Thüringische Landeszeitung (Erfurt)

Nach Kontrovers­en im Stadtrat: Kinder erklären die Person Nettelbeck

Nettelbeck­ufer sollte umbenannt werden. Zum Namensgebe­r gibt es unterschie­dliche Meinungen

- Casjen Carl

Erfurt. Einen Vorschlag für die Zusatzinfo am Straßensch­ild Nettelbeck­ufer gibt es schon. „Person, die sich am Versklavun­gshandel und Koloniallo­bbyismus beteiligte“. So stand es nämlich auf einem selbstgeba­stelten blauen Papier, das an der Ecke Nettelbeck­ufer/Storchmühl­enweg angebracht war und inzwischen verschwand. Unverkennb­ar waren hier Kritiker der Ehrung am Werk, denn auch das Original-Straßensch­ild war und ist derzeit noch rot durchgestr­ichen.

Stadtrat segnete einen Kompromiss ab

Ist Joachim Nettelbeck es wert, mit einem Straßennam­en geehrt zu werden? Diese Frage warf vor vier Jahren die Initiative Decolonize auf. Und meinte, Nein! Am Ende einer langen Debatte entschied der Stadtrat sich aber für ein Ja. Nettelbeck bleibt. Statt einer Umbenennun­g des Nettelbeck­ufers in GerdSchram­m-Ufer wurde ein Stück Karlstraße in Gert-Schramm-Straße umbenannt. Teil des von Oberbürger­meister Andreas Bausewein (SPD) vorgelegte­n Kompromiss­es waren auch eine Info-Tafel an der Schramm-Straße und Zusatzschi­lder an den Straßenpla­ketten.

Diese Zeitung hatte bereits im Dezember nach der Umsetzung des vom Stadtrates beschlosse­nen Gesamtpake­tes gefragt. Auf den Beitrag reagierte die Stadtverwa­ltung seinerzeit nicht. Nach einer neuerliche­n Anfrage vergingen wieder fünf Tage, ehe die Antwort aus dem Rathaus einging.

Torben Stefani, Leiter des Amtes für Geoinforma­tion, Bodenordnu­ng und Liegenscha­ften und federführe­nd in der Straßennam­enskommiss­ion teilt mit, dass das Gremium den Ratsbeschl­uss umsetzen soll. Es folgt aber nicht der Name des Institutes oder der Erfurter Historiker, die sich mit der Erstellung des Textes beschäftig­en sollen, sondern die Auskunft: „Infolge der sehr kontrovers­en Diskussion­en im Rahmen der Umbenennun­gsdebatte des Nettelbeck­ufers hat sich die Straßennam­enskommiss­ion darauf verständig­t, die Entwicklun­g der Beschilder­ung über ein Schulproje­kt laufen zu lassen.“

Auf diese Weise könnten sich Schülerinn­en und Schüler unvoreinge­nommen und neutral mit der

Thematik befassen. Das führt aber dazu, dass über ein Jahr nach dem Ratsbeschl­uss im April 2023 vergeht, denn: „Infolge der Lehrpläne ist mit einem Ergebnis nicht vor Ende des laufenden Schuljahre­s zu rechnen“, heißt es in der Antwort der Stadt.

Die Kinder stehen tatsächlic­h vor einer anspruchsv­ollen Aufgabe. So muss ja kurz und prägnant erklärt werden, wer Joachim Nettelbeck und Gert Schramm waren. Bei Schramm, einem schwarzen Deutschen, der in der Straße aufwuchs, von Nazis eingekerke­rt wurde und sich später gegen Rassismus stark machte, scheint das eine weniger problembel­adene Aufgabe zu sein. Nach einer – irgendwie nahe liegenden – Nachfrage kann zumindest gesagt werden, dass es nicht die Jenaplansc­hule ist. Naheliegen­d, weil es die direkte Anliegersc­hule ist und die einzige Immobilie Erfurts, die den Namen GertSchram­m-Straße ausweist. Eine Anfrage an die Schule ergab diese Antwort der Schulleitu­ng: „Unsere Schule beschäftig­t sich nicht mit dem Projekt.“

 ?? MARCO SCHMIDT/ARCHIV (1), CASJEN CARL/ARCHIV (1) ?? Straßensch­ild Nettelbeck­ufer: Ein provisoris­ches Schild unternahm als handgemach­te Lösung zwischenze­itlich den Versuch einer Einordnung (kleines Bild): „Person, die sich am Versklavun­gshandel und Koloniallo­bbyismus beteiligte“.
MARCO SCHMIDT/ARCHIV (1), CASJEN CARL/ARCHIV (1) Straßensch­ild Nettelbeck­ufer: Ein provisoris­ches Schild unternahm als handgemach­te Lösung zwischenze­itlich den Versuch einer Einordnung (kleines Bild): „Person, die sich am Versklavun­gshandel und Koloniallo­bbyismus beteiligte“.

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