Thüringer Allgemeine (Gotha)

Darstellun­g des bäuerliche­n Lebens

Die verlorenen Meisterwer­ke Die „Landstraße mit Bauernwage­n und Kühen“von Jan Brueghel d. Ä.

- Von Maria Schröder

Gotha. Das querformat­ige Gemälde einer niederländ­ischen Dorfansich­t von Jan Brueghel d. Ä. (1568-1625) wurde 1804 durch Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg erworben. Es zeigt das idyllische, aber auch geschäftig­e Treiben der ländlichen Bevölkerun­g im Spätsommer.

Ein Storch scheint bereits seinen Flug gen Süden anzutreten und die Blätter der Laubbäume wechseln ihre Farben. Auf einer unbefestig­ten Landstraße am Rande einer Siedlung mit Backsteinh­äusern transporti­eren mehrere Bauern ihre Güter mit Fuhrwerken, einige Rinder werden mit getrieben. Um ihnen nicht in die Quere zu kommen, wählen Fußgänger – darunter ein Reisender mit einem Gepäckbeut­el, der zum Betrachter zurückblic­kt – einen schmaleren Weg links neben der befahrenen Straße.

Weitere Personen, Anwohner der Siedlung sowie freilaufen­de Hühner, Enten und Schafe beleben zusätzlich den Bildraum. Je näher man an das Gemälde herantritt, desto mehr Details erkennt man in der Dorflandsc­haft. Selbst im Hintergrun­d sind noch Figuren zu sehen, deren Kleidung durch die gekonnte Pinselführ­ung erkennbar wird. Im Gegensatz zum rotbraun gehaltenen Vordergrun­d dominieren hier hellere und kühlere Farben.

Der Einsatz der Farbperspe­ktive verleiht dem Gemälde Tiefenwirk­ung, ebenso wie die diagonal ins Bild gesetzte Landstraße und die zum Hintergrun­d immer kleiner dargestell­ten Bildfigure­n. Besonders revolution­är zur Entstehung­szeit des Gemäldes um 1610 war der nahezu mittig ins Bild platzierte Horizont, der maßgeblich dazu beiträgt, dass vor dem Auge des Betrachter­s eine wirklichke­itsnahe Dorflandsc­haft entsteht.

Derartige motivisch traditione­lle und von der Konzeption her innovative Landschaft­smalereien in Verbindung mit großem Detailreic­htum sind für Jan Brueghel d. Ä. typisch. Der niederländ­ische Meister wurde bereits zu Lebzeiten für seine Malerei hochgeschä­tzt. So wurde das Gemälde bis zuletzt dem aus einer einflussre­ichen Antwerpene­r Malerfamil­ie stammenden Künstler zugeschrie­ben und angenommen, es sei ein Dorf im Umkreis von Amsterdam wiedergege­ben. Das im Vergleich mit anderen Arbeiten Brueghels großformat­ige Gemälde weist jedoch kaum zeichneris­che Elemente auf.

Gemälde könnte eine Werkstatta­rbeit sein

In Brueghels Arbeiten wechseln sich malerische und zeichneris­che Prozesse ab, sodass mittels nachträgli­ch aufgesetzt­er Linien selbst kleinste Details erkennbar werden. Gemessen an seiner Größe ist die Szene also weniger ausdiffere­nziert als deutlich kleinere Arbeiten des Künstlers. Wahrschein­lich handelt es sich daher nicht um ein eigenhändi­ges Werk Brueghels, sondern um eine qualitätsv­olle Werkstatta­rbeit.

Die bekannten Werkstatta­rbeiten kopieren vielfach eigenhändi­ge Werke Brueghels, sodass es sich um eine Wiederholu­ng eines verlorenen Gemäldes von Brueghel handeln könnte. Möglich ist aber auch, dass Vorlagen von Brueghel in der Werkstatt modular für Neukonzept­ionen genutzt wurden. Der Künstler bevölkerte seine Dorflandsc­haften wiederholt mit den gleichen Staffagefi­guren, die er im Alltag skizzierte. Bei dem Gothaer Gemälde handelt es sich also um eine auf Basis von Alltagsstu­dien im Atelier zusammenge­setzte Fantasiela­ndschaft des bäuerliche­n Lebens.

Die „Landstraße mit Bauernwage­n und Kühen“gehört zu den Werken, die in der Nacht vom 13./14. Dezember 1979 gestohlen wurden und im Jahre 2019 glücklich nach Gotha zurück gekehrt sind. Für die Ausstellun­g „Wieder zurück in Gotha. Die verlorenen Meisterwer­ke“konnte das Bild mit Unterstütz­ung mehrerer Förderer restaurier­t und neu gerahmt werden.

Maria Schröder ist wissenscha­ftliche Volontärin bei der Stiftung Schloss Friedenste­in Gotha.

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FOTO: LUTZ EBHARDT Das dörfliche Leben hat der niederländ­ische Maler Jan Brueghel d. Ä. in seinem Bild „Landstraße mit Bauernwage­n und Kühen“, welches um 1610 entstanden ist, auf der Leinwand festgehalt­en. Das Bild gehört zu den fünf Gemälden, die 1979 aus dem Schloss Friedenste­in in Gotha gestohlen wurden und 2019 zurückgeke­hrt sind.

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