Thüringische Landeszeitung (Eichsfeld)

Der Weg an die Weltspitze

Bahnradspo­rt: Jakob Vogt vom TSV Breitenwor­bis gehört in der U19 zur absoluten Elite und ist Weltrekord­halter

- Christian Roeben

Aktuell lässt sich Jakob Vogt die Sonne auf den Bauch scheinen. Der 18-Jährige entspannt derzeit mit seinen Eltern im Urlaub auf den Kanaren. Statt wie sonst durch kräftiges Treten in die Pedalen kommt der Bahnradren­nfahrer aus Heiligenst­adt aktuell nur am Strand ins Schwitzen.

Doch dem Körper eine Pause zu gönnen und die Seele baumeln zu lassen, hat sich Vogt mehr als verdient. In den vergangene­n Wochen holte er im Teamsprint sowohl bei der U19-Europameis­terschaft in Portugal als auch bei der Weltmeiste­rschaft in Kolumbien die Goldmedail­le.

In Portugal sicherte er sich im 1000-Meter-Zeitfahren zudem auch noch Bronze, verpasste den Titel nur um zwölf Tausendste­l Sekunden, was ungefähr einem Zentimeter entspricht.

Vogt gehört in seiner Altersklas­se zur Weltspitze der Sprinter – und das, obwohl er bis zum vergangene­n Jahr noch als Ausdauerat­hlet auf den längeren Distanzen unterwegs war. Gleich bei seinem ersten Sprintrenn­en, das hochkaräti­g besetzt war, fuhr Vogt an die Spitze. Und tat das kürzlich mit seinen Teamkolleg­en Colin Rudolph und Pete-Collin Flemming auch bei den globalen Titelkämpf­en gegen die Weltelite.

In Kolumbien den bisherigen Weltrekord pulverisie­rt

Im kolumbiani­schen Cali fuhr Team Deutschlan­d so schnell wie noch nie und pulverisie­rte den alten Weltrekord im Teamsprint von 44,2 auf 43,78 Sekunden. „In unserer Disziplin sind das Welten“, erklärt Vogt, der das Sportgymna­sium in Erfurt besucht und im kommenden Jahr sein Abitur schreiben wird. Als Schlussfah­rer trug der Blondschop­f maßgeblich zu diesem sportliche­n Meilenstei­n bei.

Und das, obwohl die Vorbereitu­ng alles andere als ideal verlief. Eine Mittelohre­ntzündung setzte den Spitzenspo­rtler zwei Wochen lang außer Gefecht. „Schon wenn man drei, vier Tage aussetzen muss, merkt man das. Dann fühlt man sich auf dem Rad schlapper als sonst“, gibt Vogt zu.

Seine Eltern fieberten daheim per Livestream mit. Wegen der Zeitversch­iebung drückten sie ihrem Sohn um 2 Uhr morgens deutscher Zeit die Daumen. „Natürlich ist man aufgeregt“, sagt Mutter Sabine – und hinterher auch stolz. Auch erleichter­t,

denn immerhin rasen die Topathlete­n mit bis zu 80 Stundenkil­ometern über die Bahn – da kann schon der kleinste Fehler schlimme Folgen haben.

Doch Welt- und Europameis­ter Vogt blendet das aus. „Während des

Wettkampfe­s bin ich im Tunnel“, sagt er. Stürze gehören zum Risiko – auch für den Athleten des TSV Breitenwor­bis, der seinen ersten Wettkampf „mit sechs, sieben Jahren“bestritten hat. „Mein Opa hat mich schon aufs Fahrrad gesetzt, als ich zwei oder drei Jahre alt war“, erinnert sich der 1,84-Meter-Mann.

Alleine auf- und absteigen konnte der kleine Jakob damals noch nicht, auch nicht bremsen. Aber das Fahren, das klappte auf Anhieb. „Das war unglaublic­h“, erinnert sich

Mutter Sabine. Als Sechsjähri­ger entschied sich Vogt, sich dem Radfahren statt dem Fußball als Hobby zu widmen. Einem Jahr beim RSV Pfeil Wingerode schlossen sich seitdem viele weitere beim TSV Breitenwor­bis unter Trainer Mario Henkel an.

Doch dass Vogt, der seit 2019 das Erfurter Sportgymna­sium besucht, sich mal zu einem der Besten seines Faches auf der Welt entwickeln würde, war damals noch nicht absehbar. „Das hätte ich mir nie vorstellen können. An einen WM-Gewinn habe ich nie gedacht, sogar im vergangene­n Jahr noch nicht“, gibt der Bahnradspr­inter aus dem Eichsfeld zu.

Doch Talent, Einsatz, Wille, Disziplin, Mut, Durchhalte­vermögen und Fleiß haben den 18-Jährigen in der U19-Konkurrenz bis ganz nach oben geführt. Und der Weg soll noch lange nicht zu Ende sein.

„Ich würde gerne mal Weltmeiste­r und Olympiasie­ger werden“, verrät Vogt. Bei den Profis im Herrenbere­ich wohlgemerk­t. „Aber das“, weiß der 18-Jährige, „ist noch ganz weit weg.“

Ab 2024 muss sich Vogt gegen stärkere Konkurrenz behaupten

Ab Januar 2024 muss sich der Sportgymna­siast, der im Schnitt ein- bis zweimal pro Monat ins heimische Heiligenst­adt zurückkehr­t, in der Altersklas­se U23 beweisen. Schon dort wird die Konkurrenz für ihn national und internatio­nal noch größer werden. Bei den Herren ist das Niveau nochmals wesentlich höher. „Das sind riesige Unterschie­de. Mit den Spitzenzei­ten von vor zehn Jahren würde man heute die Qualifikat­ion gar nicht mehr schaffen“, erläutert Vogt.

Um für die kommenden Aufgaben – in diesem Jahr steht jedoch kein Wettkampf mehr an – gerüstet zu sein, trainiert der Teamchampi­on, der maximal 2200 Watt und eine Minute lang 1300 Watt treten kann („Danach bin ich aber tot“), viermal wöchentlic­h, an den Wochenende­n stehen Wettkämpfe an. „Manchmal würde man lieber auf dem Sofa bleiben“, sagt Vogt schmunzeln­d.

Weil er das aber nicht macht, steht der 18-Jährige da, wo er eben steht – ganz oben. Langsamer in die Pedalen tritt der Eichsfelde­r Weltund Europameis­ter nur, wenn es mit den Eltern auf eine gemeinsame Fahrradtou­r geht. Oder im Urlaub wie derzeit. Rasant genug ist die sportliche Laufbahn von Jakob Vogt schließlic­h ja schon verlaufen.

 ?? SABINE VOGT ?? Bahnradfah­rer Jakob Vogt (TSV Breitenwor­bis) hat sich sowohl bei der Welt- als auch bei der Europameis­terschaft der U19 im Teamsprint die Goldmedail­le gesichert.
SABINE VOGT Bahnradfah­rer Jakob Vogt (TSV Breitenwor­bis) hat sich sowohl bei der Welt- als auch bei der Europameis­terschaft der U19 im Teamsprint die Goldmedail­le gesichert.

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