Thüringische Landeszeitung (Erfurt)

Aufarbeitu­ng darf nicht Schülersac­he sein

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Wie wäre es, wenn wir künftig alles Wichtige von Schülern machen lassen? Wie neue Plätze heißen sollen, welcher Entwurf den Zuschlag für einen Hotel-Neubau bekommt oder wo kostenfrei geparkt werden darf?

Wenn vielleicht einige Schüler und Erwachsene offen dafür wären, ist so etwas in der Praxis kaum umzusetzen. Genau so etwas ist im Zuge der Nettelbeck­Debatte

in Erfurt aber geplant. Ein Schild war versproche­n, auf dem die Person Joachim Nettelbeck samt seiner Vergangenh­eit auf Sklavensch­iffen und als „Retter von Kolberg“dargelegt wird. Das Mindeste, was man nach der Festlegung, dass die Straße weiter nach der zweifelhaf­ten historisch­en Figur benannt bleibt, entscheide­n konnte.

Natürlich steht dann sofort die Frage, welcher Historiker dieses sensible Thema (das übrigens einzig in Erfurt vorhanden ist, denn überall sonst in Deutschlan­d hat man sich für die Tilgung Nettelbeck­s aus dem Stadtbild entschiede­n) angehen soll.

Die Antwort, dass das ganze ein Schulproje­kt werden soll, halte ich für fragwürdig. Nicht, dass junge interessie­rte Menschen mit guten Lehrern keine guten Ergebnisse

liefern können. Aber die Stadt wälzt hier einen hohen Grad an Verantwort­ung an Minderjähr­ige ab. Und macht es sich damit leicht, in dem sie das ihr sehr unliebsame Thema vom Tisch schiebt. Der Gedanke, auf diese Weise eine aktuelle Debatte in den Unterricht einfließen zu lassen, ist ohne Frage eine sehr gute Idee. Doch das geht auch anders.

Als Nächstes stellt sich die Frage, welche Schule involviert wird, wenn es nicht die offensicht­lich naheliegen­dste mit einem direkten Bezug ist. Sicher, auch im Rieth sollten Schüler über koloniales Erbe in ihrer Stadt nachdenken. Aber in diesem Unterfange­n scheint der Plan der Stadt genauso rätselhaft, wie die Diskussion über die Straßenumb­enennung selbst.

 ?? ?? Kathleen Kröger kritisiert den Umgang mit kolonialem Erbe
Kathleen Kröger kritisiert den Umgang mit kolonialem Erbe

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