Er­in­ne­run­gen zu­las­sen

Thüringische Landeszeitung (Eichsfeld) - - Erste Seite - Fa­bi­an Klaus zum 9. No­vem­ber 1989 [email protected]

Was schreibt ein Au­tor, Ge­burts­jahr 1986, zu die­sem his­to­ri­schen Tag? Viel­leicht so et­was: Ich war drei Jahre alt und fand das klas­se. Was über­haupt? Die Men­schen, die am Stra­ßen­rand stan­den und den Tra­bi-Ko­lon­nen zu­ju­bel­ten, die über die ge­ra­de ge­öff­ne­te Gren­ze fuh­ren. Die­ses Bild hat sich in mei­nem Kopf ein­ge­brannt. Ob das am 9. No­vem­ber 1989 war oder ei­ni­ge Ta­ge spä­ter oder erst zum 3. Ok­to­ber 1990? Ich kann es nicht sa­gen.

Was könn­te man aus die­sem Ju­bel­bild ab­lei­ten? Un­bän­di­ge Freu­de dar­über, dass aus dem ge­teil­ten Land wie­der ein Deutsch­land ge­wor­den ist. Herz­li­che Be­geg­nun­gen mit Men­schen, die ein­an­der vor­her nicht ge­kannt ha­ben, wur­den mög­lich. Auch die Wie­der­se­hens­freu­de mit Ver­wand­ten, die man zu­vor kaum tref­fen konn­te, weil die Mau­er da­zwi­schen stand, ge­hört zu die­ser Ära.

Und heu­te? Wir le­ben in ei­ner Zeit, in der die Fra­ge, ob die DDR ein Un­rechts­staat war, noch im­mer nicht ge­klärt zu sein scheint. Im­mer wie­der wird ei­ne neue De­bat­te dar­über ge­führt, ob den Men­schen in der ehe­ma­li­gen DDR ge­ne­rell Un­recht wi­der­fah­ren. Ja, die­se Men­schen ha­ben ei­ne Dik­ta­tur er­lebt. Zu vie­le au­then­ti­sche Ge­schich­ten und his­to­ri­sche Un­ter­la­gen be­wei­sen das ein­deu­tig. Al­les Leug­nen die­ser Tat­sa­che führt nur zu noch mehr Ver­druss und Zu­lauf für den rech­ten Rand. Wann klärt die SED-Nach­fol­ge­par­tei end­lich ihr Ver­hält­nis zum DDR-Un­recht? War­um sitzt im neu ge­wähl­ten Land­tag min­des­tens ein ehe­ma­li­ger Sta­si-Spit­zel?

Ant­wor­ten dar­auf ein­zu­for­dern ist das Recht der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on, die nicht in die­ser Zeit ge­lebt hat. Denn nur sie ist es, die die Er­in­ne­run­gen wei­ter­tra­gen kann in die nächs­te und über­nächs­te Ge­ne­ra­ti­on – da­mit die Freu­de über die Wie­der­ver­ei­ni­gung, aber auch die Er­in­ne­rung an das er­lit­te­ne Un­recht nie­mals ver­lo­ren ge­hen.

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