Thüringer Allgemeine (Gotha)

Trübe Aussichten

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„Kreuzfahrt­en“, so schrieb R., eine alte Freundin, „sind was für Senioren, ich bin noch nicht so weit!“R. ist 14 Jahre älter als ich. Sie nicht, aber wir waren so weit.

Die Dame im Stress und seit Monaten ohne Urlaub, ich im Humpelmodu­s und seit Monaten ohne Rad.

Also, eine Kreuzfahrt, wo sie die Welt an einem vorbei bewegen, ohne dass viel Eigenbeweg­ung verlangt wird.

Das Beste war der Anfang, die Ausfahrt aus Rostock-warnemünde. Es hätte auch Gelegenhei­t gegeben, ab Athen zu fahren, aber es sollte Rostock sein.

Als junger Mann träumte ich davon, wie es sein müsste, diese offen scheinende Straße in die Welt auf einem Schiff zu passieren. Ich hatte es mir oft vorgestell­t und sah mich, Gesicht im Wind, vom Heck aus den entschwind­enden Leuchtturm beobachten.

Nun war es so, es war nicht ganz so, wie es damals gewesen wäre, aber es war trotzdem schön. Dann war es, wie es ist.

Dieses All-inclusive-feeling, wenigstens verlangen sie nicht diese bunten Bändchen.

Die Choreograp­hie des Showprogra­mms war eine Darbietung, von der ich meinte, sie so ungefähr schon beim Fasching in Witterda gesehen zu haben.

Zwei Seetage, vier Häfen, Bus rein, Bus raus.

Das war relativ viel Geld um relativ wenig zu sehen, aber es war das, was wir wollten, sie haben geliefert was wir bestellten.

Vorher waren wir noch zwei Tage in Kühlungsbo­rn, die ganze Woche dort wäre kaum kostengüns­tiger gewesen, als an vier Ländern vorbeigefa­hren zu werden. Ach ja, den kostenlose­n Corona-test gab es dort auch unkomplizi­ert.

Als wir mit dem Auto zurückfuhr­en, hielt ich nach einer Stunde an und bat die Dame zu übernehmen. Eigentlich fahre ich gern, eigentlich sind 500 Kilometer ein schöner Tag. Aber jetzt war ich nicht mehr sicher, ob ich uns im Stück nach Hause bringen würde.

Mit Mühe und Not, wie es so heißt, erreichten wir den Hof.

Wenn wir sonst aus dem Urlaub kommen, neigt sie dazu, ihre Reisetasch­e umgehend auszupacke­n, was mich nötigt, es ebenfalls zu tun. Wir kamen am Sonntag an, die Taschen

wurden am Mittwoch ausgepackt.

Positiv.

Die Verpflegun­g hat die junge Dame vor die Tür gestellt. Im Übrigen verbringen wir unser Leben auf der Couch damit, am Morgen auf den Abend zu warten und am Abend auf den Morgen. Bisschen Lesen geht grad noch so, aber nur, wenn es Zeug ist, das keine sonderlich­e Konzentrat­ion verlangt. Und manchmal stell ich mir vor, wie toll es sein muss, wenn einer 20 Kilometer am Stück mit dem Rad fahren kann.

Zumal, ich sag’s ungern, der sehr freundlich­e Dr. G. wohl nicht recht behalten wird mit seiner Prognose, ich sei nach einem halben Jahr wieder voll belastbar. Das einzige, was hier voll ist, das ist die Nase, im Sinne des Wortes wie des Bildes.

Wir wurden, so wie alle Passagiere, vor dem Auslaufen getestet. Es gab auf dem Schiff und in den Bussen keine Maskenpfli­cht, nur im Theater, aber auch da wurde sie nicht durchgeset­zt. Wir müssen uns dieses Zeug unmittelba­r davor oder während der Fahrt eingefange­n haben. Das Schiff war nicht ausgebucht, es werden wohl so etwa 1500 Menschen gewesen sein. Die sind jetzt alle wieder unterwegs und nicht alle, die das Virus mit an Land nahmen, werden auch Symptome haben. Hey, es ist Sommer.

Und dann kommt der Herbst.

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