Ge­rüch­te um den Ein­zug der Rus­sen

Aus dem Ta­ge­buch der Mar­ga­re­the Behr: Ab­zug der Ame­ri­ka­ner ver­setzt im Ju­ni 1945 die Arn­städ­ter in Angst

Thüringer Allgemeine (Ilmenau) - - Ilm-kreis -

Vor 75 Jah­ren en­de­te der Zwei­te Welt­krieg. Mar­ga­re­the Behr, die Frau des da­ma­li­gen Ma­ri­en­stift­di­rek­tors, führ­te in je­ner Zeit em­sig Ta­ge­buch. Ihr Sohn Frie­de­mann Behr gab Aus­zü­ge zur Ver­öf­fent­li­chung frei, die ein Stück Zeit­ge­schich­te wi­der­spie­geln.

5. Ju­ni 1945: Nachts wie­der Si­re­nen, der Milch­hof wird zum wie­der­hol­ten Mal ge­plün­dert, die Ame­ri­ka­ner grei­fen nicht ein, schon lan­ge kei­ne Mol­ke­rei­pro­duk­te mehr. Des­we­gen ein neu­er Stadt­kom­man­dant, der sehr streng sein soll. Al­le müs­sen er­neut aufs Rat­haus, je­der be­kommt ei­nen An­hang zur Kenn­kar­te, in wel­cher Form er Na­zi war oder nicht. Die trei­ben im­mer noch ihr Un­we­sen, wie jetzt Prof. Frosch er­fah­ren muss­te. Die Ver­wun­de­ten in den Arn­städ­ter La­za­ret­ten sind näm­lich deut­sche Sol­da­ten, die beim Ein­marsch der Ame­ri­ka­ner ih­re Kriegs­ge­fan­ge­nen wur­den, so ste­hen die La­za­ret­te nun un­ter ame­ri­ka­ni­schem Kom­man­do. Die deut­schen Ärz­te, als Chef­arzt Prof. Frosch, blei­ben im Di­enst. Jetzt lag vor sei­ner Woh­nung ein Droh­brief, in dem ihm vor­ge­wor­fen wird, dass er mit der „Be­sat­zungs­macht“zu­sam­men ar­bei­tet, al­so ist er ein Volks­ver­rä­ter und soll das mit sei­ner Fa­mi­lie mit dem Tod bü­ßen, un­ter­schrie­ben „der Wer­wolf“. Der wur­de in den letz­ten Kriegs­mo­na­ten ge­grün­det und ruft die Be­völ­ke­rung auf, die „Be­sat­zer“aus dem Hin­ter­halt zu tö­ten oder zu ver­gif­ten.

Ar­chi­tekt Schwarz, der in Arn­stadt vie­le re­prä­sen­ta­ti­ve Ge­bäu­de ge­baut hat, die Sy­nago­ge, Fürst­gün­ther-schu­le oder den Milch­hof, und der in Er­furt über­lebt hat, hat fer­ti­ge Plä­ne, um das bom­ben­zer­stör­te Al­te Haus im Ma­ri­en­stift wie­der auf­zu­bau­en. Es gab ei­ne ers­te Be­spre­chung.

6. Ju­ni 1945: Neue, auf­re­gen­de Nach­rich­ten, Be­rich­te, Ge­rüch­te und Mei­nun­gen, al­les in stän­di­gem

Wi­der­spruch, Russ­land hät­te ei­ne Land­kar­te ver­öf­fent­licht, auf der Thü­rin­gen zu sei­nem Be­sat­zungs­ge­biet ge­hört und das es bal­digst be­zie­hen will. Tat­säch­lich gibt es ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen­ver­schie­bun­gen auf den Stra­ßen, aber man weiß nicht, wo­her und wo­hin. Je­den­falls er­höht das die Angst, dass sie wirk­lich ab­zie­hen könn­ten und zu uns die Rus­sen kom­men. In der Be­völ­ke­rung blan­kes Ent­set­zen. Al­le ehe­ma­li­gen Par­tei­ge­nos­sen müs­sen sich früh um sie­ben Uhr hin­ter dem Sie­mens­werk mel­den, um die dor­ti­gen Ba­ra­cken, in de­nen die so­ge­nann­ten Fremd­ar­bei­ter, von den Na­zis hier­her zur Zwangs­ar­beit in den Rüs­tungs­be­trie­ben ver­schlepp­ten Rus­sen, Po­len und an­de­re un­ter­ge­bracht wa­ren, meist auf Stroh, jetzt fau­lig, vol­ler Un­ge­zie­fer, auf­zu­räu­men und zu säu­bern.

12. Ju­ni 1945: Die Er­re­gung nimmt zu, In ei­ner Zei­tung, die ver­teilt wur­de, steht, dass Thü­rin­gen von den Rus­sen be­setzt wird, kurz dar­auf wur­de die Zei­tung be­schlag­nahmt. Je­der hofft, dass die Ame­ri­ka­ner blei­ben, fragt her­um und horcht, was nun wirk­lich wahr ist. Lei­der wahr ist, dass west­deut­sche Städ­te ih­re Bür­ger, die zeit­wei­se we­gen der Bom­ben nach Mit­tel­deutsch­land eva­ku­iert wur­den schnell zu­rück­ho­len. Das be­trifft vie­le gu­te Freun­de von Frie­de­mann in der Schu­le. Auch al­le Po­len, im Krieg hier zur Zwangs­ar­beit, zie­hen eben­falls west­wärts, aus Angst vor den Rus­sen. Und ab heu­te kön­nen Arn­städ­ter, die die durch ame­ri­ka­ni­sche Ein­quar­tie­rung Schä­den an Haus und In­ven­tar er­lit­ten ha­ben, die­se im Rat­haus an­ge­ben. Sie wer­den von den Ame­ri­ka­nern ent­schä­digt, of­fen­sicht­lich, ehe sie ab­zie­hen. Ab so­fort wer­den auch die Deut­schen aus Tsche­cho­slo­wa­kei aus­ge­wie­sen, für die, die so ge­nann­ten Su­de­ten­deut­schen, wer­den hier Quar­tie­re ge­sucht.

FO­TO: KREISARCHI­V

Die­ses Bild zeigt Us-sol­da­ten der 355. In­fan­te­rie-ein­heit der Pat­ton-ar­mee beim Ein­marsch in Arn­stadt. Nur Wo­chen, nach­dem sie ka­men, zo­gen sie auch wie­der ab.

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