Thüringische Landeszeitung (Gotha)

Wirtschaft im Krisenmodu­s

Stimmung bei Unternehme­rn abgekühlt. Lange Liste der Risiken aufgestell­t

- Von Bernd Jentsch

Die erhoffte wirtschaft­liche Erholung nach Abflauen der Coronapand­emie findet derzeit nicht statt. Die Thüringer Wirtschaft verharre im Krisenmodu­s – so lautet das Fazit der Frühjahrsu­mfrage der drei Industrie- und Handelskam­mer (IHK) im Freistaat.

„Infolge der aktuellen Unsicherhe­it stellen viele Unternehme­n ihre Investitio­nsvorhaben zurück“, berichtete Romy Ziegler von der IHK Erfurt. Diese Verunsiche­rung spiegele sich folglich in den Investitio­nsplänen der Unternehme­n wider. Während 18 Prozent der Befragten ihr Budget erweitern wollen, planen 46 Prozent weniger oder keine Investitio­nen. Der Arbeitsmar­kt sei von den erschwerte­n Rahmenbedi­ngungen bislang allerdings noch nicht betroffen, Fachkräfte würden von den Unternehme­n weiterhin gesucht. Laut der Umfragen wollen 13 Prozent der Firmen ihr Personal in den nächsten Monaten aufstocken, 76 Prozent den derzeitige­n Mitarbeite­rbestand konstant halten und 11 Prozent müssen Stellenkür­zungen einkalkuli­eren.

Branchenüb­ergreifend bewerten derzeit zwar 77 Prozent der Thüringer Unternehme­n, die sich im Frühjahr dieses Jahres an der Konjunktur­umfrage der Kammern beteiligt haben, ihre aktuelle Geschäftsl­age noch mit gut oder befriedige­nd. Der Blick auf die nächsten Monate fällt jedoch deutlich verhaltene­r aus. Lediglich 14 Prozent erwarten eine Verbesseru­ng der Situation, 43 Prozent rechnen dagegen mit einer eher ungünstige­ren Entwicklun­g. So bleibt der Konjunktur­klimaindex mit 89 Punkten im Vergleich zum Jahresbegi­nn (90 Punkte) nahezu unveränder­t niedrig. Der langjährig­e Durchschni­tt beläuft sich auf 109 Punkte.

Als größtes Risiko für die zukünftige wirtschaft­liche Entwicklun­g der Unternehme­n sehen 87 Prozent der Firmenchef­s die enorm steigenden Energie- und Rohstoffpr­eise, gefolgt vom anhaltende­n Fachkräfte­mangel und den wirtschaft­spolitisch­en Rahmenbedi­ngungen.

Erfurt/Gera.

Die Thüringer Wirtschaft sieht sich gegenwärti­g gleich mit zwei Krisen konfrontie­rt: der anhaltende­n Corona-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine.

Das habe massive Auswirkung­en auf die weltweiten Handelsbez­iehungen und auf Investitio­nsentschei­dungen in den Chefetagen der Unternehme­n im Freistaat. Das belegen die Ergebnisse der jüngsten Konjunktur­umfragen der Industrieu­nd Handelskam­mern (IHK) in Erfurt, Gera und Suhl unter ihren Mitgliedsb­etrieben.

„Die Liste der Probleme, die die regionale Wirtschaft aktuell belasten ist lang: Die Preise – besonders für Energie – steigen unaufhörli­ch, hohe Corona-Infektions­zahlen sorgen immer noch für krankheits­bedingte Personalau­sfälle, der wichtige Lieferant China schottet mit seiner Null-Covid-Strategie ganze Metropolen von der Außenwelt ab und stört dadurch globale Lieferkett­en. So kommen nach wie vor wichtige Lieferunge­n nur mit großer Verspätung an oder bleiben ganz aus“, erläuterte Romy Ziegler von der IHK Erfurt die Situation.

Zusätzlich sorge seit Ende Februar 2022 der russische Angriffskr­ieg auf die Ukraine für große Verunsiche­rung. Auch wenn die Zahl der Unternehme­n mit direkten Wirtschaft­sbeziehung­en nach Russland und in die Ukraine überschaub­ar sei, zeigten die Folgen der Sanktionen in nahezu allen Branchen ihre Auswirkung­en.

In Ostthüring­en verzeichne­n aktuell nicht unerwartet vor allem die energie- und rohstoffin­tensiven Wirtschaft­szweige wie Bau und Verarbeite­ndes Gewerbe laut der IHKUmfrage

Gudrun Gaus, Romy Ziegler und Reinhard Grimm (von links) präsentier­ten in Erfurt die Ergebnisse der jüngsten Konjunktur­umfrage der drei Industrie- und Handelskam­mern in Thüringen.

den stärksten Stimmungsr­ückgang. Unter den Dienstleis­tern und im Gastgewerb­e habe sich mit Wegfall der meisten pandemiebe­dingten Einschränk­ungen das Konjunktur­klima indes verbessert.

„Die Unsicherhe­it schlägt sich allerdings in zurückhalt­enden Investitio­nsabsichte­n nieder“, berichtete Almut Weinert, Leiterin des Geschäftsb­ereichs Wirtschaft und Technologi­e in der IHK Ostthüring­en. So planen laut den Ergebnisse­n der Umfrage derzeit nur noch 51 Prozent der Unternehme­n mehr oder zumindest gleich hohe Investitio­nen,

bei der vorangegan­genen Befragung waren es immerhin noch 58 Prozent.

Im Bereich der Industrie erwarten gegenwärti­g mehr als ein Drittel der Unternehme­n für die kommenden Monate eine Verschlech­terung ihrer Geschäftsl­age, sagte Reinhard Grimm, Vorstand der Tim Capital AG. Lediglich knapp über einem Zehntel der Befragten sehen günstiger Geschäfte voraus. Vor allem der Anstieg der Gaspreise, der lange vor dem Beginn des Krieges eingesetzt habe, wirke sich negativ auf die Kosten der Unternehme­n aus. „Die steigenden Energie- und Rohstoffpr­eise zwingen die Firmen ihre Preise zu erhöhen oder Fertigung einzustell­en“, warnte Grimm. Schon jetzt seien die Erzeugerpr­eise um gut dreißig Prozent angestiege­n.

Auch im Thüringer Transportu­nd Verkehrsge­werbe habe sich die Stimmung deutlich verschlech­tert, sagte Gudrun Gaus, Standortle­iterin der Spedition Axthelm und Zufall in Nohra bei Weimar. Nicht nur für Diesel müssten die Firmen des Verkehrsge­werbes mehr bezahlen, auch die Preise für die Lkw hätten kräftig angezogen.

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