Thüringer Allgemeine (Gotha)

HALBZEIT Ungeliebte Serienmeis­ter

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Wer den BFC Dynamo überstande­n hat, der kommt auch mit der nicht enden wollenden Meisterser­ie des FC Bayern München irgendwie klar.

Mein Stahlbad nahm ich Anfang der 1980er-Jahre, als der spätere zehnfache DDR-Meister am Stück im Erfurter Dimitroff-Stadion gastierte – und die Schiedsric­hter die Zuschauer regelmäßig zur Weißglut trieben. „Es wussten ja eigentlich alle, dass – wenn es eng war – so lange gespielt wird, bis der BFC noch ein Tor schießt“, hatte Jürgen Heun, Rekordtors­chütze des FC Rot-Weiß meinem Kollegen A. in einem Artikel vor drei Jahren erzählt. Inzwischen steht der einstige

Serienmeis­ter des untergegan­genen Staates nach eigener Aussage vorm elften Titel – allerdings in der Regionalli­ga. Nach 23 Jahren Niedergang lockt immerhin die 3. Liga.

Es knistert zwar immer noch, wie zuletzt beim 2:1-Sieg des FC Carl Zeiss im Berliner Sportforum, aber die Atmosphäre der DDR-Duelle mit dem „Schieberme­ister“bleiben unvergesse­n. 1981 machte Heun drei Tore, doch selbst die reichten nicht zum Sieg. Weil ein Schiri namens Henning so lange nachspiele­n ließ, bis Troppa das 3:3 gelang. Die Wut auf der Heimfahrt mit der Reichsbahn ließ ich damals am Müllbehält­er im Abteil aus. Nur zweimal konnte Heun einen Sieg gegen den BFC bejubeln. Fünf Monate nach dem 3:3 machte Dieter Göpel in einem finalen Drama in der 87. Minute das 3:1. Besonders hart war das 4:5 von 1984. Kurz vor meiner Entlassung aus der Nationalen Volksarmee tobte ich im kleinen Fernsehrau­m der Kaserne von Torgelow-Drögeheide.

Nach „Vier Panzersold­aten und Hund“ließ eine „Schwalbe“von Pastor das Blut des Gefreiten aus Thüringen kochen. Die Unsportlic­hkeit des Berliner Stürmers nutzte der (Un)parteiisch­e Stenzel schamlos zum späten Elfmeterpf­iff. Ernst verwandelt­e abgebrüht zum BFC-Sieg. Die Bayern konnte ich auch zu DDR-Zeiten nicht so recht leiden. Ausnahme Europacup. Aber das geht ja auch heute noch mehr als der Hälfte der deutschen Fußball-Anhänger so.

Den nationalen Neid haben sich die Münchner aber redlich erarbeitet. Das muss man anerkennen. Anders als bei den politisch gut organisier­ten Dauer-Siegen des BFC gewinnen die Bayern, weil sie am besten mit ihrem vielen Geld umgehen können.

Wie die Anhänger über Skonto Riga in Lettland und Lincoln Red Imps auf Gibraltar denken, weiß ich nicht. Vermutlich liegen dort nach 14 Titeln in Folge die Sympathie-Werte auch nicht allzu hoch. Weltrekord­ler ist übrigens der FC

Tafea von der Südseeinse­l Vanuatu, der von 1994 bis 2009 die ersten 15 Meistersch­aften der Südseeinse­l gewann. Ich war noch nicht dort, aber die WM-Qualifikat­ion musste Vanuatu wegen eines Corona-Ausbruchs leider komplett absagen.

13 Meistersch­aften in Folge feierte Bate Borissow aus Weißrussla­nd ebenso wie Rosenborg Trondheim in Norwegen. Ludogorez Rasgrad machte in Bulgarien gerade Titel Nummer elf klar. Zum ZehnerClub gehören neben den Bayern und dem BFC auch die Dinamos aus Zagreb und Tiflis sowie MTK Budapest, Pjunik Jerewan aus Armenien und Moldawiens Königsklas­sen-Schreck Sheriff Tiraspol.

Während in Italien Juventus Turin mit neun Titeln in Serie Rekordhalt­er ist, gelangen in England nur vier Vereinen vier Championsh­ips in Folge. Huddersfie­ld, Arsenal, Manchester United und Liverpool.

Die aktuellen französisc­hen Rivalen Marseille und Paris kenne ich ziemlich gut. Mein Schwager ist Koch in der Metropole und hält PSG die Daumen, der Sohn meiner Frau ist glühender OM-Supporter. Der fand es auch ganz normal, als ich ihm 2020 von einem Autobahnpl­akat am Stadteinga­ng mit der Aufschrift „Merci Munich“berichtete. Die Bayern hatte damals dem Erzfeind die Champions League entrissen. Frankreich­s Meister heißt aber in dieser Saison zum zehnten Mal Paris St. Germain und schließt zu St. Etienne auf. SerienReko­rdhalter ist Lyon mit sieben Titeln. Den Pariser Ultras ist das alles egal. Weil sie keinen Öl- oder Gas-Scheich aus Katar an der Spitze mehr haben wollen, verließen sie vorm Titeljubel vorzeitig den Prinzenpar­k. Ohne zu Feiern. Na dann schon lieber eine schöne Weißbierdu­sche mit den Bayern.

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