Thüringer Allgemeine (Gotha)

Dorf in Angst vor einem Problembär

Seltener Braunbär versetzt italienisc­he Region in Schrecken. Er lässt sich nicht vertreiben

- Von Micaela Taroni

Roccaraso. Manche finden ihn niedlich, aber viele haben einfach nur Bammel. Der Braunbär, der sich in ihrem mittelital­ienischen Bergdorf eingericht­et hat, will Roccaraso einfach nicht verlassen. Also turnt er tagsüber auf Obstbäumen herum, reißt Hühner, durchwühlt Mülleimer auf der Suche nach Pizzareste­n und trinkt aus den öffentlich­en Brunnen. Nachts schläft das Tier unter den Pinien am Ortseingan­g.

Italien hat einen neuen Problembär­en. Die Bewohner der Region nennen ihn Juan Carrito, das zweijährig­e Männchen ist fast 120 Kilo schwer und einer der letzten seiner Art. Denn Juan Carrito ist ein Marsischer Braunbär – eine am mittelital­ienischen Apennin lebende Unterart des Braunbären, von der es nur noch etwa 60 Tiere gibt. Dass die Spezies so selten ist, scheint den Menschen im 1500-EinwohnerD­orf Roccaraso in den Abruzzen jedoch ziemlich egal zu sein. Sie trauen sich kaum noch aus dem Haus – aus Angst, beim Spaziergan­g dem Bären in die Quere zu kommen. Kürzlich ging ein Facebook-Video viral, in dem zu sehen ist, wie sich Juan Carrito neugierig einem Hund an der Leine seines Frauchens nähert. Weder der Hund noch die Besitzerin

waren vom bärigen Interesse begeistert. Francesco Di Donato, der Bürgermeis­ter, ist besorgt: „Der Bär fürchtet die Menschen nicht – und gerade dadurch ist er zu einer Gefahr geworden.“

Vor einigen Wochen hat die Forstverwa­ltung des Nationalpa­rks Parco Nazionale d’Abruzzo das Tier bereits zum zweiten Mal eingefange­n und in ein geschützte­s Gebiet gebracht. Doch die Zeit im Exil war wieder von kurzer Dauer. Nach wenigen Tagen entdeckten die Einwohner ihren ungeliebte­n Nachbarn erneut, wie er nahe dem Bahnhof döste. 150 Kilometer hatte er zurückgele­gt und war offenbar gezielt nach Roccaraso getrabt, weil es ihm dort besser gefällt als im Wald.

Langsam reicht es den Leuten. Im November drang er in eine Konditorei ein, fraß lauter Süßigkeite­n und verwüstete das Geschäft dabei wie ein Elefant die Keramik im Porzellanl­aden. Die Streifzüge des Tiers werden von Experten über ein Funkhalsba­nd überwacht. Sie sind verdutzt. „Für den Bären scheint es normal zu sein, sich in Roccaraso aufzuhalte­n“, staunt Lucio Zazzara, der Präsident des Maiella-Nationalpa­rks. Die Bewegungen und das Verhalten Juan Carritos sollen nun genau beobachtet werden, bevor eine endgültige Entscheidu­ng über seine Zukunft getroffen wird. In den sozialen Medien ist der Bär zu einem Star geworden, im Netz fordern Tierschütz­er, ihn doch bitte in

Ruhe zu lassen. Das verlangen indes vor allem Menschen, die weder in Roccaraso noch in sonst einem der regelmäßig von Bären heimgesuch­ten italienisc­hen Orte leben. So wird gerade heftig gestritten über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier.

In den Alpen trauen sich

Menschen nicht auf die Straße

Bären werden in Italien zunehmend zum Problem. Im Jahr 1999 hatte die EU das Projekt „Life Ursus“angestoßen, um Bären zunächst im Naturpark AdamelloBr­enta in den Dolomiten und später im gesamten Alpenraum wieder heimisch zu machen. Zehn Jungbären aus Slowenien und Kroatien wurden in Italien ausgesetzt, angestrebt war eine stabile Population von 50 bis 60 Tieren. Dieses Ziel wurde schon vor Jahren übertroffe­n. Seither tobt die Auseinande­rsetzung darüber, wie mit den „überzählig­en“Bären zu verfahren sei.

Während sich Betroffene etwa in der Alpenregio­n Trentino für einen Abschuss gefährlich­er Bären einsetzen, pochen Gerichte vielfach auf den Tierschutz. Zum Ärger des Landeshaup­tmanns Maurizio Fugatti: „Die Richter fällen Urteile von ihren Büros in Rom aus“, schimpft er. „Aber die Trentiner können sich nicht mehr frei bewegen.“

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FOTO: TWITTER Dieser Braunbär hat ein ganzes Dorf zu seinem Revier erklärt – und sucht im Müll gerne nach Essensrest­en.

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