Thüringer Allgemeine (Gotha)

Der Schatz auf dem Dachboden

Hollywood-Star Steve McQueen schenkt 1964 seine Motorrad-Ausrüstung einem jungen Erfurter

- Von Axel Lukacsek

Erfurt. Steve McQueen war längst ein gefeierter Hollywood-Star, als der begeistert­e Motorradsp­ortler sogar in der DDR an den Start ging. Mitten im Kalten Krieg, im September 1964, nahm der damals 34-Jährige an der 39. Internatio­nalen Sechstagef­ahrt unter Schirmherr­schaft des späteren Politbürom­itglieds Günter Mittag teil, wie diese Zeitung jüngst berichtete.

Nun sind weitere Details vom außergewöh­nlichen Besuch des amerikanis­chen Schauspiel­ers bekannt geworden. Ein junger Erfurter nämlich bekam damals die komplette Rennausrüs­tung samt Jacke und Helm von McQueen geschenkt. Manfred Dudek, der 2012 bei einem Verkehrsun­fall starb, versteckte seinen Schatz auf dem Dachboden. Die Angst, die Stasi könnte die Ausrüstung vom Klassenfei­nd konfiszier­en, war groß.

Dudek war 20 Jahre alt und begann in Erfurt ein Studium, als das internatio­nal besetzte Sechstager­ennen durch den Bezirk Erfurt rollte. Er wuchs in einer Familie auf, die im Verborgene­n der Enge der DDR entfloh. Sein Vater arbeitete auf dem Flughafen und brachte jene Technik mit nach Hause, um heimlich den damals hierzuland­e verbotenen Radiosende­r American Forces Network für die amerikanis­chen Soldaten zu hören. „Dadurch hat Manfred die englische Sprache gelernt“, erinnert sich seine Schwester Marlies Kirchner.

Für Dudek war es der Türöffner, um bei dem inoffiziel­len WM-Rennen im Motorgelän­desport mit Hollywood-Star McQueen und seiner Crew ins Gespräch zu kommen. Als mit dem Sechstager­ennen mit 226 Fahrern aus 14 Ländern ein Hauch von Weltoffenh­eit durch Erfurt wehte, besuchte Dudek das Fahrerlage­r der Amerikaner an der Thüringenh­alle. Erst als stiller Beobachter, später als Helfer mittendrin. „Die Amerikaner suchten wie schon nach dem Krieg den Kontakt zu den Menschen hier. Irgendwann gehörte Manfred fast schon zum Team dazu“, sagt seine Schwester beim Blick zurück.

Für McQueen, der nur drei Jahre nach dem Mauerbau zur feierliche­n Eröffnung der Wettbewerb­e mit der amerikanis­chen Fahne in die Thüringenh­alle einmarschi­erte, endete das DDR-Abenteuer auf dem Motorrad allerdings schon am dritten Tag – im Straßengra­ben. Er war mit der Startnumme­r 278 auf einer Triumph TR6 Trophy mit 750 Kubikzenti­metern unterwegs. Geplant waren an jenem 9. September 1964 exakt 410 Kilometer kreuz und quer durch den Thüringer Wald und zurück nach Erfurt. Vom Regen des Vortages waren die Straßen quer durch Thüringen zum Teil noch nass. Der Schauspiel-Star geriet im Jonastal aus der Kurve und verletzte sich bei dem Sturz im Gesicht. Teamkolleg­e Bud Ekins brach sich den Fuß. Manfred Dudek, der die Rennen am Straßenran­d hautnah verfolgte, war einer der ersten Helfer an der Strecke. „Er informiert­e die amerikanis­che Mannschaft über den Unfall. Von McQueen bekam er die zerschliss­ene Jacke, später die komplette Ausrüstung geschenkt“, erzählt Marlies Kirchner.

Für den 1980 verstorben­en Schauspiel­er McQueen war das Sechstager­ennen mit dem Unfall gelaufen. Das Finale auf dem Erfurter Flughafen in Bindersleb­en erlebte er nur noch als Zaungast. Für Manfred Dudek jedoch war es der Beginn einer ungewöhnli­chen Freundscha­ft. „Er bekam daraufhin regelmäßig Post aus den USA. Steve McQueen hat er als einen sympathisc­hen Menschen kennengele­rnt“, erinnert sich seine Schwester.

An manchen Tagen holte Manfred Dudek später heimlich seine wertvolle Rennausrüs­tung vom Dachboden, zog sich in einer Garage um und schwang sich auf sein Motorrad. Kaum jemand ahnte, dass da einer mit der Jacke und dem Helm eines Hollywood-Stars über die Straßen der DDR brauste.

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FOTO: IMAGO Steve McQueen (USA) in einer Szene des Films „Die 24 Stunden von Le Mans“(1971).
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FOTO: AMERICAN MOTORCYCLI­ST Manfred Dudek (re.) mit der Jacke von McQueen neben Keith Moore (USA).

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