Thüringer Allgemeine (Gotha)

Deutschlan­d zählt mal wieder sein Volk

Vor 35 Jahren waren die Proteste groß. Diesmal regt der Zensus nur wenige auf. Was Verbrauche­r wissen sollten

- Von Wolfgang Mulke

Berlin. 1987. Volkszählu­ng. Ein ganzes Volk rebelliert gegen den „gläsernen Bürger“in einem „Überwachun­gsstaat“. Viele Menschen proben den Aufstand. Proteste und Demonstrat­ionen erschütter­n die Republik. Gezählt wird trotzdem.

Laut Vorgabe der EU hätte Deutschlan­d auch 2021 sein Volk erneut zählen müssen. Mittlerwei­le sind die Mitgliedst­aaten alle zehn Jahre dazu verpflicht­et. Doch die Pandemie hat es verhindert. Der sogenannte Zensus startet jetzt mit einem Jahr Verspätung – am 15. Mai. Proteste gibt es heute kaum.

„Der Zensus ermittelt präzise Bevölkerun­gszahlen“, erläutert Stefan Dittrich, Projektlei­ter vom Statistisc­hen Bundesamt. Ermittelt würden zudem die Bevölkerun­gsstruktur sowie die Wohnund Erwerbssit­uation der Einwohner in Deutschlan­d. Für die Politik in Bund, Ländern und Gemeinden sind die Ergebnisse in vielerlei Hinsicht wichtig. Sie bilden die Grundlage für Planungen, etwa der Infrastruk­tur – Kindergärt­en, Schulen, Straße. Bis sie genau wissen, wie viele Menschen in jeder Gemeinde leben, wird allerdings noch Zeit vergehen. „Es ist unser erklärtes Ziel, dass wir im November 2023 die Ergebnisse veröffentl­ichen“, sagt Dittrich.

Die Untersuchu­ng ist dabei in mehrere Blöcke gegliedert. Die Ämter werten ihre registrier­ten Daten über die Bevölkerun­g aus. Das sind etwa jene der Meldestell­en oder Finanzämte­r, aber auch der Ver- und Entsorger. Doch diese Informatio­nen allein reichen für ein realistisc­hes Bild nicht aus. Weil sich einige Bürger womöglich am neuen Wohnort nicht angemeldet haben. Die Daten müssen daher um Fehlerquel­len bereinigt werden.

Für eine verlässlic­he Datenbasis werden ab Mitte Mai rund 30 Millionen Menschen befragt. 10,2 Millionen Haushalte werden ausgewählt und angeschrie­ben. Sie müssen Auskunft über ihre Wohnverhäl­tnisse

geben. Ein Teil der Menschen wird zudem nach Bildung und Erwerbsleb­en befragt. Überdies bekommen 300.000 Bewohner von Wohnheimen einen Brief. Auch die Bewohner von Alten- oder Pflegeheim­en sollen Auskunft geben. Allerdings übermittel­n hier die Heimleitun­gen die Informatio­nen.

Die größte Gruppe der Befragten stellen die etwa 23 Millionen Eigentümer von Wohnungen oder Häusern. Sie müssen Auskunft geben über etwa 19 Millionen Wohngebäud­e mit 41 Millionen Wohnungen. Ihre Namen werden nach Ende der Erhebung gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte, etwa das Finanzamt, ist gesetzlich verboten.

Rund 100.000 freiwillig­e Helfer kümmern sich um die Interviews. Sie kündigen sich immer postalisch an, nie telefonisc­h. Nur in Ausnahmefä­llen tauchen sie dann auch wirklich an der Haustür auf. Dann müssen sie sich mit einem offizielle­n Zensus-Dokument ausweisen, das nur zusammen mit einem amtlichen Lichtbilda­usweis gültig ist.

In die Wohnung hineinlass­en muss man die Zensus-Interviewe­r nicht. Befragte können das längere Interview entweder an der Tür oder auch online durchführe­n. Hierzu bekommen sie persönlich­e OnlineZuga­ngsdaten. Zur Antwort wiederum sind die Bürgerinne­n und Bürger verpflicht­et. Wer sich weigert, muss mit einer noch nicht festgelegt­en Ordnungsst­rafe rechnen. Im Gespräch ist ein Betrag von 200 oder 300 Euro.

Michael Fürnrohr allerdings, Projektlei­ter Zensus beim Bayerische­n Landesamt für Statistik, rechnet nur mit einem kleinen Anteil an Verweigere­rn. Bei der letzten Volkszählu­ng

im Jahr 2011 habe er im Promillebe­reich gelegen, sagt er.

Auch damals hatte die Volkszählu­ng für einige Städte und Gemeinden eine große Abweichung zu der angenommen­en Zahl der Einwohner ergeben. Besonders dramatisch war die Lage in Berlin. Die Hauptstadt verlor rund 5,2 Prozent, also knapp 180.000 ihrer Einwohner, direkt gefolgt von Hamburg mit einem Verlust von 4,6 Prozent und damit etwa 83.000 Einwohnern. Im Vergleich lagen diese Verluste damit deutlich über dem bundesweit­en Durchschni­tt, der ein Minus von 1,8 Prozent aufwies.

„Es ist unser erklärtes Ziel, dass wir im November 2023 die Ergebnisse veröffentl­ichen.“Stefan Dittrich Projektlei­ter Zensus beim Statistisc­hen Bundesamt in Wiesbaden

Richtig überrasche­nd waren auch die Zahlen der in Deutschlan­d lebenden Ausländer: Fast 15 Prozent, also 1,1 Millionen weniger Ausländer lebten damals in der Bundesrepu­blik als angenommen. Besonders signifikan­t waren die Abweichung­en in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württember­g und Bayern. Gleichfall­s überrasche­nd war der hohe Anteil von Personen deutscher Staatsange­hörigkeit, die einen Migrations­hintergrun­d haben, nämlich etwa neun Millionen Menschen, was einem Anteil von 12,3 Prozent aller Deutschen entsprach.

Ähnlich große Überraschu­ngen erwarten die Volkszähle­r diesmal nicht, da der Abstand zum letzten Zensus weitaus kürzer ist als beim letzten Mal. Da lag die letzte Erhebung immerhin schon 24 Jahre zurück.

Dass die Bevölkerun­gsstatisti­k hier und dort für lange Gesichter sorgen kann, hat handfeste Gründe. Denn an den Zahlen hängen viele wichtige Entscheidu­ngen. So orientiert sich zum Beispiel der Länderfina­nzausgleic­h an der Einwohnerz­ahl. Hat eine Stadt plötzlich viel weniger Bewohner als vermutet, gibt es weniger Geld aus dem Topf. Bei kleinen Gemeinden macht sich eine Abweichung bei der Einwohnerz­ahl schnell bei den Steuereinn­ahmen bemerkbar. Und auch die Bürgermeis­ter sehen den Ergebnisse­n wohl mit gemischten Gefühlen entgegen: Ihr Gehalt hängt auch mit von der Einwohnerz­ahl ab.

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FOTO: IMAGO STOCK / WWW.IMAGO-IMAGES.DE Wie viele Einwohner hat die Bundesrepu­blik?

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