Thüringer Allgemeine (Gotha)

Ohne Sendewagen auf die Burg

Diesen Freitag lädt Deutschlan­dradio zum 400. Wartburgko­nzert – eine stolze Tradition

- Von Wolfgang Hirsch

Eisenach. Im allererste­n Wartburgko­nzert 1958 musizierte ein erlesenes Kammerense­mble der Staatskape­lle Dresden Werke von Bach, nun – zum 400. Jubiläum – gratuliert das Mikroorkés­tra aus Litauen mit Vivaldis „Vier Jahreszeit­en“. Dazwischen liegen 64 Jahre Rundfunkge­schichte, aber ebenso deutsch-deutsche Geschichte im Zeichen der früher grenznahen Burg. Längst ist die vom Deutschlan­dradio veranstalt­ete Konzertrei­he zur Institutio­n gereift, was diesen Freitag – live ab 20 Uhr – klangvoll zu feiern ist.

Wer nicht vor Ort das festliche Ambiente im Wartburg-Palas genießen kann, schaltet dann Deutschlan­dfunk Kultur ein, um dem Akkordeoni­sten Martynas Levickis und seinem Ensemble zu lauschen. Ohne unmittelba­r politische Implikatio­nen dient Musik seit jeher als ein Medium der Völkervers­tändigung: Das gilt als Markenkern der Wartburgko­nzerte.

„Sie haben internatio­nales Format, durch die Künstlerin­nen und Künstler aus aller Welt, die hier beeindruck­ende Konzerte gestalten“, sagte Stefan Raue, Intendant des

Senders, unserer Zeitung. „Aber auch dadurch, dass wir die Konzerte nicht nur bundesweit übertragen, sondern dass sie europaweit von weiteren Radiosende­rn übernommen werden.“

Den Anfang freilich stiftete ein eminenter politische­r Anlass. Im Sommer 1958 war in Eisenach ein Treffen ost- und westdeutsc­her Regierungs­delegation­en geplant, wurde jedoch kurzfristi­g abgesagt. Nur das Konzert fand statt, und rasch avancierte die Reihe zum Renommiero­bjekt des damaligen Deutschlan­dsenders der DDR, der noch weit im Westen gut zu empfangen war.

So schildert es Bettina Schmidt als zuständige Redakteuri­n anhand der Annalen. Sie hat nach Eberhard Rudolph und Wolfgang Börner den Staffelsta­b als Organisato­rin übernommen und steht seit 2003 für

Kontinuitä­t ein. „Eine Lebensaufg­abe“, lacht sie am Telefon.

Kalter Krieg und Mauerbau, die Wiedervere­inigung samt Strukturve­ränderunge­n der Rundfunkla­ndschaft – nichts von alledem vermochte den Wartburgko­nzerten etwas anzuhaben. Im Gegenteil: Bereits zu DDR-Zeiten legte man Wert auf namhafte Qualität und lud gegen Devisen Musiker aus dem Ausland ein. So gastierten Igor Oistrach und Swjatoslaw Richter ebenso wie Edda Moser, Wolfgang Schneiderh­an und die King’s Singers auf der Burg, aber immer wieder auch vorzüglich­e Thüringer Formatione­n.

Abendfülle­nd könnte Schmidt allein aus ihren fast 20 Jahren erzählen, von vergessene­n Socken, verlorenen Noten oder defekten Instrument­en. Darauf, selbst kleine Havarien zu lösen, ist sie spezialisi­ert. Technisch indes hat sie mit der ältesten deutschen Rundfunk-Konzertrei­he keinerlei Sorgen, ein schwerer Ü-Wagen muss sich nicht mehr den Burgberg hinauf quälen. In den ersten Jahren hat man noch armdicke Kabel verlegt, sagt sie, aber seit den 1970er-Jahren gibt es ein kleines Sendestudi­o auf der Burg – und die Funkleitun­g steht.

 ?? FOTO: DEUTSCHLAN­DSENDER DER DDR ?? Das Dresdner Kammerorch­ester unter Leitung Walter Knörs musizierte am 21. Juni 1958 das allererste Wartburgko­nzert.
FOTO: DEUTSCHLAN­DSENDER DER DDR Das Dresdner Kammerorch­ester unter Leitung Walter Knörs musizierte am 21. Juni 1958 das allererste Wartburgko­nzert.

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