Thüringer Allgemeine (Gotha)

Der Amoklauf tötete Leben voller Pläne und Hoffnungen

Hunderte kamen zum gemeinsame­n Gedenken 20 Jahre nach dem Schulmassa­ker am Erfurter Gutenbergg­ymnasium

- Von Hanno Müller

Erfurt. Ronny Möckel, mit rebellisch­er Ader, vielen Freunden und einer Leidenscha­ft für die Toten Hosen. Manchmal ein Lausejunge, aber hilfsberei­t und liebenswer­t. Wer wäre der auf angenehme Weise unangepass­te Schüler der Klasse 8c des Gutenbergg­ymnasiums heute?

Oder seine Mitschüler­in Susann Hartung, die gern Briefe schrieb, viel und gern lachte und voller tiefem Vertrauen war in die Welt?

Beide gestorben durch Kugeln des Amoktäters, abgefeuert auf eine verschloss­ene Klassentür.

Die stellvertr­etende Schulleite­rin Rosemarie Hajna liebte es, zu reisen und ihren Schülern das lebendig werden zu lassen, was sonst nur im Lehrbuch stand. Der Polizist Andreas Gorski, Sportler, Familienva­ter, wollte als echter Schutzmann helfen und schützen und wurde dabei getötet. Es sind kurze Splitter aus dem Leben von 16 Menschen, die vor 20 Jahren einen viel zu frühen Tod starben, die bei diesem Gedenken im Mittelpunk­t stehen.

Die neue Französisc­hlehrerin Yvonne-Sofia Fulsche Baer wollte nur kurz an der Schule ihrer Wahl vorbeikomm­en, um Schüler und Kollegen schon mal kennenzule­rnen, ihr dreijährig­es Kind sollte sie nie wiedersehe­n. Über Hans-Joachim Schwertfeg­er, Lehrer für Mathe und Physik, Kümmerer sowie geduldiger und ausdauernd­er Erheutige klärer komplizier­ter Zusammenhä­nge, sagten Schüler, er habe geweckt, was in ihnen steckt. Leben voller Hoffnungen und Pläne seien jäh unterbroch­en worden, Familien, Kinder, Angehörige, Freunde und Kollegen mit der Leere zurückgebl­ieben, sagte die damalige und

Schulleite­rin Christiane Alt. „Wir erinnern uns an sie in dem Alter, in dem sie sterben mussten.“Durch ihre Lebensgesc­hichten, Hobbys und die Erzählunge­n über diese solle auch bei denen, die sie nicht selbst kannten, ihr Vermächtni­s lebendig bleiben.

Hunderte sind gekommen, um gemeinsam derer zu gedenken, die vor 20 Jahren dem Mordlauf zum Opfer fielen. Unter den Anwesenden sind Schüler und Lehrer, die den Tag miterlebte­n, Politiker von Stadt und Land. Am 26. April 2002 sei für viele Thüringeri­nnen und Thüringer eine Welt zusammenge­brochen, „den Schmerz und die Fassungslo­sigkeit werden wir alle für immer im Herzen tragen“, sagte Ministerpr­äsident

Bodo Ramelow im Vorfeld. Kurz nach 11 Uhr, jenem Moment, als am 26. April 2002 das Morden begann, schlagen Schüler minutenlan­g die Gedenkgloc­ke der Schule an. Zeitgleich läuten überall in der Stadt Kirchenglo­cken. Eine Schülerin trägt Ricarda Huchs Gedicht „Nicht alle Schmerzen sind heilbar“vor, darin die Verse: „Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle, Die Welt wird ein Blütenmeer. Aber in meinem Herzen ist eine Stelle, Da blüht nichts mehr“.

Das Wohlgefühl des Frühlings sei damals verloren gegangen, sagt Christiane Alt. Die Bilder hätten sich eingebrann­t, gingen um die Welt. Die Opfer aber seien nicht vergessen, nicht namenlos.

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FOTO: MARCO SCHMIDT Angehörige, Lehrer, Schüler und Erfurter gedenken der Opfer des Amoklaufs vor 20 Jahren.

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