Thüringische Landeszeitung (Erfurt)

Erstmals wieder Wasser aus Naturstein­brunnen geschöpft

Sonntagsve­rgnügen beim 18. Markttreib­en im Vierseitho­f der Heiligen Mühle im Erfurter Norden

- VON HEIDRUN LEHMANN

Erfurt. Regina und Peter Baumann aus Großneuhau­sen gehörten zu den Gästen, die nicht zur eigentlich­en Geburtstag­sfeier von Edeltraud Axthelm anwesend sein konnten. Da alle drei auf die Musik von „Mr. Sax-OVoice“in Person von Andreas Kleinsteub­er schwören, folgten sie mit Vergnügen der Einladung zum 18. Großen Mühlenmark­t in der Heiligen Mühle im Erfurter Norden. Dabei kamen sie zugleich in den Genuss einer weiteren Besonderhe­it. Denn Hobbymülle­r Jürgen Naue öffnete seit ewig langen Zeiten mal wieder das Brunnenhau­s und schöpfte aus bis zu acht Metern Tiefe Grundwasse­r aus dem naturstein­ernen Brunnen mit einem Durchmesse­r von 1,30 Metern. Laut Jürgen Naue besitze das geschöpfte Nass fast Trinkwasse­rqualität, was eine Labor-Analyse bestätigte.

Brunnen geriet lange Zeit in Vergessenh­eit

Irgendwie sei der Brunnen bei den üblichen Führungen durch die vollständi­g erhaltene Mühlentech­nik zur Perlgraupe­nproduktio­n aus Gerste im 19. Jahrhunder­t mit den drei unterschlä­chtigen Wasserräde­rn in Vergessenh­eit geraten, räumt der Hobbymülle­r ein. Der Brunnen verrichtet­e allerdings seine Dienste bereits im 16. Jahrhunder­t, als die Heiligen Mühle (benannt nach dem damaligen Besitzer Caspar Heiling) noch als Papiermühl­e fungierte. Kein Geringerer als Friedrich Schiller wusste die Qualität dieses Produktes zu schätzen, ergänzte Wilhelm Weiße, der Näheres zur Geschichte des Brunnens zu erzählen wusste. So legten Napoleons Soldaten das Ilversgeho­fener Gehöft 1813 in Schutt und Asche, wobei auch der Brunnen verschütte­t wurde. Jürgen Naue aus dem seit 180 Jahren bestehende­n Betrieb in den Händen der Familie Naue, habe den handgeschi­chteten, nicht gemauerten Brunnen 2002 eigenhändi­g wieder freigelegt, so dass dieser mit dem Brunnenhau­s zumindest als Anschauung­sobjekt wieder besichtigt und das Schöpfen des Wassers mittels des Siebsaugto­pfes verfolgt werden kann. Wilhelm Weiße verwies zudem auf die einstige Antriebste­chnik per Transmissi­on durch eine Saugpumpe, an der Nordfassad­e der Heiligen Mühle zu sehen.

Der 82-Jährige präsentier­te sich übrigens bis vor einigen Jahren mit einer Haushaltsa­usstellung innerhalb der Exposition zur Geschichte des Erfurter Ortsteils Ilversgeho­fen in der Heiligen Mühle. Die Sammlung könne jetzt in der Wassermühl­e in Mühlberg unterhalb der Dreigleich­en besichtigt werden. Von Mühlenmark­t in der bisherigen Form konnte allerdings am Sonntag keine Rede sein, wie Karl Friedrich Naue, weithin nur als „Karli“bekannt, bedauerte. Vor wenigen Wochen flatterte ihm ein Bescheid der Stadt ins Haus, wonach Markttreib­en mit Verkauf (etwa von Handwerksk­unst) aufgrund des Ladenschlu­ssgesetzes untersagt sei. Lediglich ein Stand mit handgemach­ter Bäckerware (also jenes, was zum Verzehr geeignet sei) und ein Flohmarkts­tand wurde der Familie gestattet. Das sei wohl der „neuen Kulturpoli­tik“zu verdanken, ärgert sich das Familienob­erhaupt des Drei-Mann-Kulturbetr­iebes mit Christa Grams und Sohn Jürgen. Das nächste Hoffest in der Heiligen Mühle gibt es zum Tag des offenen Denkmals am 8. September ab 10 Uhr mit Ludowig dem Lutenslahe­r, Naue’s House Band und Brunnenhau­sführungen von Wilhelm Weiße

 ?? FOTO: HEIDRUN LEHMANN ?? Edeltraud Axthelm sowie Regina und Peter Baumann (ganz rechts) lauschten den Erläuterun­gen von Jürgen Naue zum Wasserschö­pfen im eigenen Hausbrunne­n.
FOTO: HEIDRUN LEHMANN Edeltraud Axthelm sowie Regina und Peter Baumann (ganz rechts) lauschten den Erläuterun­gen von Jürgen Naue zum Wasserschö­pfen im eigenen Hausbrunne­n.

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