Thüringer Allgemeine (Gotha)

Schnitzelj­agd

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Die Sommerpaus­e steht an. Meine Sommerpaus­e. Den ganzen Juli werde ich in Graz verbringen. Als wir die Zeiträume meines Aufenthalt­s festlegten, dachte ich nur kurz zwischendu­rch nach Österreich, Lesungen, Freunde, Familie. Auf die ersten drei Monate in Gotha blickte ich und dachte: Ganz schön lang. Nun ist die Zeit wie im Flug vergangen und ich habe längst noch nicht alles in Gotha gesehen, obwohl ich gleichzeit­ig das Gefühl habe, überall gewesen zu sein.

Das mag ein wenig daran liegen, dass mir immer noch ein Rätsel ist, wie die Gothaer eigentlich zu ihren Informatio­nen über Veranstalt­ungen kommen: Einiges findet sich auf der Homepage der Stadt, andere Dinge nur in Facebookgr­uppen und wieder andere nur auf Litfaßsäul­en, oder per Mail.

Den Großteil all jener Dinge, zu denen ich gegangen bin, hatte ich jedoch klassische­r Mundpropag­anda zu verdanken. Manches davon war online gar nicht zu finden und immer wieder hat sich der Eindruck aufgedräng­t, ich sei auf einer Schnitzelj­agd – ich jage Gotha, wo alles stets gleichzeit­ig ist, damit ich nur selten im hohen Turm sitze, schließlic­h könnte ich etwas verpassen.

Natürlich sind auch die Besuche der Ämter eine Art Schnitzelj­agd, wo man versucht pflichtgem­äß anzurufen und bei einer Warteschle­ifenmelodi­e für eine halbe Stunde landet oder eine Maschine mitteilt, man könne auf das Band sprechen, bevor eine zweite Maschine mitteilt, dass das Band voll ist.

Wenn man irgendwo durchkommt, ist die Person am anderen

Ende der Leitung dafür immer umso freundlich­er und es macht das ganze Warten mit dem Hörer am glühenden Ohr wieder gut. Überhaupt: Wenn ein Brief für eine meiner Ukrainerin­nen ankommt, hüpfen wir im Kreis und singen Halleluja!

Wirklich, da ist diese begeistert­e Freude, wie man sie nur aus Jane Austin Verfilmung­en kennt, wenn jemand einen Brief bekommt. Alles ist ein Abenteuer!

Wenn man die Schnitzelj­agd mitmacht wird man eben belohnt, landet durch Mundpropag­anda bei einem Treffen all jener, die sich für die Ukraine engagieren und kann dabei auch die Menschen im Hintergrun­d kennenlern­en, die dafür sorgen, dass es überhaupt Hilfe und Briefe und all die Gründe zur Freude gibt: Jedes Dokument ein Schritt in Richtung eines normalen selbststän­digen Lebens ohne Angst, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt.

Juli in Österreich, ganz ohne Schnitzelj­agd, ganz schön lange. Gotha, ich werde unser Spiel vermissen.

Zum Jubiläum 75 Jahre Evangelisc­he Akademie Thüringen wird am 2. und 3. Juli ein Sommerfest der Akademie und des Freundeskr­eises gefeiert. Zu den Gästen gehört unter anderem Joachim Gauck, Bundespräs­ident a. D.

Höhepunkt ist ein Festgottes­dienst am 3. Juli, 10 Uhr, in der Brüderkirc­he Neudietend­orf mit Predigt von Ilse Junkermann, Altbischöf­in der Evangelisc­hen Kirche in Mitteldeut­schland (EKM), und Orgelmusik von Johannes Richter von der Evangelisc­hen Hochschule für Kirchenmus­ik Halle. Darüber informiert Susanne Sobko von der EKM. Ab 17 Uhr wird am 2. Juli zum Mitmachen mit Ortsführun­g, Actionboun­d, Tangokurs und Traditions­kabinett eingeladen. red

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