Thüringer Allgemeine (Gotha)

„Morgen könnte es zu spät sein “

Der litauische Präsident Gitanas Nauseda über Waffenlief­erungen und Russlands Drohungen

- Von Michael Backfisch und Laurent Marchand

Berlin. Vor zwei Wochen war er noch in Kiew: Litauens Präsident Gitanas Nauseda besuchte mit seinen estnischen, lettischen und polnischen Amtskolleg­en den ukrainisch­en Staatschef Wolodymyr Selenskyj. Der 57-Jährige ist einer der schärfsten Kritiker der russischen Führung. Unsere Redaktion und unsere französisc­he Partnerzei­tung „Ouest-France“sprachen mit Nauseda am Telefon.

Herr Präsident, angesichts der russischen Invasion in die Ukraine: Wie besorgt sind Sie, dass auch die baltischen Staaten angegriffe­n werden könnten?

Wir leben bereits seit Jahren unter dieser Bedrohung. Wir sind sehr besorgt über die strategisc­hen Bestrebung­en Russlands. Man muss einfach hören, was sie sagen. Es gab immer wieder Verlautbar­ungen aus Moskau, wonach das Sowjetimpe­rium als sehr gutes Modell für die Zusammenar­beit mit verschiede­nen Ländern gepriesen wurde. Und vergessen wir nicht: Der Zusammenbr­uch der Sowjetunio­n wurde von Russlands Präsident Wladimir Putin als die „größte geopolitis­che Katastroph­e des 20. Jahrhunder­ts“bezeichnet. Derlei Rhetorik macht uns sehr zu schaffen.

Wie viel Vertrauen haben Sie, dass Litauen im Falle eines russischen Angriffs die volle Unterstütz­ung der Nato-Mitglieder bekommt?

Wir hören nicht nur darauf, was etwa US-Präsident Joe Biden oder westeuropä­ische Staats- und Regierungs­chefs sagen. Wir schauen auch, was am Boden passiert. Das Bekenntnis zur Beistandsv­erpflichtu­ng nach Artikel 5 des Nato-Vertrags wird glückliche­rweise unterfütte­rt durch konkrete Aktionen. Zum Beispiel die Stationier­ung zusätzlich­er deutscher Soldaten in Litauen. Aber auch die Niederland­e, Norwegen und unser größter Bündnispar­tner – die USA – haben ihre Truppenprä­senz ausgeweite­t. Was wir jetzt dringend zusätzlich brauchen, ist die Installier­ung von militärisc­hem Gerät.

Welches Militärger­ät meinen Sie? Wir müssen den Hebel umlegen von der Luftraumüb­erwachung zur Luftvertei­digung. Bei der Luftraumüb­erwachung können unsere Piloten gegenwärti­g nur Informatio­nen über die Verletzung des Luftraums sammeln. Aber es gibt keine Anweisunge­n, feindliche Militärjet­s im Notfall abzuschieß­en. Der UkraineKri­eg zeigt gerade, wie wichtig die Fähigkeit zur Luftvertei­digung ist.

Der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew drohte bereits mit der Stationier­ung von Atomwaffen in und an der Ostsee. Wie sehr beunruhigt Sie das?

Ich möchte Herrn Medwedew daran erinnern, dass Russland bereits vor Jahren taktische Nuklearwaf­fen in Kaliningra­d stationier­t hat. Das

Ganze hat also keinen wirklichen Neuigkeits­wert.

Deutschlan­d und Frankreich sind sehr darauf bedacht, im UkraineKri­eg nicht direkt zur Kriegspart­ei zu werden – aus Sorge vor einem Dritten Weltkrieg. Ist das übertriebe­n?

Ein solches Risiko liegt immer in der Luft – egal, ob Finnland und Schweden in der Nato sind oder nicht. Wenn man sich die Lage in der Ukraine genau anschaut, so wird bereits heute über den möglichen Einsatz von atomaren, chemischen oder biologisch­en Waffen geredet. Das alles gehört zum Instrument­enkasten des Kremlregim­es, um Nachbarlän­der einzuschüc­htern. Wir müssen fest bleiben, weil die scharfe Rhetorik Moskaus ein Teil des Krieges ist.

In Europa wird derzeit diskutiert, ob man der Ukraine schwere Waffen liefern soll. Sollte Deutschlan­d Leopard-Panzer schicken?

Es ist extrem wichtig, dass die Ukraine die militärisc­he Ausrüstung, die sie braucht, jetzt bekommt. Nicht morgen oder übermorgen – dann könnte es zu spät sein. Litauen hat sehr früh entspreche­nd gehandelt. Wir haben sogar zwei Wochen vor Beginn des Krieges Waffen an die Ukraine geliefert. Es gab klare Anzeichen, dass die Invasion jeden Tag beginnen könnte. Jetzt müssen auch die großen Nato-Länder den politische­n Willen aufbringen, das Militärger­ät in die Ukraine zu schicken, das notwendig ist. Die Ukrainer kämpfen nicht nur für die Freiheit ihres Landes, sondern auch für die Freiheit Europas.

Noch mal: Sollte Deutschlan­d Leopard-Panzer an die Ukraine liefern? Ich bin nicht in der Position von Bundeskanz­ler Olaf Scholz. Ich kann nur sagen, was ich an seiner Stelle tun würde: Ich würde Panzer liefern.

Wie bewerten Sie die Rolle von Deutschlan­d und Frankreich im Ukraine-Krieg?

Ich war Zeuge des revolution­ären Schwenks in der Denkweise in Deutschlan­d. Die „Zeitenwend­e“war ein sehr großer Schritt. Ich möchte meine deutschen Freunde ermutigen, auch den zweiten Schritt zu machen. Wenn man konsequent sein will, kann man nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Die Ukraine braucht die volle militärisc­he Unterstütz­ung – auch von Deutschlan­d.

Ist Deutschlan­d gegenüber Russland zu weich?

Deutschlan­d sollte sich schneller klar werden, wo es in diesem Konflikt steht. Die Bundesregi­erung geht in die richtige Richtung. Aber sie sollte beim Tempo zulegen.

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FOTO: OFFICE OF THE PRESIDENT OF THE REPUBLIC OF LITHUANIA Litauens Präsident Gitanas Nauseda.

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