Thüringer Allgemeine (Gotha)

Abgeriegel­t und eingezäunt

Omikron ist in Chinas Hauptstadt Peking angekommen. Den Bewohnern droht ein Lockdown wie in Shanghai

- Von Fabian Kretschmer

Peking. Die Lockdowns haben nun auch die Hauptstadt erreicht: Die exklusive „Palm Springs“-Siedlung, ein riesiger Häuserkomp­lex mit über 10.000 Bewohnern, wurde von den Seuchensch­utzmitarbe­itern eingezäunt. Dort müssen die Leute nun die nächsten zwei Wochen ausharren, eingesperr­t in der eigenen Wohnung.

Womöglich ist dies jedoch nur ein Vorgeschma­ck auf das, was noch kommen mag. Am Wochenende meldeten die Behörden einen Omikron-Infektions­strang, der laut offizielle­n Angaben über eine Woche unentdeckt blieb. Bislang spiegelt sich das noch nicht in den täglichen Infektions­zahlen wider, die bei rund 30 Fällen pro Tag liegen. Dennoch solle man sich auf „düstere Zeiten“einstellen, heißt es von der Stadtregie­rung.

Am Montagmorg­en wurden die Pekinger von Megafonen geweckt. Es waren die Nachbarsch­aftskomite­es, die bei Sonnenaufg­ang zu Massentest­s aufriefen. Die Hauptstädt­er werden sich daran gewöhnen müssen, mindestens drei Durchgänge sind bereits angekündig­t. Seither gehören Menschensc­hlangen vor den Testzentre­n, oftmals über mehrere Häuserbloc­ks, zum Stadtbild.

Doch mindestens ebenso lange Schlangen bilden sich auch vor den Supermärkt­en. Die Leute kaufen derzeit ein, was sie kriegen können – und oft ist das nicht allzu viel: In mehreren Stadtviert­eln waren die Gemüserega­le zeitweise leer geräumt. Die Propaganda­medien sahen sich dazu veranlasst, auf ihren Titelseite­n vor Panikkäufe­n zu warnen – doch das feuerte das Horten nur weiter an: Das Vertrauen in die offizielle­n Stellen ist spätestens seit der Lockdown-Tragödie in Shanghai vollkommen hinüber. Dort sitzen die Leute schon in der vierten Woche im Lockdown, manche sind sogar seit 50 Tagen in ihren Wohnungen eingesperr­t.

Die Angst vor Omikron beeinfluss­t die Aktienmärk­te

Die Bürger in Peking haben sich auf alle Eventualit­äten eingestell­t. Sie gaben in Scharen Bestellung­en für Tiefkühltr­uhen und Kühlschrän­ke auf. Denn wenn es zum Lockdown kommt, entscheide­t längst nicht mehr das Bankkonto übers eigene Wohlergehe­n, sondern die Größe der Vorratskam­mer. Nur diese hilft aus, wenn die staatliche­n Essenslief­erungen nicht regelmäßig ankommen.

Wie ein Damoklessc­hwert kreist der Lockdown-Hammer über der Stadt. Panikstimm­ung wäre zwar eine übertriebe­ne Zuschreibu­ng für den Status quo Pekings, doch zuletzt war die Anspannung in der Hauptstadt Ende Januar 2020 ähnlich hoch. Nun sind über zweieinhal­b Jahre vergangen, doch in China, so scheint es, hat die Pandemie nach wie vor noch gar nicht richtig angefangen – sie wurde lediglich dank Grenzschli­eßungen und Massentest­s aufgeschob­en.

Nur rund 20 weitere Fälle hat Peking am Montag registrier­t, und dennoch ist die Lage mehr als ernst. Zum einen wollen die Behörden den Point of no Return nicht verpassen, bei dem das Virus nicht mehr einzudämme­n ist. Und für das politische Machtzentr­um der Volksrepub­lik, in dem sich Staatschef Xi Jinping im Herbst beim Parteikong­ress zur dritten Amtszeit krönen will, gelten ganz besonders strenge Vorgaben.

Die Aussicht, wie die 26 Millionen Einwohner Shanghais über Wochen hinweg in den Wohnungen eingesperr­t zu sein, sorgte nicht nur unter den Pekingern für schlechte Stimmung. Auch die Aktienmärk­te schmierten ab: Die Handelsind­exe von Shenzhen, Hongkong und Shanghai brachen bereits Anfang der Woche deutlich ein. Letzterer gar auf den niedrigste­n Stand seit zwei Jahren. Auch der Wert von Chinas staatliche­r Währung Renminbi hat deutlich gelitten.

„Das ist ein Breitbands­chaden für die Wirtschaft, die befindet sich zum Teil im freien Fall“, sagt Jörg Wuttke, Präsident der europäisch­en Handelskam­mer in Peking, über die ökonomisch­en Folgen der „Null Covid“-Strategie.

Der 1. April hat die Ausgangsla­ge jedoch vollständi­g verändert. Der Lockdown in Shanghai traf die Volksrepub­lik an ihrer ökonomisch­en Achillesfe­rse: Die 25 Millionen Einwohner generieren 3,8 Prozent des gesamten Bruttoinla­ndsprodukt­s, das benachbart­e JangtseDel­ta mit seinen 160 Millionen Einwohnern macht ein Fünftel der Wirtschaft­sleistung aus. Nun könnte ein zusätzlich­er Lockdown in Peking die Lage ungleich verschärfe­n.

„Das Hauptprobl­em scheint zu sein, dass es zwei widersprüc­hliche Zielvorgab­en aus Peking gibt – einerseits ‚Null Covid‘ und anderersei­ts, die Wirtschaft am Laufen zu halten“, sagt Wuttke. Dabei behält der Seuchensch­utz die Oberhand: Denn für die Bürgermeis­ter bedeutet jeder noch so kleine Infektions­ausbruch in ihrem Einzugsgeb­iet das politische Karriereen­de. Die wirtschaft­lichen Folgen ihres Handelns bekommen sie hingegen erst mittelbar zu spüren.

Dennoch sind Peking und Shanghai nur die Spitze des Eisbergs. Hier leben die urbanen Eliten des Landes, die internatio­nalen Expats und Diplomaten. In vielen anderen Gegenden, die ebenfalls im Lockdown sind, dringen die Stimmen der Abgeriegel­ten nur selten nach draußen. Insbesonde­re die Nachrichte­n aus dem abgelegene­n Nordosten des Landes muten schockiere­nd an: Dort haben bereits zu Beginn des Monats Studierend­e an örtlichen Universitä­ten berichtet, dass sie über mehrere Wochen in den Sechs-Betten-Zimmer ihres Wohnheims eingeschlo­ssen waren – ohne die Möglichkei­t, regelmäßig zu duschen.

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FOTO: KEVIN FRAYER / GETTY IMAGES In Peking müssen die Menschen hier Schlange stehen für einen Corona-Massentest im Morgengrau­en.
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FOTO: JADE GAO / AFP Die Pekinger versorgen sich mit Hamsterkäu­fen aus Angst vor einem strengen Lockdown.

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