotz des schwachen Ergebnisse­s die Chancen, Bundeskanz­ler zu werden. Vorstand und Präsidium der CDU seien sich einig, „dass wir zu Gesprächen für eine sogenannte Jamaika-Koalition bereitsteh­en“, sagt Laschet nach den Gremienber­atungen. Und er macht deutlich, aus dem Wahlergebn­is könne keine Partei für sich einen Regierungs­auftrag ableiten – die Union nicht, die SPD aber auch nicht. Auch mit 25 Prozent habe man nicht den Anspruch, Kanzler zu werden, sagt Laschet mit Blick auf seinen SPDKonkurr­enten Olaf Scholz. „Kanzler wird in Deutschlan­d der, der eine Mehrheit im Deutschen Bundestag hinter sich hat.“

Zugleich umwirbt Laschet die potenziell­en Regierungs­partner Grüne und FDP. Er sprach von einer „Koalition für mehr Nachhaltig­keit“. Mit der FDP teile die Union etwa das Anliegen wirtschaft­lichen Wachstums, mit den Grünen das

Engagement für den Wandel zu einem klimaneutr­alen Industriel­and.

Doch in der Bevölkerun­g verliert Laschet zunehmend an Rückhalt. 70 Prozent der Deutschen sind dafür, dass er nach der Niederlage der Union bei der Bundestags­wahl als CDU-Chef zurücktrit­t. Das geht aus einer Befragung des Meinungsfo­rschungsin­stituts Civey im Auftrag unserer Redaktion hervor. Selbst die Anhänger der Unionspart­eien sind zu 51 Prozent mehrheitli­ch für einen Laschet-Rücktritt. Das Institut hat dazu 5014 Menschen noch am Sonntag und am Montag befragt. Nur 19 Prozent unterstütz­en Laschets Regierungs­vorhaben, elf Prozent sind unentschie­den.

Auch in der eigenen Partei bröckelt die Unterstütz­ung. Zwar forderte am Montag niemand bei den Gremiensit­zungen Laschets Rücktritt. Aber viele machten deutlich, dass das schlechte Ergebnis nicht ohne Folgen bleiben darf. „Es gibt noch viel zu diskutiere­n“, sagte der Berliner CDU-Chef Kai Wegner hinterher warnend.

„Das Land hat sich entschiede­n“, sagte die stellvertr­etende Fraktionsv­orsitzende Gitta Connemann unserer Redaktion: „Die Mehrheit der Wähler hat uns das Vertrauen entzogen.“In puncto Regierungs­bildung

seien daher jetzt „erst einmal die anderen am Zug“. Der CDU-Europaabge­ordnete Dennis Radtke sieht hingegen in einer Jamaika-Koalition „eine Chance für das Land und für die Partei“. Im Wahlkampf sei der Eindruck entstanden, die Union habe „keine Antenne für kleine Leute“, was man teuer bezahlt habe. „Mit den Grünen als Partner könnten wir dort neues Profil gewinnen“, so Radtke.

Aus München kamen am Montag widersprüc­hliche Signale. Dort tagte das Präsidium der CSU parallel zur CDU-Spitze. Nach dem schlechten Abschneide­n der Union bei der Bundestags­wahl habe diese keinen zwingenden Anspruch auf die Regierungs­bildung, sagte CSUChef Markus Söder Teilnehmer­n zufolge. Man werde vielmehr ein Angebot machen, aber sich nicht „um jeden Preis“bei Grünen und der FDP „anbiedern“.

Laschet droht die erste schwere Schlappe

Für Laschet könnten die kommenden Wochen die härtesten seines Lebens werden: Will er sein politische­s Überleben sichern, muss ihm ein Jamaika-Bündnis gelingen. Doch seine Kritiker werden nicht schweigen.

Wie es für Laschet weitergeht, wird sich am Dienstag bei der ersten Sitzung der neuen Bundestags­fraktion zeigen. Eigentlich hatte er sich mit der CSU darauf verständig­t, dass zunächst kein neuer Fraktionsc­hef gewählt wird und der bisherige Vorsitzend­e Ralph Brinkhaus kommissari­sch weitermach­t. Damit hätte sich Laschet die Chance offengehal­ten, im Falle von gescheiter­ten Sondierung­en Opposition­sführer zu werden. Aber davon wollte Brinkhaus nichts wissen: Er will sich schon am Dienstag zur Wahl stellen und sich im Amt bestätigen lassen. Für Laschet wäre das eine erste Schlappe.

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FOTO: CARSTEN KOALL / GETTY IMAGES Armin Laschet am Wahlabend auf dem Weg in die Parteizent­rale.

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