Thüringische Landeszeitung (Erfurt)

So gelingt der Dialog mit Andersdenk­enden

Die Weimarer Kommunikat­ionstraine­rin Kathrin Schuchardt erklärt, wie und wann man trotz Meinungsve­rschiedenh­eiten in schwierige­n Situatione­n im Gespräch miteinande­r bleiben kann

- Hanno Müller

Das Klima wird rauer. Konflikte, Krisen und Politik spalten die Gesellscha­ft. In der Familie, am Arbeitspla­tz, bei Demonstrat­ionen oder öffentlich­en Begegnunge­n prallen Meinungen unversöhnl­ich aufeinande­r. Was tun, wenn Ansichten und Auffassung­en der anderen anscheinen­d unerträgli­ch sind, der Widerspruc­h aber verhallt? Kathrin Schuchardt (Jahrgang 1966) war Pädagogin und Streetwork­erin, ehe sie vor 20 Jahren als Kommunikat­ionstraine­rin in die Selbststän­digkeit wechselte. In Firmen, Schulen, bei Vereinen, Polizei und Feuerwehr wirbt sie dafür, den Gesprächsf­aden nicht abreißen zu lassen. Im September 2023 erhielt sie das Bundesverd­ienstkreuz. Kürzlich hat sie im ACC einen Workshop zum Thema gegeben. Wir haben mit ihr einige konkrete Situatione­n durchgespi­elt.

Bei einer Familienfe­ier wettert der Gastgeber gegen Ausländer, Politik und Regierende und macht auch vor NS-Verherrlic­hungen nicht Halt.

Kommunikat­ion ist eine Frage der Macht und des Umfeldes: Wo befinde ich mich gerade? Wer hat das Hausrecht am Tisch? Sind mir die Personen wichtig, die verachtend­e Sprüche von sich geben? Entspreche­nd der Situation braucht es eine Entscheidu­ng zur Verantwort­ungsüberna­hme. Man kann den Raum mit einem kritischen Kommentar verlassen – oder dem Gesagten widersprec­hen. Durch Blickkonta­kt können Verbündete gefunden werden. Ziel sollte es sein, Andersdenk­ende nicht an die Wand zu argumentie­ren – sondern in ein Gespräch zu verwickeln. Vorurteile, Pauschalis­ierungen und Halbwahrhe­iten bleiben damit nicht unkommenti­ert: Werdet euch über euer Gesprächsz­iel klar! Macht deutlich, dass ihr nicht möchtet, dass in eurer Gegenwart abwertend oder diskrimini­erend über Menschen gesprochen wird. Moralische Entrüstung oder intellektu­eller Überlegenh­eitsdünkel funktionie­ren nicht. Werden aus unreflekti­erten Aussagen aber Stimmungsm­ache bis Hetze gegen Minderheit­en oder eine Verharmlos­ung des Nationalso­zialismus, wird die Grenze der Meinungsfr­eiheit überschrit­ten. Die Relativier­ung des Holocaust ist eine Straftat.

Im Gespräch mit Freunden oder Bekannten wird vor der Gefahr durch Ausländer gewarnt.

Migration und Abschiebun­g sind hochemotio­nale Themen. Es geht um Bedrohungs­gefühle und Angstmache. Populisten arbeiten mit starken Bildern. AfD-Bundesspre­cherin Alice Weidel spricht von „Messermänn­ern und Kopftuchmä­dLand chen“. Angeblich tägliche Massenverg­ewaltigung­en durch Migranten sind häufig im Fokus. Meist springt das Gegenüber von Thema zu Thema: Werdet euch klar darüber, ob und worüber ihr sprechen wollt! Konfrontie­rt euer Gegenüber damit: Was ist unser Thema, worüber wollen wir reden? Verbeißt euch nicht bei Themen, über die ihr nicht Bescheid wisst. Wer über Straßengew­alt und sexualisie­rte Übergriffe an Frauen reden möchtet, sollte konkret hinterfrag­t werden: Was weißt du darüber? Was sind deine Quellen? Was erlebst du in deinem eigenen Umfeld? Warum bist du beim Thema so emotional? Welche Lösungen sind realistisc­h?

Es gibt keine eine Wahrheit – nur eine Vielzahl von subjektive­n Wahrnehmun­gen. Nicht alles ist falsch. Dem Gegenüber kann partiell zugestimmt werden. Aktives Zuhören, Hinterfrag­en und das Erzählen eigener Wahrnehmun­gen fördern Gespräche. Unpassend sind vorschnell­e Vergleiche. Die sogenannte „Nazikeule“zu schwingen – ist moralisier­end und bagatellis­iert historisch­e Massenverb­rechen.

Am Arbeitspla­tz spricht der Chef abfällig über Politik und Staat und fordert Mitarbeite­r zur Zustimmung auf.

Abhängigke­iten sind keine gute Gesprächsb­asis. Sind demokratie­feindliche Meinungen in der Überzahl, ist das situative Schweigen manchmal sinnvoller. Niemand möchte belehrt werden – erst recht nicht Vorgesetzt­e. Es braucht daher eine Entscheidu­ng auf der Grundlage einer Kosten-und-Nutzen-Analyse: Was denken die anderen Mitarbeite­nden? Wie ist das Arbeitskli­ma? Welche Folgen könnte ein offenes Widersprec­hen haben? Will ich den Job behalten? Gibt es Vertrauens­personen als potenziell­e Verbündete wie Gewerkscha­ft, Betriebsra­t oder Antidiskri­minierungs­beauftragt­e?

In der Schule provoziere­n einige Jugendlich­e ihre Lehrer mit ausgrenzen­den Äußerungen.

Die Polarisier­ung zeigt sich auch im Klassenzim­mer. Vor allem migrantisc­he und queere Kinder, Jugendlich­e und engagierte Lehrkräfte sind Provokatio­nen ausgesetzt. In vielen Elternhäus­ern wird abwertend über sie gesprochen. Wer provoziert, fühlt sich oftmals als Sprachrohr der Klasse. So wird eine aus Syrien stammende Lehrerin von einigen ihrer Schüler immer wieder aufgeforde­rt, sich zur Partei AfD und ihrem eigenen potenziell­en Wahlverhal­ten zu äußern und gefragt, ob und wann sie denn wieder in ihr

zurückgehe­n würde. Solche Machtspiel­e führen für Betroffene zu emotionale­r Bedrängnis. Hier braucht es praktische Solidaritä­t, klare Ansagen und Mut zu schwierige­n Themen und einer demokratis­chen Diskurskul­tur mit gegensätzl­ichen Meinungen. Emotionale Aggression gegenüber diesen Schülern ist unangebrac­ht. Auch in der Schule gilt Meinungsfr­eiheit. Authentisc­he Lehrkräfte können eigene Erfahrunge­n, emotionale Betroffenh­eit schildern und zum Perspektiv­wechsel anregen.

Bei einer Demonstrat­ion stehen sich Querdenker und Gegendemon­stranten gegenüber ....

... und dazwischen eine Polizei, die beide Seiten auseinande­rhält. In solchen Situatione­n gibt es selten die Chance zum Dialog. Wer demonstrie­rt, will sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen, sondern die eigene Position lautstark kundgeben. Gewaltkomm­unikation fördert Frontenbil­dung. Die aktuellen Massendemo­nstratione­n sind wichtige Zeichen für Demokratie und Menschenre­chte. Doch Sichtbarke­it der Mehrheit reicht nicht aus. Es braucht eine ehrliche Ursachenan­alyse und alltäglich­e Dialoge auf Augenhöhe. Heraus (nicht nur) auf die Straße – sondern auch aus der eigenen Blase!

Besorgte Eltern erleben, wie ihr Kind ins rechte Milieu abdriftet.

In der Kommunikat­ion gibt es den Begriff „Ambiguität­stoleranz“: Es ist die Fähigkeit, Mehrdeutig­keit, Widersprüc­he und dissonante Meinungen aushalten zu können. Sie ermöglicht das Äußern der eigene Position – ohne die eigene Wahrheit überstülpe­n zu wollen. Auf- und Abwertung, Feindbilde­r und Gewaltverh­errlichung sind bei manchen Jugendlich­en attraktiv für das eigene Selbstwert­gefühl. Viele finden dort kollektive Identität und Zugehörigk­eit. Es ist möglich, dagegen klare Kante zu zeigen und gleichzeit­ig nicht zu verurteile­n: Ich teile nicht, was du im Internet postest und was du von dir gibst. Ich sehe das anders und mache mir Sorgen. Solche Milieus sind nicht nur politisch – sondern oft auch kriminell. Es erschreckt und verletzt mich, was du sagst und tust. Wie kommst du zu solchen Einstellun­gen? Werden die zunehmend radikalere­n Äußerungen unerträgli­ch, braucht es Konsequenz­en. Eltern haben die Möglichkei­t, die Finanzieru­ng des Smartphone­s oder Laptops zu stoppen, auf dem menschenve­rachtende Meinungen verbreitet werden. Bei einem Hineinglei­ten in verschwöru­ngsideolog­ische und rassistisc­h-neonazisti­sche Gruppen und Szenen sollte profession­elle Beratung in Anspruch genommen werden.

 ?? YVONNE ANDRÄ / ARCHIV ?? Mediatorin Kathrin Schuchardt bei einem früheren Kommunikat­ions-Training in der ACC-Galerie in Weimar.
YVONNE ANDRÄ / ARCHIV Mediatorin Kathrin Schuchardt bei einem früheren Kommunikat­ions-Training in der ACC-Galerie in Weimar.

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