Vom Hoch­zeits­lied zum Wen­de-Hit

Der An­lass für den in Je­na ge­schrie­be­nen Text war völ­lig un­po­li­tisch

Thüringische Landeszeitung (Eichsfeld) - - Erste Seite -

Buß- und Bet­tag 1989. Es ist der Ab­schluss der Frie­dens­de­ka­de und die Chris­ten in Je­na ha­ben ein neu­es Lied vor sich: „Ver­traut den neu­en We­gen“. Spä­tes­tens an die­sem Tag tritt es sei­nen Sie­ges­zug an und avan­ciert für die Kir­chen in Ost und West zur Hym­ne der Wie­der­ver­ei­ni­gung. „Das Lied hat das Ge­fühl vie­ler Men­schen zu die­ser Zeit aus­ge­drückt“, kon­sta­tiert Jo­chen Ar­nold, Vor­sit­zen­der der Lit­ur­gi­schen Kon­fe­renz der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land.

Ge­schrie­ben hat den Text KlausPe­ter Hertzsch (1930-2015), da­mals Theo­lo­gie-Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Je­na. Und der ei­gent­li­che An­lass war völ­lig un­po­li­tisch: Die Hoch­zeit sei­nes Pa­ten­kin­des in

Ei­se­nach, wie von Hertzsch über­lie­fert ist. An­fang Au­gust 1989 wur­de es bei der Trau­ung erst­mals ge­sun­gen zu ei­ner Me­lo­die aus dem 17. Jahr­hun­dert. Schon da sol­len die Lied­zei­len et­li­che Gäs­te so be­rührt ha­ben, dass sie die Lied­blät­ter in ih­re Ge­mein­den mit­nah­men.

Denn das Bild der „ neu­en We­ge“taug­te nicht nur für das frisch ver­mähl­te Paar, son­dern auch für Mil­lio­nen Deut­sche auf dem Weg in die fried­li­che Re­vo­lu­ti­on und die Wie­der­ver­ei­ni­gung. „ Wer auf­bricht, der kann hof­fen in Zeit und Ewig­keit. Die To­re ste­hen of­fen. Das Land ist hell und weit“dich­te­te Hertzsch in der 3. Stro­phe.

Bin­nen kur­zer Zeit wur­de das Lied so po­pu­lär, dass es ins neue

Evan­ge­li­sche Ge­s­ang­buch ge­hievt wur­de, ob­wohl die Frist schon ab­ge­lau­fen war. „Wir Chris­ten ste­hen mit die­sem Lied im­mer wie­der am Schar­nier zwi­schen Got­tes­dienst und Welt, Sonn­tag und All­tag“, re­sü­miert Ar­nold. Denn die po­li­ti­sche Ak­tua­li­tät der Zei­len sei mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht ver­blasst, et­wa wenn es in der 2. Stro­phe heißt: „ Gott will, dass ihr ein Se­gen für sei­ne Er­de seid.“Hier sieht Ar­nold An­knüp­fungs­punk­te et­wa zur Fri­days for Fu­ture-Be­we­gung. „Das Lied sagt uns bei­des: Wir ha­ben ei­ne Ver­ant­wor­tung, die wir wahr­neh­men müs­sen, und wir sind in Got­tes Hand, auch wenn vie­le The­men wie der Kli­ma­wan­del uns exis­ten­zi­ell be­drän­gen.“

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