Als Kom­mis­sär nach To­kio

Der Thü­rin­ger Chris­ti­an Ma­gie­ra wur­de vom Radsport-welt­ver­band für die Olym­pi­schen Spie­le und Pa­ralym­pics 2020 no­mi­niert

Thüringer Allgemeine (Weimar) - - Sport - Von Andre­as Ra­bel

Ge­ra. Der Ge­ra­er Chris­ti­an Ma­gie­ra wur­de vom Radsport-welt­ver­band UCI als Kom­mis­sär für die Olym­pi­schen Spie­le und die Pa­ralym­pics 2020 in To­kio no­mi­niert. Der 38-Jäh­ri­ge er­zählt, was sei­ne Auf­ga­ben als Ju­ry­chef und als Star­ter sind, wel­che Ent­schei­dun­gen die Ju­ry bei der Ka­li­for­ni­en-rund­fahrt tref­fen muss­te, war­um er am Flug­ha­fen schon ein­mal ab­ge­führt wur­de und wel­che Er­fah­run­gen er selbst als Rad­sport­ler mit Ju­ry­ent­schei­dun­gen hat­te.

Ge­ra hat den ers­ten Olym­pia­star­ter für To­kio 2020. Stark. Wenn Sie so wol­len, ja. Ich hab per Mail mei­ne No­mi­nie­rung für die Spie­le be­kom­men. Bei den Olym­pi­schen Spie­len bin ich Star­ter und bei den Pa­ralym­pics der Ju­ry-chef. Aber ich möch­te nicht der ein­zi­ge Ge­ra­er sein, der an To­kio ak­tiv ist. Ich hof­fe sehr, dass To­bi­as Vet­ter, der aus Ge­ra kommt, bei den Pa­ra­cy­cling-wett­kämp­fen da­bei ist und dass sich Ro­bert Förs­te­mann mit sei­nem Tand­em­part­ner für die Pa­ralym­pics qua­li­fi­ziert.

Seit 2009 sind Sie UCI-KOM­mis­sär, bei Bahn-welt­cups und Welt­meis­ter­schaf­ten wa­ren Sie schon Kom­mis­sär. Nun Olym­pia. Ein Traum?

Ja, das ist schon et­was sehr Be­son­de­res. So wie die Sport­ler nach Olym­pia stre­ben, ist der Ein­satz in To­kio auch für mich als Uci-kom­mis­sär et­was sehr Schö­nes. Als mich der Ver­band für die Welt­cups in Hong­kong und Bris­bane ein­ge­teilt hat, schwan­te mir schon, die wer­den dich doch nicht ein­fach mal so um die Welt schi­cken, und dann kam die Mail und To­kio steht in mei­nem Ka­len­der.

Auch im Ur­laubs­plan.

Auch, ja. Ich neh­me für mei­ne Rei­sen als Kom­mis­sär mei­nen Ur­laub. 2020 wird da nicht mehr viel üb­rig blei­ben.

Sie sind zu­rück von der Ka­li­for­ni­en-tour, ein Ren­nen der World Tour. Wie lief es. Hat­te die Ju­ry viel zu tun?

Oh ja, es gab schon ei­ni­ges. Al­ler­dings hat­te ich nicht den Hut auf, das war Phil­ipp Ma­ri­en …

… den Mann kennt man, seit er Welt­meis­ter Pe­ter Sa­gan bei der Tour de Fran­ce 2017 nach ei­nem Sprint­du­ell mit Mark Ca­ven­dish dis­qua­li­fi­ziert hat. Das hat schon ei­ne Wel­le ge­schla­gen. In Ka­li­for­ni­en hat sich Pe­ter Sa­gan ein­mal nicht vor der Etap­pe ein­ge­schrie­ben, er ha­be es ver­ges­sen, war ab­ge­lenkt.

Wie hat die Ju­ry ent­schie­den? Schlau. Wir ha­ben be­schlos­sen, den Fall erst am nächs­ten Tag zu ver­han­deln. Sa­gan ist die Etap­pe ge­fah­ren. Al­le ha­ben ei­ne Nacht drü­ber ge­schla­fen und er hat ei­ne Geld­stra­fe be­kom­men – das ent­spricht dem Re­gle­ment. Aber für viel mehr Auf­se­hen hat ei­ne Ju­ry­ent­schei­dung nach ei­nem Mas­sen­sturz ge­sorgt.

Er­zäh­len Sie bit­te. . . Es gab ei­nen Mas­sen­sturz 3200 Me­ter vor dem Ziel. Ei­gent­lich schreibt das Re­gle­ment vor, dass bei ei­nem Mas­sen­sturz erst ab 3000 Me­ter vor dem Ziel al­le dar­in ver­wi­ckel­ten Fah­rer auf die glei­che Zeit ge­setzt wer­den. Das war das ei­ne, dass der Sturz ei­gent­lich zwei­hun­dert Me­ter zu früh pas­siert. Das an­de­re war, dass der Füh­ren­de Te­jay van Gar­de­ren zu­vor in ei­nen Sturz ver­wi­ckelt war und sein Team EF Edu­ca­ti­on First noch da­bei war, ihn wie­der ans Feld her­an­zu­fah­ren – vi­el­leicht 200 Me­ter ha­ben noch ge­fehlt, und wir als Ju­ry ha­ben aus­ge­rech­net, dass er in je­dem Fall vor dem Ziel noch dran ge­we­sen wä­re am Feld und so kei­ne Zeit ein­ge­büßt hät­te.

Wie hat die Ju­ry ent­schie­den? Wir ha­ben al­le, die in den Mas­sen­sturz ver­wi­ckelt wa­ren, und auch den Mann in Gelb mit der glei­chen Zeit in die Wer­tung ge­nom­men. Das ent­sprach dem, was je­der in der Etap­pe ge­ge­ben hat. Wir woll­ten, dass die Rund­fahrt sport­lich ent­schie­den wird – was dann bei der nächs­ten Berg­etap­pe auch pas­sier­te , und nicht durch ei­nen Sturz. Wir ha­ben den sport­li­chen Aspekt in den Vor­der­grund ge­scho­ben. Die ei­nen ha­ben ge­ju­belt, die an­de­ren ge­schimpft. Das muss man aus­hal­ten.

Mal ab­ge­se­hen vom Fach­li­chen, nicht je­der kann als Kom­mis­sär ar­bei­ten, oder? Ge­gen­wind muss du schon aus­hal­ten kön­nen. Mir hilft es, dass mir die Na­tur ei­ne ge­wis­se Ge­las­sen­heit mit­ge­ge­ben hat. Im Prin­zip agie­ren wir Schieds­rich­ter wie die Sport­ler. Wir müs­sen fit sein, wir müs­sen Ent­schei­dun­gen tref­fen, die ei­ne gro­ße Trag­wei­te ha­ben, und wir müs­sen dann auch zu un­se­ren Ent­schei­dun­gen ste­hen. Gera­de bei den Tat­sa­chen­ent­schei­dun­gen kön­nen wir die Zeit ja nicht ein­fach zu­rück­dre­hen und noch mal ent­schei­den.

Bei den Bahn-wett­kämp­fen in To­kio sind Sie als Star­ter im Ein­satz. Spek­ta­ku­lär wird es, wenn Sie die Ren­ner zu­rück schie­ßen müs­sen …

Na­tür­lich hofft man, dass al­les glatt geht, dass nach dem Start das Ren­nen re­gel­kon­form ab­läuft. Aber für den Fall, dass es nach dem Start ei­nen Sturz gibt, dann muss ich das Ren­nen un­ter­bre­chen – auch um die Si­cher­heit der Sport­ler zu ge­währ­leis­ten.

Las­sen Sie uns doch mal ei­nen Fall kon­stru­ie­ren. Es ist Team­sprint an­ge­setzt. Der An­fah­rer kommt nicht gut aus der Start­ma­schi­ne, nach we­ni­gen Me­tern strau­chelt er. Schie­ßen Sie zu­rück? Un­ter­stel­len Sie dem Fah­rer Ab­sicht?

Ich schie­ße ab – erst recht, wenn die Kon­tra­hen­ten durch das ge­stürz­te Team blo­ckiert wer­den könn­ten. Dann kommt aber die schwie­ri­ge Ent­schei­dung, ja. Da ist gu­ter Rat teu­er, aber ei­ne Ent­schei­dung muss her – und schnell. Wir kön­nen nicht in die Köp­fe der Sport­ler schau­en – und müs­sen dann auch in ei­nem ge­wis­sen Ma­ße sub­jek­tiv ent­schei­den. Da hilft nur Selbst­ver­trau­en und Rou­ti­ne. Eins ist klar: Die Ent­schei­dung der Ju­ry geht um die Welt – vor al­lem bei Olym­pia.

Als Kom­mis­sär macht man sich ja nicht nur Freun­de?

Das muss man wis­sen, wenn man als Uci-kom­mis­sär im Ein­satz ist. Als ich 2015 in Frank­reich ei­ne fran­zö­si­sche Sport­le­rin die Bron­ze­me­dail­le im Scratch­ren­nen ab­er­ken­nen muss­te, weil sie ih­rer Kon­tra­hen­tin ins Rad ge­fah­ren war, da hat­te ich in der Hal­le erst ein­mal kei­ne Freun­de mehr.

Und Stress am Flug­ha­fen, den gibt es auch schon mal...

Sie spie­len be­stimmt auf mei­nen Flug nach Wa­les an?

Ja. Ge­nau.

Die Rei­se an sich war schon stres­sig, weil die Bahn zum Flug­ha­fen Frank­furt Ver­spä­tung hat­te. Nur Ren­ne­rei und Stress. Und als ich mit mei­nem Ge­päck die Si­cher­heits­kon­trol­le pas­sie­ren woll­te, wur­de ich ab­ge­führt. Da stan­den die Si­cher­heits­leu­te we­gen Spreng­stoff­ver­dachts mit ge­zück­ter Waf­fe bei mir. Ich war zu­vor als Star­ter im Ein­satz und muss­te sehr, sehr vie­le Ren­nen an- und ab­schie­ßen. Und da müs­sen auf mei­nem Uci-an­zug noch Schmauch­spu­ren zu fin­den ge­we­sen sein. Ich konn­te aber al­les auf­klä­ren und hab mei­nen Flug nach Car­diff noch er­wischt.

Was hat Sie be­wo­gen, un­ter die Schieds­rich­ter zu ge­hen? Mei­nen ers­ten Lehr­gang ha­be ich be­sucht, weil ich wis­sen woll­te, wie ei­ne Ju­ry ar­bei­tet, wie sie zu den Er­geb­nis­sen kommt. Ich woll­te si­cher­stel­len, dass mei­ne Sport­ler – da­mals war ich als Nach­wuchs­trai­ner beim SSV Ge­ra ak­tiv – am En­de auch auf den rich­ti­gen Plät­zen auf­ge­führt wer­den.

Wel­che Er­fah­run­gen ha­ben Sie als Rad­sport­ler mit Ju­ry-ent­schei­dun­gen ge­macht?

Nur gu­te (Lacht). Bei ei­nem Kri­te­ri­um in Wei­mar war ich ei­gent­lich ei­ne Run­de zu­rück, aber die Ju­ry hat das nicht er­kannt und mich im End­klas­se­ment mit der vol­len Run­den­zahl ge­wer­tet.

FO­TO: PE­TER MICHAE­LIS

Al­les klar, Herr Kom­mis­sar? Chris­ti­an Ma­gie­ra fährt als Uci-kom­mis­sär zur Olym­pia­de nach To­kio.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.