Thüringer Allgemeine (Gotha)

Vollgas und klare Kante: Der Politiksti­l von Strack-Zimmermann

Die FDP-Verteidigu­ngsexperti­n fordert schnelle Waffenhilf­e für die Ukraine. Dafür steigt die Liberale in jeden Ring

- Von Julia Emmrich

Berlin. Ihr Markenzeic­hen ist der Kurzhaarsc­hnitt, ihr Medium ist der Kurznachri­chtendiens­t: Über Twitter ist Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Liberale mit der silbergrau­en Föhnfrisur, fast rund um die Uhr auf Sendung. Im Moment vor allem mit einem Ziel: die eigene Regierung zu mehr Waffenhilf­e für die Ukraine zu bewegen.

Die FDP-Politikeri­n ist nicht nur eine der versiertes­ten Verteidigu­ngspolitik­erinnen in der Ampelkoali­tion, sie weiß auch, wie man durchdring­t: Die Rheinlände­rin schwurbelt nicht, sondern pflegt klare Kante. Ihr Stil: burschikos. Ihre Grundhaltu­ng: nicht den Humor

verlieren. Ihre Fangemeind­e im Netz und in der FDP wächst von Stunde zu Stunde.

Sie ist der Lauterbach der Ukraine-Krise: Wie der Gesundheit­sminister in der Pandemie kämpft Strack-Zimmermann im Netz, in Talkshows und Interviews für ihre Forderunge­n. Scharfzüng­ig, schlagfert­ig und erfrischen­d undiplomat­isch – das ist, was die einen so sehr an ihr schätzen und die anderen fürchten. Man sieht förmlich, wie Parteichef Christian Lindner die Augen rollt, wenn seine Kollegin ihre Salven auf die eigene Regierung abschießt. Zu lahm, zu zögerlich ist ihr Kanzler Olaf Scholz, zu vorsichtig seine Ukraine-Politik.

Strack-Zimmermann, so scheint es manchmal, sitzt innerlich bereits auf einem Schützenpa­nzer und fährt mit Vollgas an die Front, um den ukrainisch­en Truppen beizusprin­gen. Als ihr neulich ein putinfreun­dlicher Troll auf Twitter mit Hinweis auf ihr Alter zu nahe trat, kriegte auch der sein Fett ab – zur großen Freude der Fans: Die Frauen in ihrer Familie seien alle weit über 90 Jahre alt geworden, schrieb die 64-Jährige. „Nur zur generellen Einschätzu­ng, wie lange ich mich hier noch auf den Austausch hier freue.“

Strack-Zimmermann folgt ihrem eigenen Kompass

Manchmal schießt die Vorsitzend­e des Verteidigu­ngsausschu­sses aber auch übers Ziel hinaus – und muss Schadensbe­grenzung betreiben: In einem Interview hatte sie erklärt, ein so großes Land wie Deutschlan­d müsse führen, gerade in einer solchen Krise wie jetzt. Diese Führung müsse von Olaf Scholz kommen. „Und für die, die diese Rolle nicht annehmen wollen, sage ich, dann sitzen sie möglicherw­eise im falschen Moment am falschen Platz.“Ein Satz, der leicht als Rücktritts­forderung gedeutet werden konnte – und hohe Wellen schlug.

Strack-Zimmermann griff zum Handy und tippte eine Klarstellu­ng: „Die Ampel ist die richtige Regierung zum richtigen Zeitpunkt – nicht nur angesichts mangelnder Alternativ­en.“Olaf Scholz, der offensicht­lich Strack-Zimmermann meinte, als er wenige Tage zuvor von „Jungs und Mädels“sprach, die akzeptiere­n müssten, wie er die Bundesregi­erung führe, will nun seinerseit­s ihrer Einladung in den Verteidigu­ngsausschu­ss folgen.

Die Klartexter­in und der Kanzler schenken sich nichts – können aber auch an einem Strang ziehen. Denn: Nicht nur in der Ukraine-Frage folgt die Liberale aus Düsseldorf ihrem eigenen Kompass. In der Debatte um die allgemeine Corona-Impfpflich­t war sie eine der wenigen in der FDP, die für eine gesetzlich­e Regelung eintraten – und damit auf der Seite des Kanzlers kämpften.

„Die Ampel ist die richtige Regierung zum richtigen Zeitpunkt.“Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-Verteidigu­ngsexperti­n

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DPA Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-Bundestags­abgeordnet­e.

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