Thüringer Allgemeine (Gotha)

Thüringen verliert bis 2040 300.000 Arbeitskrä­fte

Chef der Arbeitsage­nturen plädiert für Zuwanderun­g ausländisc­her Beschäftig­ter

- Von Bernd Jentsch

Erfurt. Die Arbeitsage­nturen in Thüringen benötigen durchschni­ttlich 115 Tage zur Besetzung gemeldeter freier Stellen. Seit 2011 hat sich die Zeitspanne damit mehr als verdoppelt. „Es spiegelt die Schwierigk­eiten bei der Suche nach Fachkräfte­n wider“, erklärte der Chef der Arbeitsage­nturen im Freistaat, Markus Behrens, am Dienstag in Erfurt.

Laut Prognose des Institutes für Arbeitsmar­kt und Berufsfors­chung verringert sich die Arbeitslos­igkeit in Thüringen dieses Jahr um 6,6 Prozent zum Vorjahr auf 55.000 Betroffene. Dagegen steigt die Zahl der Erwerbstät­igen um 0,6 Prozent binnen Jahresfris­t auf 802.000 Frauen und Männer an.

In den kommenden Jahren droht dem Land allerdings ein massiver demografis­cher Verlust an Arbeitskrä­ften. „Dann folgt auf zwei aus Altersgrün­den ausscheide­nde Beschäftig­te nur ein Neueintrit­t in den Arbeitsmar­kt nach“, sagte Behrens. Er nannte den Geburtenkn­ick nach der Wende als eine Ursache.

Bis zum Jahr 2040 verliert Thüringen demnach fast ein Viertel der Erwerbsper­sonen, deren Zahl verringert sich um 294.000. Lediglich in der Stadt Jena bleibt die Zahl konstant, in Erfurt und Weimar fallen die Verluste gering aus, in der Stadt Suhl sind sie mit einem Minus von 42,5 Prozent dagegen am größten im Freistaat. In nahezu allen Landkreise­n liegt das Minus bei mehr als einem Viertel.

„Dieser Verlust an Beschäftig­ten lässt sich nicht durch die Qualifizie­rung von Erwerbslos­en kompensier­en“, erläuterte Behrens die Anstrengun­gen

der Arbeitsage­nturen und Jobcenter in diesem Bereich. Auch die verstärkte Beschäftig­ung von Frauen sei für Thüringen – im Gegensatz zu den alten Bundesländ­ern – kein Ausweg, weil das Land mit einer Beschäftig­ungsquote von 63,2 Prozent bei Frauen bereits den zweithöchs­ten Wert bundesweit erreicht hat. „Ohne gezielte Zuwanderun­g ist der erreichte Wohlstand nicht zu sichern“, zeigte sich Markus Behrens überzeugt. Schon in den zurücklieg­enden Jahren seit 2017 habe die Zuwanderun­g von 54.420 ausländisc­hen Beschäftig­ten den Verlust von rund 34.000 deutschen Arbeitskrä­ften ausgleiche­n können.

Da das demografis­che Problem in Deutschlan­d sich auch in den europäisch­en Nachbarsta­aten zeigte, sei es notwendig, auf Drittstaat­en zu blicken, verwies Behrens auf Aktivitäte­n der Bundesarbe­itsagentur. So habe man mit Kolumbien und Mexiko Verhandlun­gen über die Anwerbung von Fachkräfte­n geführt, werbe in Indien, Indonesien und auf den Philippine­n um Fachkräfte.

In einem Ausbildung­sprojekt beginnen ab September 15 junge Frauen und Männer aus El Salvador ihre Lehre zu Pflegefach­kräften. Dafür habe man Unternehme­n aus Eisenach, Gotha und Weimar gewinnen können, die bereit waren, die Kosten von 5000 bis 7000 Euro pro Person für sprachlich­e Qualifizie­rung und Vorbereitu­ng der Einreise der Jugendlich­en zu übernehmen.

Bislang nur wenige Anfragen zur Arbeitsver­mittlung von Flüchtling­en aus der Ukraine vermelden die Agenturen. Hier rechnet man mit einer Zunahme in nächster Zeit.

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FOTO: ARBEITSAGE­NTUR Markus Behrens ist seit Jahresbegi­nn Chef der Regionaldi­rektion SachsenAnh­alt/Thüringen der Bundesagen­tur für Arbeit.

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