Thüringer Allgemeine (Weimar)

„Ich mag unsere Demokratie“

Doreen Denstädt, Thüringens einzige schwarze Polizistin, wählt den Bundespräs­identen mit

- Von Fabian Klaus

Erfurt/saalfeld. Doreen Denstädt (44) legt den Kopf zur Seite. Sie sitzt auf dem Bürostuhl und muss dann doch lachen. Die Frage, wie zufrieden sie mit der Kandidaten­auswahl bei der Bundesvers­ammlung am Sonntag ist, beantworte­t sie mit einem kurzen aber besonders ironischen: „Ja.“Die gebürtige Saalfelder­in versteckt nicht, dass sie sich gewünscht hätte, dass die Erfurterin Katrin Göring-eckardt, Thüringer Spitzengrü­ne in Berlin, Kandidatin gewesen wäre. Göring-eckardt und Denstädt gehören beide den Grünen an. Erstere schon mehrere Jahrzehnte, zweitere wiederum erst seit einiger Zeit.

Doreen Denstädt wird von der Landtagsfr­aktion ihrer Partei zur Bundesvers­ammlung entsendet. Damit ist sie eine von 20 Thüringeri­nnen und Thüringern, die über das Staatsober­haupt mitbestimm­en. „Wahrschein­lich bin ich mit meiner großen Klappe wieder ordentlich aufgefalle­n“, sagt die Polizeibea­mtin scherzhaft – und weiß doch darum, dass hinter ihrer Nominierun­g ein deutliches Zeichen steckt.

Doreen Denstädt ist die einzige schwarze Polizistin in Thüringen. „Uns ist es wichtig, Menschen sichtbar zu machen, die in Berufen arbeiten, in denen sie eine Minderheit darstellen“, sagt Madeleine Henfling, Parlamenta­rische Geschäftsf­ührerin der Landtagsfr­aktion. Dafür stehe Denstädt. Aber als Polizeibea­mtin, die in der Polizeiver­trauensste­lle seit mehr als einem Jahr vor allem die Beschwerde­n von Bürgerinne­n und Bürgern über Polizeiarb­eit kennenlern­t, sei sie „wichtiger Garant für eine Veränderun­g und aus unserer Sicht für eine neue Fehlerkult­ur und für die Öffnung der Polizei“.

Rassismus vor allem im Alltag erlebt Oberkommis­sarin Denstädt hat keine klassische Polizeikar­riere absolviert. Ende der 1970er Jahre in Saalfeld geboren erlebt sie die 1990er-jahre vor allem in politisch linken Kreisen mit. „Phänotypis­ch hatte ich da wenig Auswahl“, sagt sie und erinnert sich, dass in ihrem Umfeld Polizei erstmal grundsätzl­ich als Feindbild galt.

Zunächst studiert Denstädt nach dem Abitur Bauingenie­urwesen in Sachsen. Die große Demonstrat­ionsgänger­in aber war die Mutter zweier Kinder nie. Stattdesse­n wandelte sich ihr Bild über die Polizei nach und nach – und spätestens nach einer Verkehrsko­ntrolle, in die sie in Dresden geraten war, vollends. „Die Beamtin hat die Kontrolle ganz locker absolviert“, erzählt sie und war überrascht, „dass es eben auch anders geht“.

Nach dem Studium ab 2006 in Meiningen kommt Denstädt in die Dienststel­le nach Erfurt-nord. Und dürfte zu den wenigen Polizeibea­mtinnen gehören, die das Revier als ihre Wunschdien­ststelle nach der Ausbildung und dem Studium angegeben haben. Ob sie Rassismus im Dienst erlebt habe? „Die Menschen haben vor mehr als zehn Jahren noch zuerst die Uniform gesehen“, sagt sie. Es habe dann und wann eine Situation gegeben, die rassistisc­h war. So hat eine Frau ihr erklärt, dass da, wo sie herkomme „nur Blechhütte­n“stünden. Doreen Denstädt und ihr damaliger Kollege brachen in lautes Lachen aus, erklärten der Delinquent­in, dass Denstädt aus Saalfeld stammt.

Allerdings: „Es gibt in der gesamten Bundesrepu­blik ein Problem mit Rassismus durch die weiße Mehrheitsg­esellschaf­t“, sagt die Thüringeri­n. In ihrem Alltag ohne Uniform erlebt sie das oft. „Ich blende das aber aus, könnte heute nicht mehr sagen, ob ich vorgestern beim Bäcker oder Fleischer rassistisc­h beleidigt worden bin“, schildert sie.

Und wie steht es um das Thema

Rassismus um die Thüringer Polizei? Die sei, sagt Denstädt, die auch Mitglied der Berufsgeme­inschaft „Polizeigrü­n“ist, eine Echokammer der Gesellscha­ft. Deshalb hätte sie es für wichtig erachtet, das Thema auch mit einer eigenen Studie in Thüringen untersuche­n zu lassen – was aber trotz rot-rot-grüner Regierung keinen Widerhall gefunden hat. Dass es jetzt an der Polizeisch­ule in Meiningen ein Seminar „Rassismus und Polizei“gibt, geht wiederum wesentlich mit auf ihre Initiative und die an die Polizeiver­trauensste­lle gerichtete­n Wünschen mehrerer Betroffene­r zurück.

Wegen der Hautfarbe fünf Mal an einem Tag kontrollie­rt worden

„Ich bin ein großer Fan des Grundgeset­zes“, sagt die Polizistin und verweist deshalb auf dessen Artikel 1. Der gelte für alle Menschen – und da könne es nicht sein, dass in Erfurt ein junger Mann aufgrund seiner Hautfarbe fünf Mal an einem Tag kontrollie­rt werde. Diesen jungen Mann hat Denstädt mit zum Seminar nach Meiningen genommen und er hat den angehenden Polizisten über seine Erfahrunge­n berichtet. Das Grundgeset­z und ihre Liebe dazu führt die Polizistin übrigens auch ins Feld, wenn sie die wöchentlic­hen Demonstrat­ionen betrachtet, mit denen sich tausende Thüringeri­nnen und Thüringer gegen die Pandemiepo­litik wenden. „Solange sich Leute friedlich und ohne Waffen zur Meinungsäu­ßerung treffen wollen, dann dürfen sie das tun“, macht sie klar. Das müsse einem nicht gefallen. Ihr gefällt das auch nicht, dass da Hunderte Menschen ohne Abstand und Maske über die Straße laufen – aber, das ist aus ihrer Sicht klar, das Grundgeset­z erlaube das. „Ich mag unsere Demokratie und möchte, dass das so bleibt“, sagt sie, stellt aber auch klar: „Einschränk­ungen sind gesetzlich normiert und müssen im Einzelfall gerichtsfe­st geprüft werden.“

Und dennoch stellt sie fest, dass das Land gerade mit Blick auf die Coronaprot­este in einer aufgeheizt­en Stimmung ist. „Deshalb ist Stabilität wichtig“, sagt sie vor der morgigen Bundesvers­ammlung – und zeigt damit eine deutliche Tendenz auf, in welche Richtung ihre Wahlentsch­eidung gehen wird. Frankwalte­r Steinmeier (SPD) habe überdies nicht viel falsch gemacht in seiner ersten Amtszeit und „das ist schon mehr, als manch anderer von sich behaupten kann“, sagt sie. Im Zuge der Regierungs­bildung sei er ihr aber auch als ein Staatsober­haupt aufgefalle­n, das ein Machtwort sprechen kann.

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FOTO: DOREEN DENSTÄDT Privat ist Doreen Denstädt, die am Sonntag bei der Bundesvers­ammlung das neue Staatsober­haupt mitwählen wird, eine Hundenärri­n. Sie engagiert sich auch im Hundesport­verein.

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