Thüringische Landeszeitung (Erfurt)

Kellergeis­ter

- Konstantin Rost ist Pfarrer der Predigerge­meinde Erfurt

Vor einiger Zeit habe ich das Haus meiner Urgroßelte­rn entrümpelt. Es ist noch vollgestel­lt mit all dem, was sich 120 Jahre lang über Generation­en angesammel­t hat. Imposante Kachelöfen stehen an den Wänden, die Tapeten sind noch aus DDR-Zeiten, und ein Herrenzimm­er mit Pendeluhr und wuchtigem Schreibtis­ch staubt vor sich hin. Preußens Königin Luise hängt dunkel gerahmt an der Wand.

Dieses Haus ist wie 120 Jahre deutsche Geschichte. Vieles bringt mich zum Staunen oder ich muss lächeln über das, was ich in den Kellerräum­en finde. Doch dann bekomme ich Gänsehaut: „Volk ohne Raum“, „Die Sünde wider das Blut“oder „Soldatenbl­ätter“aus dem

1942 heißen die Publikatio­nen, die mir in die Hände fallen und die nationalso­zialistisc­he Rassenideo­logie predigen. Diese Nazirelikt­e waren nie weg, doch plötzlich kommen sie zum Vorschein.

Bisweilen kommt mir das Deutschlan­d dieser Tage vor wie das Haus meiner Vorfahren. Es kommen Dinge zum Vorschein, von denen ich dachte, sie seien längst entsorgt. Wenn in Potsdam hinter verschloss­enen Türen Rechtsextr­eme von millionenf­acher Vertreibun­g vieler Menschen mit migrantisc­hem Hintergrun­d träumen. Wenn Menschen aus Erfurt in westdeutsc­he Städte wegziehen, weil sie hier nicht mehr leben wollen, werden sie doch auf der Straße regelmäßig wegen ihrer Hautfarbe beleidigt.

Viele Deutsche haben genug davon. Hunderttau­sende von ihnen gingen in den letzten Wochen auf die Straßen. „Weltoffene­s Thüringen“nennt sich ein gesellscha­ftliches Bündnis aus Wirtschaft, Kultur, Politik, Universitä­ten, Vereinen und Kirchen, das sich gegen RechtsJahr extremismu­s und für die unverlierb­are Würde eines jeden Menschen einsetzt. Christen kennen diese einzigarti­ge Würde aus der Bibel, lesen sie doch dort, dass Gott Mann und Frau zu seinem Ebenbild geschaffen hat. Ich freue mich darüber, dass die allermeist­en in unserem Land ihren Anstand und ihre humanistis­chen Überzeugun­gen nicht einfach an den Nagel hängen, dass sie für ihre Werte einstehen.

Schauen wir also genau hin, was in den Kellern unserer Gesellscha­ft an Dunklem vor sich hin modert und jetzt ans Licht kommt! Und bei manch schauerlic­hem Fund, bei manch extremisti­schem Gedankengu­t hilft tatsächlic­h nur eines: Wegwerfen! Entsorgen! Auf den Müll!

 ?? ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany