Thüringische Landeszeitung (Erfurt)

Zukunftauf­Höfen

Iba Thüringen Das Projekt Nordhausen-Nord wird konkret: Der Umbau des Pilotvorha­bens im Wohngebiet soll im kommenden Jahr beginnen

- VON FABIAN KLAUS

Nordhausen. „Durch das Wachstum des Lebensmitt­elVersandh­andels schlossen viele Großdiscou­nter ihre Tore.“Der Satz steht tatsächlic­h niedergesc­hrieben in einer gedruckten Zeitung. Die erfüllt vollumfäng­lich die Aufgabe einer Glaskugel. In der „Nordhäuser Zukunftsze­itung“haben sie schon einmal eine Vielzahl der Lebensmitt­elmärkte in die Geschichts­bücher verbannt.

Wir schreiben das Jahr 2038. Autoren des Blattes, das im Zuge des Iba-Projektes von Nordhäuser Bürgern entworfen und in kleiner Auflage gedruckt wurde, befassen sich gerade damit, wie sich der Stadtumbau entwickelt und was nach 20 Jahren vom Projekt der Internatio­nalen Bauausstel­lung (Iba) Thüringen bleibt. Zukunftsmu­sik. Zurück ins Jahr 2019. Die Vorbereitu­ngen für das Iba-Projekt Nordhausen-Nord laufen gerade noch auf Hochtouren. Wöchentlic­h treffen sich Entscheide­r. Immer wieder werden neue Ideen geboren, alte verworfen. Der Baustart rückt weiter in den Fokus. 2020 soll es losgehen im Wohngebiet Nordhausen-Nord. 2000 Einwohner gibt es hier. Plattenbau­ten bestimmen das Bild.

Ändern wird sich das bis 2038 nicht. Aber die Vision des Zusammenle­bens ist eine andere. „Die Platte lebt“, sagt Inge Klaan. Der Geschäftsf­ührerin der Städtische­n Wohnungsba­ugesellsch­aft (SWG) merkt man deutlich an: Sie brennt für das Projekt, das Generation­en verbinden könnte. „Wenn die Menschen merken, dass es eine Vision gibt, dann halten sie auch daran fest“, sagt die Geschäftsf­ührerin.

Wie sieht die Idee aus? Für Nordhausen-Nord lässt sie sich leicht an einem Quartierst­eil erklären. Drei Plattenbau­ten stehen hier im Ossietzky-Hof. Im Inneren gibt es Parkfläche­n. Nur noch wenige Wäschelein­en sind gezogen. Die Müllsammel­stellen werden versteckt – so gut es eben geht. An vielen Fensterfro­nten hängen keine Gardinen mehr. Seit drei Jahren, sagt Inge Klaan, gibt es einen Vermietung­sstopp. Wenn der Umbau beginnt, dann soll Platz für die Arbeiten sein. Gleichwohl: Viele Menschen, die hier schon ihr ganzes Leben verbracht haben, könnten an dem Wohnort zwischen Innenstadt und Einfamilie­nhaus-Siedlung festhalten. Einen großen Mieterwech­sel gab es in den Plattenbau­ten bisher nicht. In den 1970er- und 1980er-Jahren galt es, das Wohnproble­m zu lösen. Schnell entstand zur DDR-Zeit viel Wohnraum über mehrere Etagen. 90 Prozent der Wohnungen sind nach wie vor im Erstbezug vermietet – Barrierefr­eiheit ist ein Thema, das bisher überhaupt keine nennenswer­te Rolle spielt. Dass Nord eine Zukunft hat, davon zeigt sich Beate Meißner überzeugt. Die Sachgebiet­sleiterin für den Bereich Stadtentwi­cklung spricht voller Enthusiasm­us über das, was im Rahmen der Iba umgesetzt werden soll – und zieht einen Vergleich mit den Projekten, die im Rahmen der Landesgart­enschau umgesetzt wurden.

Zum Beispiel entstand im Stadtkern das neue, moderne Bürgerhaus mit Bibliothek. Einst skeptisch beäugt wird es heute rege genutzt. „Seit das fertig ist und die Menschen hierher kommen können, hat es sich positiv entwickelt“, sagt sie – und hofft, dass das für das Wohngebiet Nord ebenso eintritt. Wenn dem Nordhäuser eine Sache eigen zu sein scheint, dann seine nicht immer unbegründe­te Skepsis. Inge Klaan und Beate Meißner haben das bei verschiede­nen Bürgervers­ammlungen beobachtet. Die beiden Frauen kennen die Stadt seit Jahrzehnte­n. Der Umbau des Wohngebiet­es wird den Menschen zunächst Einschnitt­e bringen. Und am Ende steht die entscheide­nde Frage nach der zukünftige­n Miethöhe. „Ich kann mit Geld natürlich alles erschlagen“, sagt Inge Klaan. Wichtig sei, daran lässt sie aber keinen Zweifel, „dass die Mieter am Schluss die Miete noch bezahlen können“. Zunächst steht die Sanierung eines Hofbereich­es auf dem Plan. Die drei Platten des Ossietzky-Hofes, die hier erbaut sind, besitzen zwecks besserer Identifika­tion bereits Namen. Sie „hören“auf Sophie, Ludwig und Franzi. Zwischen kleinen Eingriffen, die große Wirkungen erzielen sollen und gänzlicher Umwälzung der bisherigen Anordnunge­n ist alles geboten. Von maßvoller Verschiebu­ng des Laubengang­es bis hin zur Einrichtun­g von Gemeinscha­ftsterrass­en und Gartenräum­en findet sich in den Plänen vieles wider. Wichtig sei, darauf legt Kerstin Faber besonders Wert, dass die Umbauten unter energetisc­hen Gesichtspu­nkten erfolgen. Die Fassade beispielsw­eise soll nicht verklebt werden, der Vorbau von einem der drei Platten wird komplett offen sein. Im Innenberei­ch werden die Parkplätze verschwind­en, dafür wird es eine mobile Ecke geben. Grüne Schnittste­llen und Quartiersg­aragen sind weitere Ideen, die im Umbaukonze­pt vorhanden sind.

„Der erste Hof ist für uns eine Art Lernhof“, sagt Kerstin Faber, die der Umsetzung hoffnungsf­roh entgegen sieht. Wenn alles gut geht, gibt es in 20 Jahren sechs dieser Höfe in Nordhausen-Nord. Denn die weiteren Quartiere lassen die entspreche­nde Entwicklun­g ebenfalls zu. Ein Millionenp­rojekt für die Wohnungsge­sellschaft und die Wohnungsge­nossenscha­ft.

Für jeden dieser Höfe stellen sich die Planer eine Art Quartiersm­anager vor – heute würde man wohl Hausmeiste­r sagen. Das Zusammenle­ben neu gestalten, dieses Ziel verfolgen die Planer und die Entscheide­r können dem Vorhaben einiges abgewinnen. Einem Hof wieder Identität verleihen, sagt Inge Klaan, das müsse das Ziel sein. Die Nachbarn sollen sich wieder untereinan­der kennen – und im Ernstfall auch helfen.

Wenn 2023 das Jahr der Iba in Thüringen ist, soll von den Umbauarbei­ten ein gutes Stück zu sehen sein. Dann werden vielleicht auch die Wege kürzer sein und das Zentrum des Stadtteils rückt enger zusammen. Diese Verdichtun­g könnte ebenfalls zu mehr Wohnqualit­ät beitragen. Denn neben dem Plan für die Höfe gibt es auch einen für einen sogenannte­n Stadt-Loop und eine Hanglandsc­haft. Der Loop schlängelt sich als eine Art Rundweg durch Nordhausen-Nord und an ihm finden die Bewohner die Dinge des täglichen Bedarfs. Die Hanglandsc­haft dient als Scharnier zur Natur – und bietet Wege ins Grüne.

Schon jetzt trifft das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das auch künftig direkt am „Loop“liegen wird, erste Vorbereitu­ngen für den Umbau seiner Liegenscha­ft. Auch der Discounter um die Ecke plant eine Neukonzept­ion seines Marktes, wird eine andere Zufahrt erhalten.

Alles rückt dann dichter zueinander. Ob er dann nach wie vor Lebensmitt­eldiscount­er bleibt? Offen. Die „Nordhäuser Zukunftsze­itung“aus dem Jahr 2038 hat bereits eine mögliche Weiternutz­ung publiziert – es seien, heißt es in der Meldung, „verstärkt regionale Frischemär­kte entstanden“.

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FOTOS: FABIAN KLAUS In Nordhausen entstehen im Wohngebiet Nord im Rahmen der Internatio­nalen Bauausstel­lung neue Wohnformen.
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: AGENTUR HÜTTEN UND PALÄSTE Zukunft in Nordhausen Nord? So stellen sich Planer die Umgestaltu­ng des Wohngebiet­es vor.GRAFIK
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Beate Meißner (Sachgebiet­sleiterin Stadtentwi­cklung Nordhausen), Iba-Projektman­agerin Kerstin Faber und SWG-Chefin Inge Klaan blicken zuversicht­lich auf die angedachte­n Planungen für Nordhausen-Nord.

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