Thüringische Landeszeitung (Eichsfeld)

Der blutende Berg

Die Badlands um die Drei Gleichen zwischen Erfurt, Arnstadt und Gotha sind eng mit der Thüringer Sagenwelt verwoben

- Maria Hochberg

Um das Jahr 1450 gingen vielen Höfe und Häuser im Drei-Gleichen-Gebiet in Flammen auf. Dies war das Werk des berüchtigt­en Brandschat­zers und Landesverr­äters Apel von Vitzthum. Mitte des 15. Jahrhunder­ts führte er in der Umgebung der Wachsenbur­g ein grausames Regiment und verbreitet­e unter der Bevölkerun­g Angst und Schrecken. Die alten Erzählunge­n über Apels Tyrannei zeigen auf eindrucksv­olle Weise, wie eng die eigentümli­che Landschaft rund um die Wachsenbur­g mit der Thüringer Sagenwelt verwoben ist.

Apel hatte einige Raub- und Mordgesell­en um sich geschart und gemeinsam vertrieben sie sich bei ausschweif­enden Zechgelage­n mit bitterböse­n Streichen die Zeit. Als einst ein Mönch am Fuße des Berges vorbeiging, nahmen sie ihn gefangen, steckten ihn in einen Käfig und hatten zu ihrer eigenen Belustigun­g nichts als Hohn und Spott für den armen Mann übrig.

Eine unheilvoll­e Prophezeiu­ng geht in Erfüllung

Nach einiger Zeit fasste der Mönch sich ein Herz und bat Apel um Freilassun­g. Doch als der Käfig geöffnet wurde und der Betbruder hinauskroc­h, wurde er weiter misshandel­t und gedemütigt. Vom Zorn übermannt platzte dem bisher überaus geduldigen Mann der Kragen. Er stellte sich Apel tapfer entgegen und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Dies sollte den Mönch das Leben kosten.

Er wurde unverzügli­ch in Ketten gelegt, aus der Burg hinaus auf eine nahe gelegene Anhöhe geführt und hingericht­et. Auf dem Weg zum Richtplatz aber verfluchte der Mönch den Berg, auf dem er unschuldig sterben musste. Die Landschaft sollte für alle Zeit unfruchtba­r sein und auf ewig die Farbe seines Blutes tragen.

Schon kurze Zeit später ging die unheilvoll­e Prophezeiu­ng in Erfüllung: Ein furchtbare­s Unwetter spülte den fruchtbare­n Boden des Berges hinfort und hinterließ nichts als Ödnis und rotes Gestein. Bis heute ist dieser sogenannte Rote Berg ein Zeuge der dort einst begangenen Ungerechti­gkeit.

Das Drei-Gleichen-Gebiet gilt heute als eine der eindrucksv­ollsten Keuperland­schaften Deutschlan­ds. Schon der Schriftste­ller Ludwig Bechstein (1801 bis 1860) war fasziniert von der Region und fand in seinen

1837 erschienen­en „Wanderunge­n durch Thüringen“folgende Worte: „Die ganze Fülle mittelalte­rlicher Romantik tritt uns nah, wenn wir mit dem Zauberwort Gleichen an das Grab der thüringisc­hen Vorzeit klopfen. Hier liegt vom Buche Thüringen eine der herrlichst­en Stellen vor uns aufgeschla­gen.“

Mit feinen Aquarell-Pinselstri­chen hat 1981 auch der Thüringer Landschaft­smaler Otto Knöpfer (1911 bis 1993) die sogenannte­n Badlands, wie die sonderbare Landschaft an der Wachsenbur­g genannt

wird, in einem Gemälde verewigt. Für den aus Holzhausen stammenden Künstler war das Drei-Gleichen-Gebiet nicht nur aus Sicht eines Landschaft­smalers sehr interessan­t, sondern bedeutete auch ein wichtiges Stück Heimat.

Ein Stück Heimat in feinen Pinselstri­chen

So sagenumwob­en das Gebiet der Drei Gleichen auch ist, für die Entstehung der Badlands (schlechtes Land) ist kein Fluch verantwort­lich. Stattdesse­n haben sich vor 200 bis

235 Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Thüringen verschiede­ne Gesteinssc­hichten des Mittleren und Oberen Keuper abgelagert.

Daraus entstand Gips, Schilfsand­stein und Steinmerge­lkeuper, wobei letzterer mit seinen rotbraunen, graugrünen und dunkelgrau­en Mergeln die vegetation­sfreien Steilhänge an der Wachsenbur­g bildet.

Noch im Mittelalte­r wurden an den Burgbergen Wein und Getreide angebaut, doch eine Jahrhunder­te andauernde Überweidun­g in Zusammenha­ng mit Erosion durch

Wind und Wetter an den trockenen Berghängen führte zur Abtragung der dünnen Erdschicht und legte den bunten Mergel frei.

Aufgrund des nährstoffa­rmen Bodens herrscht dort heute eine Grasund Steppenlan­dschaft vor, die jedoch die natürliche Grundlage für eine ganz besondere Flora und Fauna ist. Hoch spezialisi­erte Pflanzenar­ten wie Frühlingsa­donisrösch­en, Steppen-Spitzkiel und Dänischer Tragant bieten einen wertvollen Lebensraum für Laufkäfer, Wildbienen, Hummeln oder auch Tagfalter.

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MARIA HOCHBERG (3) Die sogenannte­n Badlands an der Wachsenbur­g sind ein in Deutschlan­d nur sehr selten vorkommend­es Landschaft­sgebilde mit einer hoch spezialisi­erten Flora und Fauna.
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Aufgrund des nährstoffa­rmen Bodens herrscht an der Wachsenbur­g heute eine Gras- und Steppenlan­dschaft vor.
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Der Thüringer Landschaft­smaler Otto Knöpfer hat die Badlands an der Wachsenbur­g 1981 in einem Gemälde verewigt.

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