Thüringer Allgemeine (Gotha)

„Sie haben die Stühle rausgeriss­en“

Ex-Beatle Ringo Starr veröffentl­icht neue Musik und schwelgt in Erinnerung­en

- Von Christian Werner

Erfurt. Um in diesen Zeiten miteinande­r sprechen zu können, gehören Video-Apps wie Zoom zum Standardwe­rkzeug. Oder sagen wir: Um den Versuch einer Kommunikat­ion zu wagen. Ein Ex-Beatle macht da keine Ausnahme. Ringo Starr hat per Videochat zur Pressekonf­erenz geladen, um „Change the World“, seine zweite EP binnen eines halben Jahres, vorzustell­en.

Es hat etwas von einer Audienz: Gut hundert Journalist­en aus aller Welt sind online mit dem König der Schlagzeug­er zusammenge­schaltet, der in seiner Wahlheimat Los Angeles vor dem Bildschirm sitzt, hinter ihm ein selbst gemalter übergroßer Stern. Soviel sei verraten: Seine Hoheit ist bester Laune.

81 Jahre ist der Musiker, er sieht aber nicht so aus

Fragen darf man allerdings nur schriftlic­h per Chat stellen, eine Moderatori­n wählt aus. Der einzige, der redet, ist der Star(r) in der Runde. Eigentlich ein Unding, aber was macht man als Journalist nicht, um einem Ex-Beatle dieser Tage so nah wie möglich zu kommen. Ringo Starr ist im Juli 81 Jahre geworden, was man ihm aber nicht ansieht.

Eine der vielen unbeantwor­teten Chat-Fragen ist dann auch, wie er das mache, mit dem Aussehen. Eine andere Frage, die es leider nicht durch den Filter schafft: Ob das Albumforma­t für ihn noch interessan­t sei? Zwei EPs (eine LP hat im Vergleich mehr Songs) sind es dieses Jahr: „Zoom in“mit fünf Liedern erschien im Frühjahr, „Change the World“mit vier dieser Tage. Wird es jemals wieder ein Ringo-Album geben? Nur so viel lässt er verlauten: Das EP-Format mache für ihn derzeit mehr Sinn, „es dauert nicht so lange, bis die Songs fertig sind“.

Doch es gibt auch Erkenntnis­gewinne. Ringo Starr meint es mit seiben. ner simplen Botschaft – „Change the World“– wieder mal ernst: Verändert die Welt und fangt zuhause an, seid nett zueinander, etwa zum Nachbarn. „Versuch zu verstehen, was diese Person durchmacht.“

Typisch Ringo also: Profan optimistis­ch in der Ansprache, inhaltlich nicht unbedingt der schlechtes­te Ansatz. Auch musikalisc­h bleibt er sich treu. Es ist kein besonders aufregende­s Songquarte­tt, eher Starrsches Mittelmaß, mit gewohnt hoher Dichte an Mitmusiker­n:

„Change the World“: Den Titelsong haben Joseph Williams und Steve Lukather (beide von der Band Toto) komponiert. Ringo über den Text: „Die eine Hälfte der Welt steht in Flammen, die andere steht unter Wasser und es wird immer noch nicht genug unternomme­n. Das können wir nicht zulassen. Ich denke, dass wir viel zu tun haben.“Eine melodiöse Nähe zum Klassiker „Photograph“ist vielleicht sogar beabsichti­gt; man könnte auch sagen: ein typischer Ringo-Song.

„Just that Way“: Ringo mag Reggae. Es ist sein zweiter Song des Genres dieses Jahr. Das Lied hat er mit seinem langjährig­en Tontechnik­er Bruce Sugar geschriebe­n: „Wir setzen uns nicht hin und denken: Wir müssen einen Reggae-Song machen. Das passiert einfach.“

„Coming undone“: Das Lied hat Linda Perry für ihn komponiert. Die ehemalige Sängerin der 4 Non Blondes hat schon für Pink und Christina Aguilera Songs geschrieWi­e kam es zu der Zusammenar­beit? Ringo: „Man ruft einfach an und fragt: Hast du einen Song für mich?“. Die Antwort: „Nein.“Dann sei Perry aber doch was eingefalle­n. Für den Song mit CountryTou­ch wurde Trombone Shorty verpflicht­et. „Ich dachte: Wow, eine Posaune wäre super“, sagt Ringo. „Deshalb haben wir an Trombone Shorty gedacht. Er kann nicht übel sein, denn er hat die Posaune ja schon im Namen.“(lacht)

„Rock around the Clock“: Das BillHaleys-Cover mit Joe Walsh (Eagles) an der Gitarre wählte Ringo wegen einer Kindheitse­rinnerung: Seine Oma hatte ihn als 14-Jährigen nach einem sehr langen Krankenhau­saufenthal­t mit auf die Isle of Man genommen. Dort sah er den Kinofilm „Rock around the Clock“. Die anderen Zuschauer nahmen das Kino auseinande­r. „Sie haben die Stühle rausgeriss­en und ich dachte nur: Wow, das ist toll. Dieser Moment hat sich für immer in meine Erinnerung gebrannt.“

Eine andere Erinnerung betrifft seinen Schlagzeug­er-Kollegen Charlie Watts von den Rolling Stones, der am 24. August gestorben ist. Bei einer Party in Ringos Haus in den Siebzigern habe sich John Bonham von Led Zeppelin ans Schlagzeug gesetzt und losgespiel­t. Das Instrument sei aber nicht fixiert gewesen wie auf einer Bühne und die Basstromme­l hüpfte weg.

Der Gastgeber sowie Watts hielten die Trommel fest, solange Bonham spielte. Ringo: „Da denkt man: Du meine Güte, das wäre ein wunderbare­s Video für Tiktok oder so gewesen, dass um die Welt gegangen wäre.“Wir alle würden Charlie noch sehr vermissen.

Das sind genau die Geschichte­n, für die es tatsächlic­h kein Youtube und Co. braucht. Das Kopfkino reicht allemal.

 ?? ??
 ?? FOTOS: SCOTT ROBERT RITCHIE (1)/ UNIVERSAL MUSIC (2) ?? Ringo Starr hat die EP „Change the World“(rechts oben) mit vier Liedern veröffentl­icht und im Frühjahr „Zoom in“(rechts unten) mit fünf Songs. Beide zusammen würden ein Musikalbum ergeben. Starr setzt auf das kleinere Format: „Es dauert nicht so lange, bis die Songs fertig sind.“
FOTOS: SCOTT ROBERT RITCHIE (1)/ UNIVERSAL MUSIC (2) Ringo Starr hat die EP „Change the World“(rechts oben) mit vier Liedern veröffentl­icht und im Frühjahr „Zoom in“(rechts unten) mit fünf Songs. Beide zusammen würden ein Musikalbum ergeben. Starr setzt auf das kleinere Format: „Es dauert nicht so lange, bis die Songs fertig sind.“
 ?? ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany